Greens faction meeting in Berlin

© REUTERS / HANNIBAL HANSCHKE

Politik Ausland
09/29/2021

Plötzlich Vizekanzler? Der heimliche Gewinner der deutschen Wahl

Robert Habeck musste im Wahlkampf der Grünen noch Annalena Baerbock den Vortritt lassen. Bei den Koalitionsgesprächen könnte nun seine große Stunde schlagen.

von Sandra Lumetsberger

Er war nicht der Spitzenkandidat, und doch könnte Robert Habeck aus der Wahl in Deutschland als Gewinner hervorgehen: Der Grünen-Chef soll bei einer grünen Regierungsbeteiligung den Posten des Vizekanzlers übernehmen. Das habe er laut deutschen Medien mit Kanzlerkandidatin  Annalena Baerbock vereinbart. Habeck selbst will dies nicht bestätigen, die Frage sei „irrelevant“, sagte er am Dienstag. Und versuchte, das Bild zu verdrängen, wonach die Co-Chefin geschwächt sei.

Die Partei stehe in 120-prozentiger Geschlossenheit hinter dem Bundesvorstand und hinter Baerbock als Person, so Habeck. Die Grünen haben am Sonntag mit 14,8 Prozent zwar ihr historisch bestes Ergebnis erzielt, aber sie „wollten mehr“, erklärte Baerbock. Und räumte „eigene Fehler“ ein.

Nach ihrer Nominierung hatten die Grünen in den Umfragen sogar die Union auf Platz eins überholt. Bis sich ein Fehler an den anderen reihte und sie nicht mehr aus den Negativ-Schlagzeilen herauskamen. Die 40-Jährige wirkte bei Auftritten zunehmend verunsichert und tauchte im Sommer für einige Zeit ab. Habeck betrat die Wahlkampfbühne – wesentlich befreiter, da er nicht die Last der Kandidatur zu tragen hatte.

Wäre er der bessere Kandidat gewesen? Diese Frage diskutierten Grüne nur hinter vorgehaltener Hand. In Umfragen kam er bei einer breiteren Schicht an, allerdings war er in der Vergangenheit thematisch nicht immer sattelfest oder frei von Fehlern. 

In den anstehenden Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen, die er mit Baerbock  führen will, bringt er jedenfalls viel Erfahrung mit. Habeck hat in Schleswig-Holstein, wo er mehrere Jahre Minister- und Vize-Regierungschefs war, ein Bündnis mit der CDU und FDP auf den Weg gebracht („Jamaika“). Auch jetzt will er sich an den dortigen Gesprächsrunden orientieren – und das Trennende zunächst beiseitelassen. Vielmehr soll es um die Frage gehen: „Was können wir eigentlich gemeinsam gut machen.“

Ein typischer Habeck-Zugang, den der frühere Schriftsteller zum Erfolgsrezept der Grünen gemacht hat: positiv sein, lösungsorientierte Vorschläge bringen, selbstbewusst den Machtanspruch betonen. Die Macht müssen sich die Grünen jedenfalls mit anderen teilen – noch ist unklar, ob mit SPD und FDP („Ampel“) oder mit Union und FDP („Jamaika“). Zwar trennt sie von den Liberalen so einiges bei sozial-, steuer-, finanzpolitischen Fragen, aber der starke Wille zu verändern eint.

Beide haben „gegen den Status quo der Großen Koalition wahlgekämpft“, erklärte FDP-Chef Christian Lindner nach der Wahl  – ehe er den Grünen Vorgespräche anbot. Die Vorsondierungen zwischen den zwei kleinen Parteien sollen am Mittwoch starten. Und anders als man in Talkshows oft zu sehen und zu hören bekam: Zwischen Lindner und Habeck soll die Chemie stimmen. Den liberalen Vize-Chef Wolfgang Kubicki, der bei Verhandlungen nicht fehlen wird, kennt er aus Schleswig-Holstein. 

Wie und was FDP und Grüne aneinander Gutes finden werden, am Ende muss es auch den Anhängern gefallen. Dass das Grünen-Spitzenduo die Vizekanzler-Rolle geklärt haben soll, erschien manchen verfrüht. Jürgen Trittin, Grünen-Urgestein, warnte vor öffentlichen Debatten um Posten. Zuerst müsse um Inhalte verhandelt werden. 

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