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Politik Ausland
08/06/2022

Taiwanesen bleiben trotz chinesischer Bedrohung ruhig

Keine Hysterie, aber Vorbereitung: Kurse in Zivilverteidigung werden spontan besucht. Auch Anleger sind wenig beeindruckt.

Ballistische Raketen landen in GewĂ€ssern um Taiwan. MilitĂ€rflugzeuge und Drohnen testen die Flugabwehr. Chinesische Kriegsschiffe schießen nahe der demokratischen Inselrepublik mit scharfer Munition. Schon lange gilt Taiwan als "der gefĂ€hrlichste Ort der Welt", wie das Magazin "The Economist" einmal titelte. Die Gefahr eines möglichen Krieg ist den 23 Millionen Taiwanesen schon lange nicht mehr so nahe gerĂŒckt wie jetzt.

Doch im Auge des Sturms herrscht Ruhe - ja, auch Unbehagen, Sorge, aber vor allem Trotz und auch Stolz auf die "Insel der Widerstandskraft", wie sie die US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi bei ihrer Visite in Taipeh rĂŒhmte. Die groß angelegten MilitĂ€rmanöver als Reaktion auf ihren Besuch haben die Taiwaner nur noch mehr gegen China aufgebracht. "Echt schlimm", sagt die Kellnerin eines CafĂ©s in Taipeh.

Doch die Taiwanesen sind das SĂ€belrasseln der Kommunisten gewohnt, gehen ihrem normalen Leben nach. Sie sind es leid, von Peking nur als Teil der Volksrepublik behandelt zu werden. Trotz der Spannungen, den grĂ¶ĂŸten seit Mitte der 1990er-Jahre, Ă€ußern viele UnterstĂŒtzung fĂŒr den Besuch Pelosis - den ranghöchsten aus den USA in Taipeh seit einem Vierteljahrhundert.

"Anfangs war ich besorgt, aber jetzt bin ich stolz, das Pelosi nach Taiwan gekommen ist", sagt Cindy Chou, Personalmanagerin eines Hightech-Unternehmens. "Sie versuchen nur, uns zu erschrecken. Warum sollen wir zulassen, dass sie Erfolg haben?", sagt Frau Tseng, SekretĂ€rin einer Berufsvereinigung zu den Manövern. "Ich fĂŒhle mich bedroht, aber lehne es ab, Angst zu haben, weil das ihr Ziel ist."

Viele Taiwanesen besuchen spontan Kurse in Zivilverteidigung, lernen, wie die Sicherheitslage ist, was im Falle einer Invasion getan oder wie Erste Hilfe geleistet werden kann. Lin Hsin-yi, GeneralsekretÀrin einer regierungsunabhÀngigen Organisation, berichtet, viele ihrer Mitarbeiter hÀtten an Kursen teilgenommen oder wollten sie besuchen. "Die Tatsache, dass wir nicht hysterisch sind, bedeutet nicht, dass wir uns der Lage nicht bewusst sind und keine Vorbereitungen treffen."

Wenig beeindruckt von den seit langem grĂ¶ĂŸten militĂ€rischen Muskelspielen Chinas zeigten sich auch die Anleger an der Börse in Taipeh, die frĂŒher in solchen Lagen schon mal eingebrochen war. Nach etwas NervositĂ€t, aber nur leichtem RĂŒckgang, klettert der Index am Freitag wieder um 2,3 Prozent - trotz der Bilder der SchieĂŸĂŒbungen und einer versuchten See- und Luftblockade durch China im Fernsehen.

"Ich habe keine Angst, aber einige meiner Freunde fĂŒhlen sich unbehaglich und unsicher", sagt Frau Yen, PR-Managerin eines großen Bauunternehmens. Wer wisse denn, ob die MilitĂ€rĂŒbungen wirklich wie angekĂŒndigt an diesem Sonntag enden? Und es könne auch niemand sicher sein, dass Raketen, die ĂŒber Taiwan geschossen werden, "nicht auch mal hier landen". Einen Schmusekurs wie den des frĂŒheren PrĂ€sidenten Ma Ying-jeou, der eine AnnĂ€herung an China vorangetrieben hatte, lehnt sie aber ab: "Niemand hatte was davon - außer dass prochinesische GeschĂ€ftsleute profitierten und Taiwan von der WeltbĂŒhne verschwand."

Die heutige PrĂ€sidentin Tsai Ing-wen sei "zurĂŒckhaltend und konzentriert sich auf die Wahrung des Status quo", lobt Frau Yen. Taiwan habe mit seinem Kampf gegen die Pandemie und seiner Hilfe fĂŒr andere LĂ€nder "einige PrĂ€senz in der Welt zurĂŒckgewonnen". "Pelosis Besuch hatte einige Vorteile und einige Kosten", bilanziert sie.

"Es mögen komplexe Motive dahinter stecken. Aber es ist offensichtlich, dass Taiwan unvorstellbare Aufmerksamkeit in den Weltmedien bekommen hat - und einmal nicht fĂŒr Halbleiter, sondern indem gezeigt wird, wie Taiwans Volk fĂŒr Demokratie, Freiheit, Menschenrechte kĂ€mpft, und wie sehr wir uns wĂŒnschen, diese zu schĂŒtzen."

So begrĂŒĂŸen viele Taiwaner die internationale Aufwertung und den RĂŒckschlag fĂŒr Pekings Versuche, das Land in der Welt zu isolieren. Der Chef von Taiwans Meinungsforschungsinstitut (TPOF), You Ying-lung, meinte: "Selbst wenn China den Besuch Pelosi entschieden ablehnt und boykottiert, begrĂŒĂŸt die ĂŒberwiegende Mehrheit der Taiwaner ihre Visite und wĂŒrde von dieser Haltung auch nicht wegen des Drucks aus Peking zurĂŒckweichen."

"Es war nie ruhig um Taiwan, und es war immer von China bedroht, so sind wir daran gewöhnt, aber das Ergebnis dieses Vorfalls ist, dass sich die meisten Taiwaner zuversichtlicher und geeinter fĂŒhlen", schildert der Meinungsforscher. "Ist es möglich, dass die Taiwanesen wirklich immun gegen Chinas MilitĂ€rĂŒbungen sind?", fragt er spĂ€ter listig auf Facebook und liefert gleich die Antwort: "Der Grund ist, dass wir schon viele solcher Injektionen zur Impfung hatten."

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