A Free Syrian Army fighter throws a hand grenade inside a Syrian Army base during heavy fighting in the Arabeen neighbourhood of Damascus in this February 3, 2013 file photograph. The civil war that has unfolded in Syria over the past two and a half years has killed more than 100,000 people and driven millions from their homes. Now, in the wake of last week's chemical weapons attack near Damascus, the world is waiting to see what action Western powers will take and what impact this will have on the Middle Eastern nation and the rest of the volatile region. REUTERS/Goran Tomasevic/Files (SYRIA - Tags: CIVIL UNREST CONFLICT POLITICS) ATTENTION EDITORS: PICTURE 29 OF 40 FOR PACKAGE 'SYRIA - A DESCENT INTO CHAOS.' SEARCH 'SYRIA TIMELINE' FOR ALL IMAGES

© Reuters/GORAN TOMASEVIC

Hochspannung
09/01/2013

So bereiten sich die Syrer auf den Militärschlag vor

Vor allem die USA drängen auf eine Strafaktion. Detonierende Granaten gehören für die Bevölkerung schon zum Alltag.

von Stefan Schocher

Auf die Frage, ob er sich auf ausländische Luftschläge vorbereite, ob er davor Angst habe, reagiert Amal einigermaßen verwundert mit einem Schmunzeln. Krieg, das sei zu so etwas wie einem brutalen Wetterphänomen verkommen in Syrien, sagt der Student, der in einem von der Regierung gehaltenen Vorort von Damaskus wohnt. „Krieg von Westen, von Osten, manchmal von Süden und jetzt vielleicht bald auch von oben.“ Jetzt macht sich Amal eher sorgen um die Prüfung, die er morgen abzulegen hat, und ob er es schaffen wird, in die Stadt zu kommen.

In den vergangenen Tagen hatten die Sicherheitskräfte ihre Checkpoints quer durch Damaskus massiv verstärkt. Manchmal kommt man durch, manchmal nicht, und manchmal sitzt man dann eben in einem Stadtteil fest für einige Zeit. „Einige Zeit“, die nach den Schilderungen Amals zuweilen auch zwei Tage dauern kann. So ist es ihm einmal passiert.

„Normaler Alltag“ – so nennt der junge Mann das. „Wir tun eben, was wir tun.“ Wenn Granaten detonieren, Artilleriegeschütze einschlagen oder Maschinengewehrsalven in der Ferne knattern, zuckt er nicht mehr zusammen. Wie die Kinder, die auf Spielplätzen spielen, während im Hintergrund Artillerie donnert – die Kinder verziehen keine Mine, bauen weiter an ihren Sandburgen.

Die, die nicht mehr auf Spielplätzen spielen, wie Amal, treffen sich in Bars, trinken Tee, rauchen eine Shisha (Wasserpfeife) und reden: Meistens über den Krieg und Politik und darüber, wie es weitergehen wird, wie Amal sagt. All das bis acht Uhr – „da geht die Stadt schlafen, danach ist sie tot.“ In vielen Vororten ist sie das den ganzen Tag über.

Der Tod lauert überall

Artilleriefeuer und Kämpfe gehören in den Vororten zum Alltag ebenso wie Stromabschaltungen oder tote Telefon- und Internetverbindungen. „Wir haben uns daran gewöhnt“, sagt Amal.

Am Mittwoch der Vorwoche war aber alles anders. Da war nichts mehr mit Kriegs-Routine. Nicht für Amal und nicht für Mahmoud. Mahmoud ist Arzt, lebt in der selben Ecke von Damaskus wie Amal – nur in einem Gebiet, das von den Rebellen kontrolliert wird. Einem jener Gebiete, die vergangene Woche mit Giftgasgranaten beschossen wurden. Um zwei Uhr hörte er Geräusche, erzählt er. Danach kamen die Hilferufe. Er fuhr zu seinem Stützpunkt im Ort Zamalka.

Und das fand er vor: Eine Masse an röchelnden Menschen. Einige Tausend. Kinder, Frauen, Männer, Alte, Junge. Manche bereits tot. Mahmoud erzählt mit gepresster Stimme von diesem Tag, am Abend waren alleine in seinem medizinischen Versorgungspunkt 165 Menschen tot. 1476 Tote gab es insgesamt nach seinen Angaben. Zamalka, so Mahmoud, das war ein Zufluchtsort. Überfüllt mit Flüchtlingen, belagert von der Armee, unter Beschuss, ohne Strom, Wasser. Wieso dort? „Das Gebiet war außer Kontrolle der Regierung“, so Mahmouds Antwort.

Panik

Als die Gerüchte über den Giftgaseinsatz die Runde machten, brach überall in Damaskus Panik aus, berichtet Amal. Das Viertel, in dem er lebt, liegt nicht sehr weit von Zamalka entfernt. „Alle Straßen waren gesperrt, alle hatten Angst.“ Aber er könne nicht sagen, wer es war. Mahmud ist dagegen sicher: „Das war der Schlächter Assad.“

Und jetzt Luftschläge? Amal erwartet sie mit stoischer Ruhe, Mahmoud hofft, dass sie ein „Ende der Herrschaft Assads bringen“. „Ich bin sauer“, sagt Amal, „die Regierung schert sich einen Dreck darum, was hier passiert.“ Daher engagiert er sich im Zivilschutz. Amal ärgert aber vor allem, dass etwaige Schläge seiner Ansicht nach nur eines bringen werden: Eine noch tiefere Spaltung der Gesellschaft, während die USA glaubten, so ihr Gesicht wahren zu können. „Luftschläge werden Assad stärken, zugleich die Salafisten und Wahhabiten – schwächen werden sie nur die, die sich in all dem Wahnsinn ein Mindestmaß an Menschlichkeit und Geistesgegenwart bewahrt haben“, sagt Amal. Er hat seine Hoffnung auf eine demokratische Wende nicht aufgegeben. Mit den Kriegsparteien in diesem Konflikt, der rund um ihn wuchert, will er nichts zu tun haben.

Mahmoud hat bescheidenere Wünsche: „Wir brauchen Medikamente und die Gewissheit, dass so etwas nicht mehr passiert – wir sind frei, wir werden frei sein, wir lieben die Freiheit.“

Regime stellt sich auf Raketenhagel ein

Die syrische Führung gab sich am Samstag keinen Illusionen mehr hin. „Wir rechnen jeden Moment“ mit einer Militärintervention des Westens, hieß es in der Hauptstadt Damaskus. Zugleich gab sich das Regime kämpferisch: „Wir sind jederzeit zur Vergeltung bereit.“ Sogar Hafez al-Assad, ein Sohn von Machthaber Bashar al-Assad, schlug in diese Kerbe. Auf seiner Facebook-Seite schrieb er auf Englisch: „Wir sind geboren, um zu kämpfen.“ Die Amerikaner verhöhnte der Elfjährige als „Feiglinge“.

Derweil wurden in Damaskus Verbände der syrischen Armee sowie Ausrüstung offenbar in Wohngebiete verlegt. Das Staatsfernsehen strahlte patriotischer Lieder aus.

Die UN-Inspektoren, die einen Giftgasangriff der Vorwoche untersuchen, haben indes das Land verlassen. Aus UN-Kreisen hieß es, für ihren Abschlussbericht würden sie noch zwei Wochen brauchen.

Russlands Präsident Putin, der offenbar als Geste des guten Willens geplante Waffenlieferungen an Syrien auf Eis legen ließ, forderte hingegen von den USA klare Beweise: „Wenn sie keine vorlegen, dann heißt das, dass sie keine haben.“ Einen Angriff auf Syrien vorbei an der UNO nannte Putin „unannehmbar“.

Auch der Iran warnte die USA vor einem Waffengang in Syrien. Wenn die Vereinigten Staaten glaubten, dass eine Intervention innerhalb der syrischen Grenzen bleibe, so sei das eine Illusion, so der Kommandant der Revolutionsgarden Ali Jafari laut der Nachrichtenagentur ISNA. Jafari richtete auch eine Warnung an Verbündete der USA: Ein Angriff werde auch die „nationale Sicherheit dieser Länder beeinträchtigen“.

Fischer für Polit-Lösung

Österreichs Staatschef Heinz Fischer appellierte an die USA, zunächst den Bericht der UN-Inspektoren abzuwarten. Zudem äußerte er die Ansicht, dass es für den blutigen Konflikt „keine militärische Lösung“ gebe.

Mögliche Ziele

Böse Mutter, brutaler Bruder: Diktatur als Familienbetrieb

Bashar al-Assad betreibt seine blutige Diktatur wie einen Familienbetrieb: Sein Cousin Rami Machluf regelt die Finanzen, sein Bruder Mahir bekämpft den Widerstand und soll für die Giftgasmassaker verantwortlich sein, sein Schwager Assif al-Schaukat war Geheimdienstchef, er starb im Juli 2012. Und auch Assads Mutter, Anisa Machluf, seine ältere Schwester Bushra und Ehefrau Asma mischen kräftig mit.

Die Assads haben in den mehr als 40 Jahren ihrer Herrschaft ein Milliardenvermögen angehäuft. Dagegen machen sich die exzessiven Bestellungen der bildschönen, 38-jährigen First Lady Asma, die als Tochter eines syrischen Kardiologen in London aufwuchs und dort von ihren Freundinnen im christlichen Internat Emma gerufen wurde, geradezu kleinlich aus. Wie der Guardian aus dem gehackten e-Mail-Account des Ehepaars Assad zitierte, bestellte Asma nach Ausbruch des Bürgerkriegs bei Harrods handgefertigte Designermöbel und in Paris Diamanten-Ketten. Bei Amazon orderte sie unter anderem ein Fondue-Set und eine Harry-Potter-DVD, vermutlich für die drei Söhne Hafis, 11, Zein, 9, und Karim, 8. Insgesamt wurden dem Guardian 3000 private e-Mails zugespielt, geschrieben 2011 und 2012.

Die Außenseiterin

Asma, die sich immer so westlich und modern gab, gilt als launenhaft. In der Familie war sie lange die Außenseiterin. In einer ihr zugeordneten e-Mail heißt es aber über ihren Mann, den sie mit dem arabischen Spitznamen Batta (Ente) anspricht: „Ich bin der wirkliche Diktator, er hat keine Wahl.“

Bashar al-Assad musste nach dem tödlichen Autounfall seines Bruders Basil als Thronerbe einspringen und wurde im Jahr 2000 nach dem Tod seines Vaters Hafez Syriens Präsident. Der in London ausgebildete Augenarzt brachte die schöne Asma, die Finanzanalystin bei JP Morgan war, mit nach Damaskus. Berichte von syrischen Oppositionellen besagen, dass der Assad-Clan dem jungen Paar ab 2005 die westlichen Allüren ausgetrieben habe. Asma war Assads Mutter Anisa und ihrer mächtigen Schwägerin Bushra ein Dorn im Auge.

Mutter und Schwester

Anisa, die Witwe des ersten Präsidenten gilt als äußerst willensstark. Sie soll ihre Söhne beherrschen, wiewohl sie sich stets im Hintergrund hält. Durch sie wurden auch ihre Verwandten aus der Familie Machluf mächtig. So kontrollierte ihr Neffe Rami Machluf bis zu 60 Prozent der syrischen Wirtschaft. Ohne „Mister fünf Prozent“ konnte niemand Handel treiben. Rami Machluf musste vorher geschmiert werden und verschaffte dem Clan schier unendlichen Reichtum.

Auch Bushra, Assads einzige Schwester, ist nicht ohne. Die heute 53-jährige Pharmazeutin verliebte sich mit Ende Zwanzig in Assif al-Schaukat, damals verheirateter Vater von fünf Kindern. Sie soll die Heirat gegen den größten Widerstand ihrer Familie durchgesetzt und Schukats Karriere immer weiter befördert haben. Damit zog er sich den Hass ihres jähzornigen kleinen Bruders Mahir zu, der Schukrat im Streit mit einem Bauchschuss niederstreckte. Der Geheimdienstchef Schukat starb im Juli 2012. Seine Witwe Bushra gilt laut Opposition als eine der Hardlinerinnen des Regimes. Ihr Bruder Majed starb 2009, er war geistig zurückgeblieben.

Die modische Asma kommt aus einer angesehenen sunnitischen Familie aus Homs und war lange Zeit nur geduldet. Die Assads stammen aus Qardaha und gehören dem alawitischen Kalabiyya-Stamm an.

Im Überlebenskampf des Regimes dürfte Asma an Einfluss gewonnen haben. Ihr Vater schickte aus London Durchhalteparolen. Der bis dahin angesehene Kardiologe Fauaz Akhras schlug vor, in Großbritannien veröffentlichtes Videomaterial, das die Folterung von Kindern durch das Regime zeigte, als britisches Propagandamaterial abzutun. In den bis 2012 abgefangenen e-Mails, die der Guardian veröffentlichte, riet er seinem Schwiegersohn, einen staatlichen TV-Sender zu gründen, der in englischer Sprache sendet, „damit wir in ihrer eigenen Sprache und Mentalität zu der Welt sprechen können, um unsere Sicht der Dinge zu verbreiten“.

Rat aus Katar

Eine Tochter des Emir von Katar, sie ist eine Freundin von Asma al-Assad, beschwor die Frau, ins Exil zu gehen: „Angesichts der Weltlage und der Eskalationen gibt es nur zwei Möglichkeiten: Machthaber, die abtreten und politisches Asyl bekommen – oder Machthaber, die brutal angegriffen werden.“ Zur Flucht ist es möglicherweise zu spät.

Heile Welt: Assads Instagram-Account

Historischer Abriss

Osmanen

Das Gebiet des heutigen Syrien gehörte über Jahrhunderte zum Osmanischen Reich. Nach dem Ersten Weltkrieg war Syrien ein französisches Protektorat.

Unabhängigkeit

1946 wurde die Syrische Republik ausgerufen, deren Geschichte vor allem durch den Konflikt mit Israel geprägt sein sollte. Zwischen 1958 und 1961 galt formell ein staatlicher Zusammenschluss mit Ägypten, der durch einen Putsch syrischer Offiziere beendet wurde.

Ära der Baath-Partei

Durch einen weiteren Putsch 1963 ergriff die arabisch-sozialistische Baath-Partei die Macht. Aus jahrelangen parteiinternen Machtkämpfen ging 1970 Hafez al-Assad siegreich hervor. Von Anfang an war seine Politik geprägt von einer konsequenten Unterdrückung der islamischen Opposition. Nach dem Tod Hafez al-Assads im Jahr 2000 übernahm Bashar al-Assad die Führung des Staates.

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