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Politik | Ausland
05/24/2019

Theresa May: Vom Brexit-Zug überrollt

Die glücklose Premierministerin hinterlässt ein gespaltenes Land mit düsteren Aussichten auf einen Chaos-Brexit

Noch einmal presste sie entschlossen all die Schlagworte heraus, mit denen sie so oft ihre Niederlagen ertragen hatte. Doch nach „Optimismus“, „Dankbarkeit“ und „strahlender Zukunft“, ließen sich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Fluchtartig zog sich die Premierministerin hinter die Türen von Downing Street 10 zurück.

Die Frustration, die Theresa May an diesem sonnigen Freitag überwältigte, ist auch die Befindlichkeit, in der sie ihr Land zurücklässt: Am 7. Juni, dem nun fixierten Tag ihres Abgangs.

Als sie vor drei Jahren nach dem „Ja“ ihrer Landsleute zum EU-Austritt die Regierung übernahm, versprach May ihr vom Brexit-Referendum gespaltenes Land zu einen. Genau daran aber ist ihre Regentschaft gescheitert. Sie hatte, wie ihr früherer Berater Ivan Rogers kürzlich in Wien bitter resümierte, nicht die Führungsstärke dafür: „Drei Jahre lang hat sie versucht, einen Bürgerkrieg auszusitzen.“

Mays Fehler von Anfang an war, dass sie sich von den EU-Gegnern, den Brexiteers, von Anfang an unter Druck setzen hatte lassen. Die gesamten Verhandlungen mit der EU wurden von deren politischen Querschüssen geprägt. Die Premierministerin, die sich zuvor für den Verbleib in Europa stark gemacht hatte, war ständig nur bemüht, einen Kompromiss zu finden, der die Brexiteers irgendwie zufrieden stellen könnte. Dass sie dafür das Land noch tiefer spaltete und jede Aussicht auf eine parteiübergreifende Mehrheit im Parlament verspielte, hat die Premierministerin viel zu spät erkannt. Die Brexiteers ließen sie im Gegenzug auflaufen, machten billige Punkte und spalteten so die eigene Partei weiter.

Spielernatur Johnson

Dass jetzt genau diese EU-Gegner die politische Führung in der konservativen Partei und in der Regierung übernehmen werden, macht die Aussichten für Großbritannien noch düsterer.

Boris Johnson, der Favorit für den Job in Downing, ist eine egozentrische Spielernatur.

Vor allem aber ist der Ex-Außenminister überzeugt, dass sich Großbritannien am besten im Alleingang draußen in der weiten Welt bewähren kann. Der „No-Deal-Brexit“, also der vertragslose Ausstieg Großbritanniens aus der EU, ist für ihn eine ernsthafte Perspektive.

Zwar besitzt Johnson Autorität und politisches Geschick, die Theresa May beide nicht hatte, doch in Brüssel reagiert man auf seine Großspurigkeit längst allergisch.

Kurs auf „No Deal“

Den Deal mit seinen verfahrenen Kompromisslösungen – etwa bezüglich der Grenze zu Irland – aufzuschnüren, dürfte gerade ihm schwer fallen. Die Gefahr eines No-Deal-Brexit sei damit „größer als je zuvor“, wie auch Ex-Berater Rogers analysiert. May habe es verabsäumt, ihren Landsleuten klar zu machen, „was der Brexit wirklich bedeutet: Großbritannien wird ganz weit weg von Europa sein.“ Ähnlich schwer dürfte es Johnson fallen, das eigene Land zusammenzuhalten. Schottland wird noch entschlossener in Richtung Unabhängigkeit steuern.

Theresa May hätte all das auch nicht mehr stoppen können. Das einzige, was sie politisch noch zustande brachte, war, ihren Abgang hinauszuzögern. Solange, ätzt der britische Economist, bis ihre Amtszeit „die surreale Phase erreicht hatte“.