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Sudan: Leben zwischen neuer Normalität und dem nächsten Massaker

Der Sudan ist geteilt in mehrere Realitäten: Während die Menschen versuchen, die Hauptstadt Khartum wieder aufzubauen, fürchtet man in al-Obeid ein zweites, großes Massaker an Zivilisten.
Ein Mann schiebt eine Sackkarre mit Gepäck durch eine belebte Straße, umgeben von Menschen in traditioneller Kleidung.

Es fühle sich endlich nach Normalität wieder an, sagt Alsanosi Ahmed in einer Videoaufnahme. Der Mann ist sichtlich berührt: „Es ist das erste Mal seit drei Jahren, dass sich unser Fahrradverband wieder trifft.“ Über vierzig Menschen, die sich vor Kriegsbeginn jedes Wochenende in der sudanesischen Hauptstadt Khartum auf ihre Räder schwangen und an die 120 Kilometer den Blauen und Weißen Nil entlangfuhren, bis zum Zusammenfluss in den Nil. „Viele von uns haben sich seit drei Jahren nicht gesehen, weil sie im Land verstreut waren“, sagt Ahmed. Andere fehlen, weil sie getötet wurden.

In Khartum, wo der Krieg zwischen der sudanesischen Armee unter De-facto-Staatschef Abdel Fattah Burhan und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) unter Burhans bisherigem Stellvertreter Mohammed Hamdan Daglo einst seinen Beginn nahm, versuchen Rückkehrer, ihr Leben wieder aufzubauen. Auch wenn die Front und umkämpften Gebiete mittlerweile hunderte Kilometer entfernt sind: Der Krieg hat seine Spuren sichtbar hinterlassen.

300 Prozent Inflation

Zerstörte und geplünderte Häuser und von Einschlägen durchlöcherte Gebäude; verlassene, kaputte Autos, von denen nur mehr das übrig ist, was nicht geklaut werden konnte. Auch wenn sich die Märkte langsam wieder füllen, für viele sind die Lebensmittel unleistbar: Die Inflation wird mitunter auf 300 Prozent geschätzt. Der NGO World Vision zufolge wurden nahezu 40.000 Quadratkilometer Ackerland durch den Krieg schwer zerstört – eine Fläche, die fast der Hälfte von Österreich entspricht.

Trotzdem verlegen seit der Rückeroberung der sudanesischen Armee im Mai 2025 Botschaften und NGOs ihre Hauptquartiere aus dem 800 Kilometer entfernten Port Sudan am Roten Meer wieder zurück in die Hauptstadt. Ein Drittel der ursprünglich acht Millionen Einwohner soll inzwischen wieder zurückgekehrt sein.

Das alltägliche Leben wird dominiert von Stromausfällen: Das Stromnetz war schon vor dem Krieg prekär, dazu kommen nun Schäden und Treibstoffmangel – oder unleistbare Benzinpreise. Auch Wasserpumpen funktionieren dadurch nicht mehr. Sauberes Trinkwasser muss in Fässern angekarrt werden, und wird als wertvolles Gut auf dem Markt gehandelt. Laut dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) beträgt allein der Schaden für das sudanesische Stromnetz seit Kriegsausbruch rund drei Milliarden US-Dollar.

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Anstellen um Essen in einem Flüchtlingslager im Sudan.

Auch wenn die sudanesische Armee, die die Expertenregierung 2021 geputscht hatte, wenig Ansehen in der Bevölkerung hat – angesichts der Verbrechen der RSF im Osten des Landes ist man froh über die Stabilisierung der Lage in der Hauptstadt.

Angst vor zweitem al-Faschir

Doch der Krieg ist nicht vorbei, sondern tobt 400 Kilometer südwestlich weiter: In der sudanesischen Stadt al-Obeid, der Hauptstadt der agrarreichen Region Nord-Kordofan, werden eine halbe Million Menschen, darunter 105.000 Binnenvertriebene, von der RSF belagert.

Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, der Österreicher Volker Türk, warnte bereits vor einer Wiederholung des Massakers in al-Faschir in Nord-Darfur, bei dem 6.000 Menschen, gezielt Männer, innerhalb von drei Tagen von den RSF getötet und Frauen systematisch vergewaltigt wurden. NGOs wie Amnesty International sprechen von einer ethnischen Säuberung, die Gewalt richtete sich zum Teil gezielt gegen schwarze Afrikaner und Nicht-Araber.

Seit Monaten wird al-Obeid durch Drohnenangriffe von der Außenwelt abgeschnitten. Die Stadt liegt an einer wichtigen Verkehrsroute zwischen der von den RSF kontrollierten und rohstoffreichen Region Darfur und einigen der von der Armee kontrollierten östlichen Regionen, entlang einer Ölpipeline. Fällt al-Obeid, hätten die RSF hier eine neue Basis für Drohnenangriffe in der Region, und könnten die Angriffe Richtung Süden und Südosten ausdehnen. Die RSF und ihre Unterstützer, allen voran die VAE, streben nicht nur die Kontrolle über die regionalen Rohstoffe wie Gold an, sondern langfristig auch einen Zugang zum Roten Meer. Mit einer Kontrolle über den Süden des Sudans hätten die RSF einen Landweg zum Verbündeten Äthiopien.

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Armeechef und De-facto-Staatschef Abdel Fattah Burhan.

Im Alltag ohne Drohnen plant der sudanesische Fahrradverband in Khartum nun wieder Radrennen, die in den von der Armee kontrollierten Regionen abgehalten werden sollen. Mit dem Ziel, bald wieder eine sudanesische Radsportnationalmannschaft aufstellen zu können. 

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