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Politik Ausland
11/29/2021

Schwedens Premierministerin ist Ex-Schwimmerin - und zum Freistil verdammt

Magdalena Anderssons Partei hat nicht einmal ein Drittel der Sitze, sie ist auf wechselnde Mehrheiten angewiesen.

von Jens Mattern

Innerhalb von fünf Tagen wurde sie zweimal zur Premierministerin Schwedens gewählt, jetzt will Magdalena Andersson durchstarten. Das Kontrollierte und Pflichtbewusste gilt als Markenzeichen der ehemaligen Finanzministerin. Die zielstrebige 54-Jährige wird in Schweden gerne „Bulldozer“ genannt. Doch vergangene Woche war auch sie mit ihren Nerven am Ende – wenn auch nur für kurze Zeit: Denn die Sozialdemokratin war bereits am Mittwoch im Parlament zur Regierungschefin bestätigt worden. Daraufhin setzte allerdings die Opposition ihren Haushaltsvorschlag per Abstimmung durch. Die Umweltpartei wollte das nicht akzeptieren, stieg aus der Minderheitskoalition mit den Sozialdemokraten aus, was Andersson als Respektlosigkeit empfand und nur knapp nach ihrer Wahl zurücktrat.

Nun wird sie doch die erste schwedische Premierministerin, allerdings an der Spitze einer Mini-Minderheitsregierung. Gerade einmal 100 von 348 Sitzen werden von der schwedischen Traditionspartei beansprucht. Jedoch steht Andersson für hohe Leistungsbereitschaft: „Ich bin ehemalige Spitzensportlerin im Schwimmen, ich gewinne gerne“, sagte sie in einem Interview.

Als Einzelkind einer Gymnasiallehrerin und eines Hochschullektors holte sie in der Schule Bestnoten. Nach einem Studium der Volkswirtschaft in Stockholm folgten akademische Aufenthalte an der Universität Wien sowie in Harvard.

Danach wirkte sie Jahre im Finanzministerium sowie im Finanzamt, 2014 wurde sie unter ihrem nunmehrigen Vorgänger Stefan Löfven Finanzministerin. Die zweifache Mutter beschreibt sich „als nicht volksnah“, aus ihrem Umfeld sind Beschreibungen wie „besserwisserisch“ und „kalt“ zu hören.

Sozialdemokratin wurde sie jedoch laut eigener Angaben aus Mitgefühl – als Kind erfuhr sie vom Leid der Kinder in Afrika und wollte etwas ändern. Ihre Regierungsgeschäfte wird Andersson vor allem im Freistil erledigen müssen – mit wechselnden Partnern.

Lauernde Gegner

Dazu gehören die liberale Zentrumspartei, die Linkspartei sowie der einstige Bündnispartner „Umweltpartei“, sowie eventuell „Die Liberalen“. In Skandinavien hat diese Vorgehensweise Tradition und ist für Oppositionsparteien ein probates Mittel, eine Minderheitsregierung zu tolerieren, ohne dabei die politische Verantwortung zu übernehmen. Doch Andersons Möglichkeiten, der schwedischen Politik ihren Stempel aufzudrücken, sind definitiv geschrumpft, wie sie am Mittwoch feststellen musste.

Vor allem die bürgerliche Opposition hofft, bald selbst auf der Regierungsbank zu sitzen. Der Chef der oppositionellen „Moderaten“, Ulf Kristersson, betonte, der Haushalt sei das wichtigste Mittel einer Regierung – der neuen Premierministerin wirft er darum vor, „um jeden Preis“ regieren zu wollen. Er und seine Verbündeten hoffen auf eine baldige Überforderung Andersons, die auf mehr Wohlfahrtsstaat setzen wollte. Dabei nehmen die Bürgerlichen auch die gemeinsame Arbeit mit den Schwedendemokraten in Kauf.

Ein Thema dieser Partei will auch Andersson in Angriff nehmen: Sie versprach die erfolgreiche Bekämpfung der kriminellen Banden, deren Auseinandersetzungen wöchentlich zu Toten führt. Ihr Erfolg – oder Misserfolg – dürfte für die Parlamentswahlen im September 2022 entscheidend sein. Am Dienstag will Andersson ihr neues Kabinett vorstellen.

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