Pro-Brexit-Demonstrantin im Union Jack

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Politik Ausland
07/22/2019

So long, komische Europäer - Warum die Briten die EU nie mochten

Mit Boris Johnson als neuem Premier rückt der Brexit noch näher – aus einem Europa, das den Briten immer fremd blieb.

von Konrad Kramar

Ein geeintes Europa, eine „europäische Familie“, der sonst meist übellaunige alte Herr konnte sich für die Idee regelrecht begeistern. „Vereinigte Staaten von Europa“ solle man gründen, schlug Winston Churchill vor, kaum war der Zweite Weltkrieg vorbei. Sein eigenes Land aber, meinte der britische Premier, sehe sich da bloß als „Freund und Gönner“. Schließlich „stehen wir gerne zu Europa, aber nicht als Teil davon“.

Zwei Weltkriege hatte man gegen Kaiser und Diktatoren gewonnen, hatte die Demokratie, die man ja schließlich erfunden hatte, gegen autoritäre Wahnideen dieser Deutschen verteidigt. Wozu also sich mit diesem Europa näher einlassen?

Mit dieser Grundhaltung – tief verwurzelt im 19. Jahrhundert und der Idee eines ihres Weltreichs – gingen britische Politiker mit Nachkriegseuropa um. Nicht nur Churchill, auch seine politischen Gegenspieler der linken Labour-Partei suchten lieber die Partnerschaft mit den USA. Mit Europa verbinde einen doch nicht viel mehr als „die Toten aus zwei Kriegen.“ Ohne großes Interesse wurden die zaghaften Schritte zur europäischen Einigung beobachtet. Zu den Verhandlungen schickte man zweitrangige Diplomaten, und auch die meldeten nach London, dass sich diese Europäer ohnehin nie wirklich einigen würden.

Rationierung statt Adria

Dass man zu guter Letzt, 30 Jahre später, doch Mitglied der EU werden sollte, hatte für die Briten immer den Beigeschmack einer Niederlage. Während die europäische Zusammenarbeit viel besser funktionierte als erwartet, fiel man selbst wirtschaftlich immer weiter zurück. Während die Deutschen Mitte der 1950er fröhlich im VW-Käfer an die Adria tuckerten, wurden auf der Insel weiterhin Lebensmittelmarken ausgegeben. „Wer hat eigentlich diesen Krieg gewonnen?“ wurde zum Stehsatz vieler Briten, um ihren Unmut über die Misere loszuwerden.

Böse Nazis überall

In dieser nationalen Depression lag es nahe, sich an gute alte Vorurteile zu klammern – und die gegen die Deutschen hatte man ohnehin schon vor den Weltkriegen gehabt. Die britische Unterhaltungsindustrie belieferte ihr Publikum mit bösen Nazis. TV-Serien, Comics oder Filmen, überall tauchten Stahlhelmträger auf, die dann so halbdeutsche Sätze wie „Himmel, ein Engländer-Fighter“ von sich gaben.

John Cleese, Mitglied der legendäten britischen Komikertruppe Monty Python bringt diese Haltung gegenüber den Deutschen in einer berühmten Szene aus seiner TV-Serie „Fawlty Towers“ auf den Punkt. Da stiefelt er als Besitzer einer ländlichen Frühstückspension im SA-Stechschritt vor seinen verdatterten Gästen aus Deutschland auf und ab. Und nein, sie sollten sich jetzt nicht über unfaire Behandlung beschweren. Sie hätten ja den Krieg angefangen.

Wie nah solche Comedy-Einlagen der Realität kommen, erlebte noch in den 2000ern der deutsche Außenminister Joschka Fischer. Verärgert fasste er seine Eindrücke eines England-Aufenthaltes zusammen. „Wenn Sie heute noch lernen wollen, wie preußischer Stechschritt funktioniert, müssen Sie britisches Fernsehen konsumieren. Wenn meine Kinder das Deutschland-Bild in den britischen Medien erleben, ist das ein Bild, das sie in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen haben.“

Ein Deutschland-Bild, das Margaret Thatcher, die Säulenheilige der britischen Konservativen, ständig strapazierte. Sie verknüpfte ihre Abneigung gegen Europa und die EU mit einem leidenschaftlichen Hass auf alles Deutsche. „Jedes Unglück, das Großbritannien im 20. Jahrhundert erlebt hat, kam aus Europa“, wetterte sie noch als betagte Dame auf einem Parteitag der Konservativen unter Jubelstürmen ihrer Parteikollegen.

Bis zuletzt hatte sie versucht, die deutsche Wiedervereinigung zu verhindern. „Der deutsche Nationalismus ist nicht tot“ war ihre Warnung. Öffentlich machte diese Haltung einer ihrer Minister. Der Euro etwa, sei „ein Komplott der Deutschen, um Europa zu schlucken, da hätte man es ebenso gut Adolf Hitler schenken können.“

Fußball-Blitzkrieg

„Krauts“, oder „huns“ , also Hunnen:Das sind die bei Briten bis heute gebräuchlichen, unfreundlichen Spitznamen für die Deutschen. Spitznamen, die auch die britische Boulevardpresse unverblümt einsetzt.

Und weil die Nazi-Klischees ohnehin im alltäglichen Gebrauch sind, macht man damit auch Schlagzeilen. Die beste Gelegenheit bietet der Fußball. Da sich die Briten als die Erfinder des Fußballs und als moralische Weltmeister der Sportart begreifen, werden Spiele gegen Deutschland gerne kriegerisch inszeniert. Blätter wie die Sun machen Schlagzeilen wie „Let’s blitz the Krauts“, eine kaum noch zweideutige Anspielung auf den Blitzkrieg des nationalsozialistischen Deutschland.

Mit solchen Anspielungen wird gelegentlich sogar Werbung gemacht. So etwa eine englische Biermarke, die ihr Produkt „Spitfire“ nennt. Der Werbespruch dazu macht die Sache noch deutlicher – auch in der deutschen Übersetzung: „Runtergestürzt in ganz England – genau wie die Luftwaffe.“

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