© Jens Mattern

Reportage
01/07/2022

Schwedens Drogenproblem: Wenn Bandenkriege Städte zerstören

45 Menschen fielen im Vorjahr Bandenkriegen zum Opfer. Wie eine schwedische Stadt Segregation und Gangsterkultur den Kampf ansagt.

aus Linköping Jens Mattern

"Der Gast saß mit drei Personen an diesem Tisch hier, ein Mann kam herein, und er schoss sofort, vier oder fünf Mal", erzählt Herr Alyousef, Mitbesitzer des "Fresh Kolgrill" im schwedischen Linköping. Mehr kann oder will der gebürtige Syrer, Anfang Dreißig, nicht erzählen – auch nicht, wie sein Vorname lautet.

Besagter Mann, mittlerweile tot, war ein führendes Bandido-Mitglied, und wurde Ende August am helllichten Tag in einem heruntergekommenen Einkaufszentrum erschossen. Er ist eines von 45 Opfern, die Schwedens Bandenkriege in diesem Jahr gefordert haben.

Die Auseinandersetzungen werden immer härter, die Appelle an die Politiker, Lösungen zu präsentieren, immer lauter. Denn nicht nur die Metropolen mit ihren Vororten sind Schauplätze eines Kampfes, sondern auch kleinere Orte. Etwa Linköping, eine Universitätsstadt mit etwas über 100.000 Bewohnern – elf Schießereien und vier Tote wurden hier 2021 gezählt.

2021 wurden 305 Schießereien in Schweden registriert, 100 Personen wurden verletzt, 45 getötet. Das Land verzeichnet seit 2018 die meisten Tote durch Schusswaffen in Europa.

Die Konflikte drehen sich meist um Drogen: Lange wurde primär Haschisch verkauft, mittlerweile geht es auch um Crystal-Meth und Kokain. Die Schweden gewichten das Problem stärker als die Pandemie, bei den Wahlen 2022 wird die Bekämpfung Thema Nummer eins sein.

Ursachensuche

Die Kommune gilt als reich. In der historischen Innenstadt locken dezenter Lichterschmuck und großräumige Design-Läden die Schwedinnen und Schweden in gut geschnittenen Mänteln zum Einkauf; im Industrieviertel bieten Unternehmen wie Saab und Ericsson das entsprechende Gehalt.

Die Problemzone heißt Skäggetorp, ein Stadtteil im Norden, gegründet Mitte der 1960er-Jahre, mit vielen flachen Mehrfamilienhäusern. Hier hat fast jeder Bewohner heute Migrationshintergrund. Die Arbeitslosigkeit liegt bei zwanzig Prozent, inoffiziell weit darüber.

Die bürgerlich geführte Kommune sagt nun mit einem umfangreichen Programm dem Bandenkrieg den Kampf an. Mehr Kameras, mehr Kontrollen, mehr Aufklärung an den Schulen, mehr Dialog mit den Bürgern, ein Aussteigerprogramm – umgerechnet knapp acht Millionen Kronen sollen im kommenden Jahr investiert werden.

Dan und Sofia sind Teil der Maßnahmen. Sie wirken als "Feldgänger", als wandernde Sozialarbeiter der Kommune, ausgestattet mit einer leuchtend roten Jacke und einer späten Dienstzeit.

Sofia hat viel mit Kinder-Ängsten zu tun. Denn die Gangs "rekrutieren" etwa für Kurierdienste schon Achtjährige. Präsenz zeigen die beiden etwa in Ryd, einem Problemviertel, das sich an Skäggetorp anschließt. Dort treffen die beiden im Einkaufszentrum auf eine herumlungernde Mädchengruppe, kein Mädchen hat viel Interesse an einer Unterhaltung.

"Wir drängen uns nicht auf", erklärt Dan, "aber die Jugendlichen wissen, das wir hier sind und sie mit uns sprechen können." Jeden Abend sind einige der insgesamt 15 "Feldgänger" unterwegs, am Wochenende auch im mondänen Zentrum, wo der Alkohol in Strömen fließt.

Abu Baker, ein junger Mann mit afrikanischen Wurzeln aus Berga, dem dritten Problemviertel, glaubt an seine Mission. "Ich vermittle, dass man es schaffen kann, jetzt studiere ich Elektrotechnik in Norrköping", erklärt der 18-Jährige im Teeraum der Kommune – abends ist er als Hilfskraft der "Feldarbeiter" unterwegs.

Hinzu kommt Maxim, dessen bullige Statur in einem grünen Parka steckt. "Du willst Action sehen, ha?", meint er zum KURIER und lacht laut. Das, was er mache, sei "tougher", er treffe aussteigewillige Kriminelle in der Stadt. Maxim gehört zur "Sozialen Einsatzgruppe" der Kommune, die ein Aussteigerprogramm verantwortet. Ihr Chef, Thomas Flygare, empfängt in einem Büroraum.

Wie alle anderen hat der bärtige Beamte keine einfache Antwort auf die Frage, warum es gerade in Linköping so viele Schießereien gibt. Derzeit wollten jedoch mehr aus den Gangs aussteigen. Ein Grund sei die steigende Gewalt: "Einige wurden angeschossen, andere erlebten, dass ihr Kumpel angeschossen wurde."

Mut als Ausweg

Ein Weg aus dem Problemviertel ist Sport. Mit Fußball hat es etwa der 36-jährige Martin Mutumba geschafft. Der Sohn ugandischer Eltern erzählt vor Jugendlichen von seinem Weg: Ein Bursch aus dem berüchtigten Stockholmer Viertel Rinkeby wird zu einem Fußballstar. Dazwischen lagen Verletzungen, Rückfall in die Kriminalität und das Erleben von Rassismus in den schwedischen Fußballligen.

Die Zuhörer, viele haben ebenso afrikanische Wurzeln, scheinen gebannt, ihre Smartphones rühren sie nicht an. "Versucht nicht, der beste Fußballer der Welt zu sein, versucht, die beste Version euer selbst zu sein", schließt Mutumba seinen Vortrag ab, dann umringen ihn die Fans.

Vielleicht ein Weg aus der "Segregation": Wie in Dänemark will auch Premierministerin Magdalena Andersson soziale Brennpunkte durch Umsiedlungen in andere Stadtteile auflösen. Doch dagegen gibt es Proteste, vor allem von Bewohnern der gutbürgerlichen Viertel. Viel Zeit für die Umsetzung ihrer Vorhaben hat die Sozialdemokratin nicht, denn die nächsten Wahlen stehen bereits im September 2022 an.

Ihr Parteikollege in Linköping, Stadtrat Elias Aquirre, sieht in dieser Frage nur einen Ausweg: "Wenn viele Menschen aus verschiedenen Ländern zu einem Ort kommen, dann kann die Gesellschaft nicht gut gelingen. Wir wollen, dass nicht mehr Zuwanderer in Stadtteile wie Skäggetorp kommen."

Wer kann, geht weg

Die bürgerlich regierte Kommune habe seit drei Jahren de jure die Möglichkeit, einen solchen Ansiedlungsstopp umzusetzen und Einwanderern Wohnungen in anderen Stadtteile zuzuweisen, wolle dies jedoch nicht machen. Beim Spaziergang zeigt der Sozialdemokrat auf eine der Schulen von Skäggetorp. Dort hätten 98 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, es gebe große Probleme mit dem Erlernen der schwedischen Sprache.

Es gilt die ungeschriebene Regel: Wer kann, verlässt das Viertel.

Einige tun dies temporär. So die Pensionistin mit dem Vornamen Irene, die auf den Stadtbus Nummer eins wartet. "Es war ein Fehler, hier her zu ziehen", meint die ehemalige Krankenschwester, die vierzig Jahre in Göteborg gearbeitet hat. Nun fährt sie zum Einkaufen ins Zentrum. In Skäggetorps Shoppingcenter mag sie nicht hinein: "Zu viele Einwanderer, die nicht Abstand halten."

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