In der russischen Stadt Krylatskoye: zum Corona-Notspital umfunktionerte Eishalle

© REUTERS/MAXIM SHEMETOV

Politik Inland
12/05/2020

Wo sind die russischen Corona-Toten? Nicht in der Statistik

Russland jubelt über seinen "Sputnik"-Impfstoff. Doch Putins Volk leidet in der Pandemie unter Arzneimangel und schlechter Versorgung.

Nikolay Zakharov, ein 61-Jähriger aus Saratow, einer Stadt im südwestlichen Russland, blieb am Weg zur Arbeit oft bei der Wohnung seines Sohnes stehen, um seinen Enkeln Früchte zu bringen oder auf sie aufzupassen. Anfang November rief er vom Auto aus an: „Komm runter, ich komme nicht hinauf.“ Als sein Sohn Sergey, ein 37-jähriger Ingenieur, zum Auto kam, erklärte ihm sein Vater , ohne seine Maske abzunehmen: „Ich fühle mich schlecht: Ich sollte nicht hineingehen.“

Am nächsten Tag erschien er nicht zur Arbeit. Die Angehörigen aktivierten den staatlichen Gesundheitsdienst, so wie das in Russland üblich ist: Das Gesundheitssystem ist gratis, in Krankheitsfällen wird der Bezirksarzt gerufen. Üblicherweise muss der Arzt den Patienten am Tag des Anrufes aufsuchen.

Wo sind die Ärzte?

Zwei Tage später kam ein Krankenpfleger. Er führte keinen Corona-Test durch und verschrieb stattdessen Antibiotika-Spritzen. Allerdings sind diese in keiner Apotheke in ganz Saratow, einer Stadt mit 850.000 Einwohnern, erhältlich. Im Herbst sind Antibiotika aus den Apotheken regelrecht verschwunden.

Elena, Nikolay’s 56-jährige Frau, rief die Rettung. Gleich wie der Bezirksarzt tauchte sie nicht auf. Inzwischen war der Sauerstoffgehalt in Nikolays Blut auf 64 Prozent gefallen. Sein Sohn Sergey rief panisch alle Ambulanzen durch. Überall sagte man ihm, sein Vater müsse warten. „Wir haben nur drei Krankenwägen und wir bekommen 130 bis 140 Anrufe pro Tag“, lautete die Auskunft an einer Station.Viele Anrufe später wurde Nikolay Zaharov schwer erkrankt ins Spital gebracht, wo er vier Tage später starb. Seine Frau Elena blieb in Heimquarantäne und wartete mit milden Symptomen vergeblich auf einen Test. Ohne diesen war es ihr nicht möglich, das Begräbnis ihres Mannes zu besuchen.

Die Pandemie kam mit ein paar Wochen Verspätung nach Russland. Eine Gelegenheit für die staatlichen Fernsehsender (die von der Mehrheit der Russen konsumiert werden), zu unterstreichen, wie richtig die Maßnahmen der Regierung seien. Ein Bild von Wladimir Putin in einem gelben Schutzanzug in einem Corona-Spital sandte eine klare Botschaft: Der Präsident ist in jeder Hinsicht auf die Pandemie vorbereitet.

Es gab Bilder von überfüllten Leichenhäusern und Krankenstationen, Schlangen von Arbeitslosen – aber irgendwo in den westlichen Demokratien. Die russische Bevölkerung sah, wie rasch neue Spitäler mit moderner Ausrüstung öffneten. Russische Ärzte wurden nach Italien beordert und medizinische Ausrüstung in die USA geschickt.

Die zweite Welle

Die zweite Welle des Coronavirus im Herbst wurde dann zu einem großen Problem für die Regionen, deren wirtschaftliche Lage schwieriger ist als jene der Hauptstadt Moskau. In Saratow hatte das zur Folge, dass Geräte zur Computer-Tomographie, die von staatlichen Stellen geschickt wurden, zwei Monate ungenutzt herumstanden – die Region konnte sich die Inbetriebnahme schlicht nicht leisten.Russland ist ein Land der Kontraste: So ist es das erste Land der Welt, das eine Covid-19-Impfung zuließ. Im Widerspruch dazu steht, dass viele Leute nicht einmal Tests bekommen. Als der im Westen wegen geringer Tests kritisch beäugte Impfstoff „Sputnik V“ im August vorgestellt wurde, waren viele Bürger skeptisch.

Dazu kamen Gerüchte einer Impfpflicht – etwa für alle Ärzte und Lehrer. In der aktuellen, verzweifelten Lage zeigen sich die Menschen jedoch bereit für Experimente des Staates: „Ich habe Angst davor, krank zu werden. Ich habe nur diese Lungen“, sagt etwa Elena, eine Englischlehrerin in Saratow. „Sobald die Impfung zu uns kommt, werde ich mich dafür anmelden.“

Die ersten 42 Chargen, die in die Stadt geliefert wurden, gingen an medizinisches Personal. Jetzt wartet man auf den zweiten Teil der Lieferung, der 2.000 Dosen umfasst.

In der benachbarten Region Ulyanovsk wurde ein Arzt, der mit „Sputnik V“ geimpft wurde, eine Woche später Corona-krank. „Die Impfung hat zwei Phasen: Drei Wochen nach der ersten Injektion kommt eine zweite. Der kranke Arzt hatte es noch nicht geschafft, die zweite zu bekommen und daher war er nicht immun“, erklärte das regionale Gesundheitsministerium.

Wie viele Tote?

Über die Anzahl der Corona-Opfer wird viel spekuliert. Auch die russischen Bürger haben ihre Zweifel. Denn: Wenn es kaum Kranke gibt, warum gibt es dann kaum Medizin zu kaufen? Und warum kennen sie selbst so viele Menschen mit Corona-Erkrankung?Das hängt auch damit zusammen, wie die Statistiken geführt werden: Die Verdachtsfälle dürfen nicht ins Krankenhaus gehen, bevor der Bezirksarzt kommt. Falls einer kommt, werden kaum Tests durchgeführt – das führt zu weniger Fällen in der Statistik.

Und: In Russland wird in der Sterbestatistik erfasst, welche bestehende Krankheit durch die Corona-Infektion verschlimmert wurde. „Bei einer Person, die einen Gehirntumor hatte und die coronainfiziert starb, wird als Todesursache der Tumor genannt“, meint ein Arzt, der nur unter dem Namen „Aleksey“ genannt werden will. Offiziell sind in der Region zwölf Personen aus medizinischen Berufen gestorben.

Eine unabhängige „Allianz der Ärzte“ veröffentlichte kürzlich ein Video im Internet, in dem sie die Zustände beklagte. „Wir haben auch nicht genug Personal – alle laufen davon, weil die Zahlungen ausbleiben“, sagte darin eine Ärztin. „Die Bedingungen sind schrecklich – wir verladen den ganzen Tag Leichen.“

Ein paar Tage später lag ein Begräbniskranz vor ihrer Tür – diese Botschaft war klar.

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