© EPA/MAXIM SHIPENKOV

Analyse
12/17/2020

Putins Patient: Wieso Nawalny nie beim Namen genannt wird

In seiner jährlichen Monster-Pressekonferenz pries Russland wieder einmal über alles. Den Namen Aleksej Nawalnys nahm er dabei nicht in den Mund, dafür machte er die USA für Enthüllungen über ihn verantwortlich.

von Evelyn Peternel

Knapp eineinhalb Stunden sitzt Wladimir Putin schon in seinem als „Bunker“ verspotteten Büro in Nowo-Ogarewo, einem Moskauer Vorort, sein Videobild wird in alle Regionen und die ganze Welt übertragen. Und dann kommt sie, die Frage, auf die alle gewartet haben: Wieso es keine Ermittlungen im Fall des versuchten Giftmordes an Aleksej Nawalny gebe, fragt ein Journalist.

Putin lächelt, wie meist bei solchen in die Dramaturgie eingeplanten Fragen. Hunderte Journalisten sind bei seiner jährlichen, mehr als vier Stunden dauernden Pressekonferenz zugelassen, die Fragen sind zuvor sorgfältig ausgewählt: Da kommen Beschwerden über korrupte Beamte, die Putin dann öffentlich schelten kann, oder Bitten nach Orden für Menschen, die jemanden aus einem Feuer gerettet haben.

Der Patient in Berlin

Auch die Frage nach dem Oppositionellen muss Putin nicht fürchten. Dass vor einigen Tagen internationale Medien berichteten, dass Nawalny vor seiner Vergiftung lange von russischen FSB-Agenten verfolgt worden sei, ist für ihn nur logisch: „Der Patient wird schließlich vom US-Geheimdienst unterstützt! Natürlich wird er deshalb von anderen Agenten verfolgt. Das heißt aber nicht, dass er vergiftet worden ist“, sagt Putin. Außerdem, so der Präsident, sei der FSB nicht so schlecht in dem, was er mache: Wenn russische Agenten Nawalny vergiftet hätten, wäre der wohl gestorben.

Das Wörtchen „Berliner Patient“ – Nawalny wurde ja in Deutschland behandelt – verwendet Putin konsequent. Sein Name fällt während der ganzen Pressekonferenz nie, und das hat Logik. Der Kreml sprach immer schon lieber vom „Blogger“ oder „Journalisten“ Nawalny.

"Rache der USA für 2016"

Eine Ausweichtaktik, die Putin auch bei anderen heiklen Themen anwendet. Die Fragen nach Enthüllungen über eine uneheliche Tochter und eine Geliebte, die plötzlich reich wurde, übergeht er einfach; Hinweise auf Anschuldigungen, dass sein Ex-Schwiegersohn nach der Heirat Milliarden über dubiose Deals verdient habe, nennt er „Informationskrieg“. „Das ist ein Trick“, sagt Putin, die Details seien vom US-Geheimdienst – ebenso wie jene zum Fall des „Berliner Patienten“. „Das ist die Rache für 2016, das ist für mich klar. Man will sich in Russlands Politik einmischen.“

Freilich, dass Moskau 2016 in Trumps Wahl beeinflusst habe, will Putin nicht bestätigen. Die Geschichte würde nur genutzt, um Trumps Präsidentschaft zu delegitimieren.

Corona als Nebenaspekt

Das derzeit bestimmendste Thema in Russland – Corona – bleibt eher Nebensache. Dass angeblich Neuinfektionszahlen nach unten gedrückt und Todesfälle unter den Teppich gekehrt werden, kommt nicht zur Sprache; geredet wird nur darüber, was gut gelaufen ist: „Wir waren besser als viele andere Staaten.“

Diese Aussage zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Veranstaltung. Man habe 2020 einen „Tsunami an Problemen“ erlebt, aber sei immer besser als viele andere gewesen, sagt Putin mehrfach. So sei etwa das BIP-Minus in Russland geringer als in der EU und in den USA, zudem habe man einen Impfstoff. Er selbst habe den noch nicht erhalten; derzeit wird Sputnik V nämlich nicht für Über-60-Jährige empfohlen. Putin ist bereits 68.

Am Ende der Pressekonferenz darf dann noch ein Journalist aus Europa ans Wort, und auch der passt perfekt in die Dramaturgie. Der Mann aus Island lobt Putin dafür, Veranstaltungen wie diese abzuhalten, europäische Medien kritisiert er dafür, Fake News über den russischen Präsidenten abzuhalten.

Nur Fragen hat der Mann keine.

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