Russland-Experte: "Wir sind in der letzten Bananenrepublik-Phase des Putinismus"

Russian President Putin urges law enforcement to tighten security following Moscow attack
Der Historiker Mark Galeotti über die ukrainische Kriegs-Strategie und die "letzte Bananenrepublik-Phase des Putinismus".

Der Krieg in der Ukraine dauert bereits mehr als zwei Jahre an, ein Ende ist weiter und noch lange nicht in Sicht. Zuletzt appellierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erneut eindringlich an die Republikaner im US-Kongress, die von ihnen blockierten Milliarden-Hilfen für Kiew freizugeben. "Wenn der Kongress der Ukraine nicht hilft, wird die Ukraine den Krieg verlieren", sagte Selenskyj am Sonntag.

Verlieren oder gewinnen? Wer entscheidet diesen Krieg für sich? Und gibt es überhaupt einen Gewinner? Das mehr beantwortete am Montag-Abend auch der Russland-Experte und Historiker Mark Galeotti in der ZIB2. "Es ist heutzutage etwas unklar, was gewinnen und verlieren heißt? Wenn wir davon sprechen die ganze Ukraine oder Kiew einzunehmen, ist das für Russland außer Reichweite geraten. Die  Frage ist aber auch, ob die Ukraine, so wie sie es sich zum Ziel gesetzt hat, die Russen wieder rauswerfen kann. Und das ist der Grund, wieso es leider auf eine Pattsituation hinauslaufen wird. Wo keine Seite gewinnen und keine Seite verlieren kann."

Historiker Galeotti analysiert Putins Pläne

Ukrainische Strategie

Während die Ukraine in diesem Jahr ihre Kräfte bündle und erst nächstes Jahr wieder eine Gegenoffensive starten wolle, schließt Galeotti aus, dass Putin andere NATO-Länder angreifen würde: "Die russische Armee, die einst als die zweitstärkste der Welt galt, hat sich als die zweitstärkste in der Ukraine entpuppt. Die Idee, dass sie die NATO-Allianz herausfordern kann, scheint derzeit undenkbar." Die Frage sei allerdings, welche Kompromisse man mit Putin eingehen würde, sollte man einen Deal machen. "Aber weder im Westen, noch in der Ukraine, reden wir aktuell darüber, wie Russland langfristig eingeschränkt werden kann."

Putins Guerillakrieg gegen den Westen habe zudem vor allem das Ziel, den Westen zu neutralisieren und zu lähmen. Also mit anderen Dingen zu beschäftigen und gegeneinander auszuspielen. "Aus seiner Sicht weiß er, dass er den Westen nicht direkt herausfordern kann. Was er versucht, ist, zu verhindern, dass der Westen in der Lage ist, eine nachhaltige Unterstützung für die Ukraine aufzubringen", so Galeotti in der ZIB2.

Putins Regime

Putins Regime in Russland sei "stark aber brüchig". Zwar könne der Kreml die Bevölkerung unterdrücken, aber: "Was er nicht kann, ist gut auf Krisen zu reagieren." Sei es die Meuterei von Prigoschin und seinen Wagner-Söldnern oder der Terroranschlag in Moskau: "Den die Russen auf sehr unglaubwürdige Weise der Ukraine unterschieben wollten. Wann immer wir eine Krise sehen, sehr wir tatsächlich, dass Putins System große Probleme damit hat, damit fertig zu werden." Jede weitere Krise eine eine Möglichkeit, dass das Regime zusammenbricht.

Derzeit befinde man sich in der "letzten Bananenrepublik-Phase des Putinismus". Man gibt nicht mehr vor demokratisch zu sein. Das werde in den nächsten Jahren nur noch schlimmer werden. "Bis Putin und sein Regime stürzen." Putin würde zudem so lange wie möglich an der Macht bleiben: "Die größte Ungewissheit liegt in seiner Gesundheit. Manche Leuten sagen, er sei furchtbar krank. Wahrscheinlich ist er das aber nicht. Leider scheint er robust genug zu sein, dass er noch einige Jahre vor sich hat."

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