Polit-Streit: Buenos Aires verbietet genderneutrale Sprache

Demonstranten halten Schilder mit der Aufschrift „Ley Integral Trans ¡YA!“ bei einer LGBTQ-Pride-Parade in Buenos Aires.
Die Debatte um die männlich-dominierte Grammatik des Spanischen ist in ganz Lateinamerika ausgebrochen. Argentinien galt eigentlich als Vorreiter.

Die Idee einer genderneutralen Sprache ist im Spanischen deutlich komplizierter umzusetzen als in vielen anderen Sprachen. Schuld daran ist die von der männlichen Form dominierte Grammatik: Im Spanischen wird eine Gruppe von Personen grammatikalisch männlich, sobald darunter auch nur ein einziger Mann ist - die Zahl der Frauen ist völlig irrelevant. Ein klassisches Beispiel ist "padres", das spanische Wort für "Eltern"; Wörtlich übersetzt heißt es "Väter".

Vor allem in Lateinamerika gibt es aber Versuche, genderneutrale Sprache auch auf Spanisch einzuführen. Mithilfe von speziellen Wortkreationen wird etwa aus "amigos" (Freunde) "amigues". Schriftlich wird auch mal mit Sonderzeichen ausgeholfen, aus "bienvenidos" (Willkommen) wurde an vielen argentinischen Schulen etwa "bienvenid@s"; aus "todos" (alle) "todxs".

Verbot in Buenos Aires

Wie im deutsch- oder französischsprachigen Raum ist auch in der spanischsprachigen Welt eine Diskussionen darüber ausgebrochen, ob der Versuch, auch jene zu inkludieren, die sich nicht als männlich oder weiblich identifizieren, die eigene Sprache entwertet. Die Stadtregierung der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires preschte nun vor und erließ Ende Juni gar ein Verbot für die Nutzung von genderneutralem Spanisch an Schulen. Lehrer dürften weder mit Schülern, noch mit Eltern die neuen Begriffe verwenden.

Es ist eines der ersten solchen Verbote weltweit - und hat einen Polit-Streit zwischen der Stadtregierung und dem argentinischen Bildungsministerium vom Zaun gebrochen.

"Solch eine Sprache verletzt die Regeln des Spanischen und behindert die Lesekompetenz der Schüler", meinte Soledad Acuña, die Bildungsbeauftragte der Hauptstadt. Die 47-Jährige weigerte sich, von einem Verbot zu sprechen. "Sprache an sich ist nicht mehr oder weniger inklusiv, es hängt immer davon ab, wie Menschen sie einsetzen."

Argentiniens Bildungsminister Jaime Perczyk sieht das gänzlich anders. Er verglich das Verbot mit Maßnahmen während der Franco-Diktatur in Spanien, als Linkshänder in der Schule etwa gezwungen waren, mit rechts zu schreiben. "Sie glauben, dass sie etwas korrigieren, aber es geht ja weit über Sprache hinaus. Die Schüler nutzen genderneutrale Sprache als Werkzeug, um sexistische Traditionen der argentinischen Kultur zu bekämpfen", so der Bildungsminister. Die Stadtregierung von Buenos Aires erhielt bereits Klagen von fünf Menschenrechtsorganisationen.

Dass ein solches Verbot ausgerechnet in Argentinien ausgerufen wurde, ist durchaus überraschend. Das Land gilt in Lateinamerika als eine Vorreiternation bei den Rechten von LGBTQI-Personen. 2012 erließ die Regierung etwa als erste weltweit ein Gesetz, dass es Menschen gestattete, ihr offizielles Geschlecht ändern zu lassen, ohne zuvor einen Arztbesuch absolvieren zu müssen. Seit einem Jahr müssen zudem ein Prozent aller Beamtenjobs von Transgender-Personen besetzt sein. Ein Kind des Präsidenten Alberto Fernández identifiziert sich offen als nicht-binär.

Debatten in ganz Lateinamerika

Die Debatte in Argentinien steht sinnbildlich für die Situation in Lateinamerika. In vielen Ländern wird über die Nutzung von genderneutralem Spanisch gestritten; in Kolumbien etwa, wo kürzlich mit Francia Marquéz die erste schwarze Frau zur Vizepräsidentin gewählt wurde, gab es aus dem rechtskonservativen Lager massive Kritik an Marquéz' Nutzung von genderneutralen Phrasen auf Wahlplakaten.

Francia Elena Márquez Mina reckt die Faust, daneben Gustavo Francisco Petro Urrego.

Auch in Brasilien - im Portugiesischen gelten ganz ähnliche Grammatikregeln - ist das Thema längst zum Politikum geworden. Der rechtsextreme Präsident Jair Bolsonaro sprach etwa davon, dass genderneutrale Begriffe Brasiliens Kinder "ruinieren" würden. In mehr als 35 brasilianischen Gemeinden sind sie deshalb bereits verboten worden.

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