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Politik Ausland
02/16/2020

Pete Buttigieg: Vom Fanboy zum Konkurrenten

Pete Buttigieg. Als „Mayor Pete“ jung war, schrieb er über sein Vorbild Bernie Sanders – jetzt tritt er gegen ihn an.

von Dirk Hautkapp

Zufälle gibt’s. Als Pete Buttigieg zur Highschool ging, nahm der damals als schüchtern und blitzgescheit bekannte Bub aus South Bend/Indiana an einem renommierten Schreibwettbewerb der John F. Kennedy Presidential Library in Boston teil. Und gewann.

Sein von Bewunderung angetriebener Essay widmete sich einem Mann, dessen Mut, sich zum Sozialismus zu bekennen, für Buttigieg in der damaligen Zeit „gleichbedeutend war mit einer selbst beigebrachten Schusswunde“. Ein Mann, dem er „Energie, Aufrichtigkeit, Überzeugung, und die Fähigkeit, Menschen an einen Tisch zu bringen“ attestierte. Sein Name: Bernie Sanders. Exakt 20 Jahre später kämpft das 38-jährige „Wunderkind“ der Demokraten mit dem vier Dekaden älteren Senator aus Vermont um das Präsidentschaftsticket gegen Donald Trump. Und das aussichtsreich.

Nächste Tests
Nach den beiden Vorwahlen in Iowa und New Hampshire, in denen Pete
Buttegieg jeweils überraschend gut abgeschnitten hat, steht am 22. 2. Nevada auf dem Wahlkalender und am 29. 2. South Carolina, ehe am  3. 3. am „Super
Tuesday“  mit Vorwahlen in 14 Bundesstaaten, darunter große wie Kalifornien, eine Vorentscheidung fallen könnte

4750 Delegierte  bestimmen nach dem Ende aller Vorwahlen auf dem Nominierungsparteitag im Juli den demokratischen
Kandidaten

US-Wahl
Am 3. 11. tritt der demokratische Herausforderer gegen Amtsinhaber Donald Trump zur Präsidentschaftswahl an

Nach den ersten Vorwahlen in Iowa und New Hampshire ist Buttigieg, der im vergangenen Frühjahr mit klug klingenden Sätzen und acht Jahren Bürgermeister-Erfahrung in seiner 100.000 Einwohner zählenden Heimatstadt seine Kandidatur anmeldete, zum Favoriten der gemäßigten demokratischen Wählerschaft aufgestiegen. Anders als Bernie Sanders ist Buttigieg (gesprochen: „Buddedschidsch“) kein Verkäufer von ausbuchstabierten Konzepten.

Wer ihn im Wahlkampf reden hört, erlebt einen in sich ruhenden Wortschmied, der die wohlklingende Unschärfe zu seinem Markenzeichen gemacht hat. „Ich will die Leute nicht in Details ertränken“, sagt er. Wichtiger ist dem mit seinem Mann Chasten Glezman seit 2018 verheirateten Historiker die „politische Erzählung“. Buttigieg ist überzeugt, dass die Demokraten das Weiße Haus nicht zurückerobern werden, bevor sie das von den „Republikanern gekaperte Vokabular“ – Frieden, Sicherheit, Leistung, Stärke, Leidenschaft, Respekt – glaubwürdig zurückgewonnen haben.

Keine „Ideologiekeule“

Wer das mit der Ideologie-Keule versuche, wird scheitern, sagt Buttigieg.

Ist Buttigieg darum der einzige Kandidat, der Donald Trump nicht ständig zu Darth Vader stilisiert? Aus seiner Verbundenheit zum Mittleren Westen weiß er, dass viele dort schon 2016 ahnten, dass Trump kein guter Mensch ist, sagt Buttigieg. „Aber sie haben ihn mit offenen Augen gewählt.“ Vor allem aus Enttäuschung über eine demokratische Partei, „die zu lange wegsah“. Kann man mit dieser Philosophie im tief polarisierten Amerika Mehrheiten hinter sich bringen? „Man muss“, findet Buttigieg. Auf Kundgebungen zeigen sich viele, die ihn zum ersten Mal live sehen, angenehm überrascht.

„Was er sagt und wie er es sagt, klingt trotz seines Alters erfahrungsgesättigt, vernünftig und stößt niemanden vor den Kopf, der anders denkt“, sagte der 57-jährige Jim Bonner zum KURIER.

Wie wird man so? Pete Buttigieg hat sich, um beim Didgeridoo-Spielen den Ton halten zu können, Zirkular-Atmung beigebracht. Norwegisch lag ihm am Herzen, um Erlend Loe, einen Lieblingsautor, im Original lesen zu können. Nebenbei spricht Buttigieg sieben andere Sprachen.

In der Theatergruppe seiner Schule glänzte er als Theseus in Shakespeares Mittsommernachtstraum. Am Klavier ist der Linkshänder so solide, dass ihn Stadt-Orchester ohne Zögern für eine Kostprobe auf die Bühne bitten. Buttigieg kommt aus einem kopflastigen Akademiker-Elternhaus.

Vater Joseph, Einwanderer von der Mittelmeer-Insel Malta und vor einem Jahr mit nur 71 Jahren gestorben, war an der direkt neben South Bend gelegenen Universität Notre Dame Englisch-Professor und Experte für den Marxismus-Theoretiker Antonio Gramsci. Seine Mutter Jennifer Anne Montgomery arbeitete als Linguistik-Professorin. Nach katholischer Privatschule und Studium an den Top-Universitäten Harvard (Geschichte und Literatur) und als Rhodes-Stipendiat in Oxford (Philosophie, Politik und Wirtschaft) versuchte sich Buttigieg bei der Unternehmensberatung McKinsey, strebte aber schnell wieder in seine Heimatstadt, wo er 2011 im Alter von 29 Jahren zum Bürgermeister gewählt wurde.

Damals war South Bend eine der vielen „sterbenden Städte“ im Mittleren Westen.

Leer stehende Häuser, hohe Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Obdachlosigkeit und Perspektivlosigkeit prägten Jahrzehnte das Stadtbild. Nach Amtsantritt ließ Pete Buttigieg in weniger als 1.000 Tagen 1.000 verlassene Häuser abreißen, Straßenbeläge erneuern, die Innenstadt mit breiteren Gehwegen und Bäumen aufwerten und Tempolimits zum Schutz der Passanten verhängen. Er hasst Raser. Durch Steuergeschenke zogen Unternehmen aus EDV und Biotech nach South Bend.

„Nicht alles Gold“

Inzwischen ist der Bevölkerungsrückgang gebremst und die Arbeitslosigkeit von 13 auf 4 Prozent gesunken. Neben neuen Hotels verströmen Start-ups in den roten Backsteingebäuden der ehemaligen Studebaker-Zentrale ein bisschen Silicon-Valley-Atmosphäre. „Es ist nicht alles Gold“, sagt Mark Neal, der Buttigiegs Kämmerer war, „aber ohne Pete’s Enthusiasmus wäre vieles nicht entstanden.“

In South Bend ereigneten sich auch die Dinge, die dem jungen Kandidaten immer häufiger vorgeworfen werden. In seiner ersten Amtszeit als Bürgermeister ließ er den schwarzen Polizeichef absetzen. Er hatte gegen (weiße) Kollegen wegen Rassismusverdachts ermitteln lassen.

Bei der TV-Debatte kürzlich in New Hampshire wurde Buttigieg vorgerechnet, dass in seiner im Dezember 2019 geendeten Amtszeit Schwarze überproportional oft von Verhaftungen wegen Marihuana-Konsums betroffen waren. In allen Fällen gestand „Mayor Pete“ Verantwortung für „Versäumnisse und Fehler“ ein. Am 29. Februar bei den wichtigen Vorwahlen in South Carolina, wo Afroamerikaner die Mehrheit bei den Demokraten stellen, wird sich weisen, ob die Entschuldigungen akzeptabel waren. Wenn nicht, könnte Pete Buttigiegs Höhenflug abrupt enden.

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