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Politik | Ausland
06/14/2019

Schweizer Frauen streiken: "Mitmachen ist selbstverständlich"

Die Berner Journalistin Nadine Brügger erklärt, warum Tausende Landsfrauen heute die Arbeit niederlegen.

Im Kampf gegen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen findet heute, Freitag, der zweite "Frauenstreik" in der Geschichte der Schweiz statt. Auch die 29-jährige Journalistin Nadine Brügger (siehe Instagram-Bild weiter unten) nimmt daran teil. Sie rechnet mit Hunderttausenden Teilnehmerinnen.

KURIER: Ist der Frauenstreik ein großes Thema?

Nadine Brügger: Er ist gerade das brennendste Thema in der Schweiz. Lohngleichheit, Vereinbarkeit von Karriere und Familie, sexuelle Gewalt, gläserne Decke – alles Stichworte, die überall diskutiert werden.

Das schlägt sich auch in der medialen Berichterstattung nieder. Im letzten Monat wurden gleich viele Artikel zum Thema Lohngleichheit, bzw. -unterschiede zwischen Frauen und Männern publiziert wie im ganzen Jahr davor.

Wie gleichberechtigt sind Frauen heute?

Juristisch gesehen sind die Frauen in der Schweiz gleichgestellt. Tatsächlich sieht es aber anders aus. Beim WEF Gender Gap Report belegt die Schweiz Rang 20 – hinter Ländern wie Nicaragua, Ruanda oder Namibia.

Problematisch ist vor allem die Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) verdienen Frauen im Durchschnitt 17,4 Prozent weniger Lohn pro Jahr. Knapp die Hälfte davon ist durch objektive Faktoren wie berufliche Stellung, Dienstjahre oder Ausbildungsniveau nicht zu erklären. Das BfS schreibt: "Dies bedeutet, dass Frauen bei vergleichbaren, beobachtbaren Merkmalen im Schnitt 7,7 Prozent weniger verdienen als Männer."

Frauen sind zudem noch immer viel stärker in schlecht bezahlten Sektoren angestellt und leisten den überwältigenden Anteil der unbezahlten Care-Arbeit für Kinder, Kranke und Alte.

Wie sieht es bei der Kinderbetreuung aus?

Die Schweiz hat weltweit eine der teuersten Kinderbetreuungen. Für viele Paare lohnt es sich darum kaum, wenn die Mutter arbeitet, weil sie mit ihrem Lohn knapp die Betreuung der gemeinsamen Kinder finanzieren können. Dass es dann die Frauen sind, die in Paarbeziehungen mit Kindern 70 Prozent der Hausarbeit leisten, liegt auf der Hand.

Gleichzeitig steht einem frischgebackenen Vater per Gesetz gerade mal ein Tag „Vaterschaftsurlaub“ zu. Zum Vergleich: Wer umzieht, bekommt dafür bis zu zwei freie Tage. Damit wird die traditionelle Rollenverteilung zementiert, den Frauen stehen per Gesetz 14 Wochen Mutterschaftsurlaub zu.

Handelt es sich beim Frauenstreik um einen „echten“ Streik, der von Gewerkschaften mitgetragen wird?

Punkt 11 Uhr beginnt der Frauenstreik im ganzen Land mit einer symbolischen Streikpause. Danach sind regional verschiede Events geplant.

Punkt 15.24 Uhr legen die Schweizerinnen dann erneut gemeinsam die Arbeit ganz nieder. Bei durchschnittlich 20 Prozent weniger Lohn und normalem Arbeitsbeginn arbeiten Frauen ab diesem Zeitpunkt jeden Tag gratis. Nun finden Sternenmärsche, Besammlungen und Reden statt, gefolgt von grossen Demonstrationsmärschen.

Damit hat es sich mit der nationalen Uniformität. Der Frauenstreik ist dezentral organisiert. In fast allen Kantonen haben sich Streikkomitees gebildet. Zudem haben verschiedene Interessensgruppen sich überregional zu Kollektiven zusammengeschlossen. Die Gewerkschaften sind an Bord, aber nicht tonangebend.

Was sind die wichtigsten Forderungen?

Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, bezahlbare Kinderbetreuung, Kampf gegen sexuelle Gewalt, Elternzeit für Mutter und Vater, mehr Frauen in Führungspositionen (die 20 größten Schweizer Unternehmen hatten noch nie eine Frau an der Spitze) und mehr Frauen in der Politik.

Gibt es Schätzungen, wieviele Frauen sich am Frauenstreik beteiligen wollen?

Am ersten Frauenstreik von 1991 nahmen eine halbe Million Schweizerinnen und Schweizer teil. Nicht schlecht für ein Land, dass seit den 1940er Jahren kaum noch gestreikt hat. 2019 werden noch viel mehr Streikende erwartet.

Im Gespräch mit Frauen und Männern auf der Strasse zeigt sich: Für die meisten ist Mitmachen selbstverständlich. Auch für mich. Bei Nau.ch sind wir zudem in der privilegierten Lage, dass unser Chefredaktor Micha Zbinden den Streik voll unterstützt – und das auch medial sehr transparent gemacht hat.

In meinem Umfeld kenne ich kaum eine Frau - und nur wenige Männer – die den Frauenstreik nicht unterstützen.

Wie gehen Berufsverbände, Politik und Wirtschaft mit dem Streik um?

Der Streik ist schweizweit sehr akzeptiert. Das zeigt sich auch in seiner breiten Abstützung. Engagiert sind nicht nur linke Politikerinnen und Gewerkschaften, sondern auch die Bäuerinnen und Landfrauen, Kulturschaffende, die Katholische Kirche, Männer-Büros, Universitäten, Lehrbetriebe oder die Initiatorinnen der Klimademos.

Die größte Errungenschaft des Frauenstreiks – noch bevor er stattgefunden hat - ist für mich, dass Gleichstellung ein selbstverständliches Tagesthema geworden ist.