Die französische Polizei kontrolliert in den Abendstunden Fahrzeuge im Nordosten von Paris.

© APA/EPA/YOAN VALAT

Charlie Hebdo
01/08/2015

Nächtliche Fahndung nach Paris-Attentätern

Polizei mit Helikoptern und Infrarotkameras im Einsatz. Verstärkter Objektschutz in Wien. EU-Treffen geplant.

Frankreich steht nach dem blutigen Attentat in der Redaktion "Charlie Hebdo" weiter unter Schock. Abertausende Menschen in ganz Europa solidarisieren sich mit den zwölf Opfern und den Angehörigen (siehe Bilder unten).

Mit Helikoptern und Infrarotkameras

Tausende französische Polizisten suchen indes fieberhaft nach den Brüdern Chérif (32) und Saïd K. (34), den mutmaßlichen Attentätern von Paris. Am frühen Abend war von einem Polizeigroßaufgebot vor dem Wald von Longpont nahe der Stadt Villers-Cotterets, wo die Verdächtigen zuletzt gesichtet wurden, berichtet worden. Dieser Polizeieinsatz wurde beendet, die Suche nach den beiden geht aber auch in der Nacht weiter.

Es wird vermutet, dass die Verdächtigen zu Fuß auf der Flucht sind, ihr bisher letztes bekanntes Fluchtfahrzeug wurde am Donnerstag gefunden. AFP berichtet, dass das Pariser Fluchtfahrzeug der beiden mit Molotow-Cocktails und Dschihadisten-Flaggen bestückt gewesen sei.

Landesweit sind nach Angaben von Innenminister Bernhard Cazeneuve 88.000 Sicherheitskräfte im Einsatz. Auch bei den Einfahrtsstraßen nach Paris sind verstärkt Polizeiposten zu sehen, noch sind aber alle Zufahrten geöffnet. Großbritannien hat die Grenzkontrollen zu Frankreich verstärkt, an Häfen und am Eurotunnel gibt es schärfere Kontrollen.

Die französische Justiz hat bis dato Untersuchtungshaft über neun Verdächtige verhängt.

Terrortraining im Jemen

Einer der beiden islamistischen Attentäter von Paris ist laut CNN zum Terrortraining im Jemen gewesen. Dort habe er 2011 an der Ausbildung örtlicher Al-Kaida-Einheiten teilgenommen. Zugleich hieß es, auch die USA hätten die beiden Attentäter im Visier gehabt. So seien die beiden Franzosen unter anderen auf einer No-Fly-Liste gestanden, was ihnen Flüge in den USA untersagte.

Paris: Bisherige Anschläge auf Medien

Stummer Protest in vielen Städten

Frankreich steht unter Schock nach dem blutigen Attentat auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Nach der Schweigeminute für die zwölf Opfer um 12 Uhr sind auch am Donnerstagabend abertausende Menschen in Paris erneut gegen den Terror auf die Straße gegangen. Sie versammelten sich zu einem stummen Protest auf dem riesigen Platz der Republik, nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernt. Um 20.00 Uhr wurden die Lichter des Eiffelturms abgeschaltet.

ITALY FRANCE HEBDO

FRANCE PARIS HEBDO

ATTACKE IN PARIS: MAHNWACHE IN SALZBURG

ATTACKE IN PARIS: MAHNWACHE IN SALZBURG

NETHERLANDS FRANCE CHARLIE HEBDO ATTACK

Rome's Capitol Hill, designed by Renaissance artis…

ITALY FRANCE HEBDO

TURKEY FRANCE CHARLIE HEBDO ATTACK

Candles, flowers and signs of support for Charlie …

Employees of German news magazine "Der Spiegel" ho…

A woman with 'I am Charlie' written on her face p…

People light candles as they pay tribute to victim…

Verstärkter Schutz in Österreich

Auch in Österreich sind die Sicherheitsvorkehrungen für französische Einrichtungen verschärft worden. Die betreffenden Gebäude, darunter die französische Schule in Wien, würden stärker von der Polizei überwacht, die Zugangskontrollen verschärft.

Ministertreffen in Paris

Auf Einladung der französischen Regierung findet kommenden Sonntag in Paris ein Treffen der EU-Justiz- und Innenminister statt. Wie der KURIER erfuhr, wird Innenministerin Johanna Mikl-Leiter für Österreich dabei sein. Die Minister wollen über Maßnahmen gegen den Terror reden.

KURIER vor Ort: Unser Reporter Philipp Hacker-Walton berichtet, wie die Stimmung in Paris 24 Stunden nach dem Attentat ist.

Dritter mutmaßlicher Täter stellte sich

Hamyd M., der jüngste der drei Verdächtigen und der Schwager eines der beiden Hauptverdächtigen, hatte sich bereits am späten Mittwochabend in der Nacht gestellt. Der 18-Jährige, der laut Polizei an dem Vorfall beteiligt gewesen sein soll, ging von sich aus auf eine Polizeistation in der nordöstlichen Stadt Charleville-Mezieres nahe der Grenze zu Belgien und wurde dort festgenommen. Er beteuert nach ersten Berichten seine Unschuld und soll ein Alibi haben.

Nach Angaben der Ermittler ging M. zur Polizei, nachdem sein Name in sozialen Netzwerken im Internet zirkulierte. Schulfreunde und Nachbarn des 18-Jährigen haben allerdings Zweifel an dessen Komplizenschaft: "Mourad ist gestern den ganzen Vormittag über in der Schule gewesen", sagte dessen Mitschüler Anis. "Es gibt jede Menge Zeugen. Ich verstehe nicht, weshalb er in Polizeigewahrsam ist."

Hintergrund: Zwölf Tote bei Anschlag auf Pariser Satiremagazin

FRANCE CHARLIE HEBDO ATTACK

People stand outside the French satirical newspape…

French President Francois Hollande arrives after a

An injured person is transported to an ambulance a…

A bullet's impact is seen on a window at the scene

Police officers and firemen gather outside the Fr…

FILE FRANCE CHARLIE HEBDO ATTACK

FRANCE CHARLIE HEBDO ATTACK

An injured person is treated by nursing staff outs…

An injured person is evacuated outside the French …

Policemen work at the scene after a shooting at th

French Interior Minister Bernard Cazeneuve, center…

Firefighters carry a victim on a stretcher at the

Krisenstab

Präsident Hollande hat einen Krisenstab zu sich gerufen, auch mit Vertretern der Opposition spricht er über die Bluttat. Auch sein Amtsvorgänger und UMP-Chef Nicolas Sarkozy war deshalb im Élysée. Mit Marine Le Pen, der Chefin des rechtspopulistischen Front National, will sich Hollande ebenso beraten. Sie fordert als Reaktion auf die Bluttat ein Referendum über die Wiedereinführung der Todesstrafe (mehr dazu hier). Hollande rief eine dreitägige Trauer aus - Frankreich gedachte Donnerstagmittag mit einer Schweigeminute der Opfer (mehr dazu lesen Sie hier).

Unter radikalen Islamisten im Internet findet die Tat wenig überraschend Beifall. So schrieb unter anderem auf Twitter ein User namens Abu Dujana: "Möge Allah unsere französischen Brüder belohnen."

Was man über die Verdächtigen weiß

Auf die Spur der Attentäter soll die Polizei ein verlorener Ausweis gebracht haben: Wie die französische Zeitschrift Le Point schreibt, hätten die Terroristen einen Personalausweis in ihrem Fluchtfahrzeug vergessen, als sie am Rande der Hauptstadt das Auto wechselten. Die beiden Tatverdächtigen sind nach Angaben des Pariser Innenministers Bernard Cazeneuve auch überwacht worden - dabei habe es allerdings keinerlei Hinweise auf einen bevorstehenden Terrorakt gegeben, gegen die Männer habe es auch kein juristisches Verfahren gegeben, so Cazeneuve. „Wir treffen hundertprozentig Vorsichtsmaßnahmen, ein Null-Risiko gibt es aber nicht“, fügte Cazeneuve an. Die derzeitige Risikolage könne auch zu anderen Gewalttaten führen, warnte der Innenminister.

Die Verdächtigen sollen Verbindungen zu einer jemenitischen Terrororganisation gehabt haben. Cherif K. ist den Behörden seit langem bekannt, berichtet die Agentur AP: Seit er Anfang 20 war, soll er unter Beobachtung gestanden haben. Er habe lange unter dem Einfluss eines islamistischen Predigers in Paris gestanden, 2008 wurde er verurteilt, weil dabei geholfen hatte, Dschihadisten in den Irak zu schleusen. Er sei gemeinsam mit seinem Bruder ohne Eltern in der Bretagne aufgewachsen, später habe er als Fitnesstrainer in Paris gearbeitet. Im Alter von 23 soll er versucht haben, selbst nach Syrien und in den Irak zu reisen. Seine Radikalisierung soll er selbst mit den Folterbildern aus Abu Ghraib begründet haben - und auch eine Verbindung zum Islamischen Staat wird vermutet.

Said, Cherifs Bruder, ist in Polizeikreisen deutlich unbekannter. Nachbarn erzählten dem Guardian, er habe zuletzt aber eine Djellaba getragen – ein langes, islamisches Gewand. Er sei praktizierender Moslem gewesen, Nachbarn beschrieben ihn aber als völlig unauffällig.

Schüsse und Explosion

Unterdessen hat sich südlich von Paris eine weitere Schießerei ereignet. Dabei wurde eine Polizistin getötet, ein weieter Beamter und und ein Mitarbeiter der Straßenreinigung sollen verletzt worden sein. In Ostfrankreich hat sich zudem eine Explosion nahe einer Moschee ereignet. Noch ist unklar, ob eine Verbindung zur laufenden Fahndung nach den Attentätern besteht - mehr dazu hier.

Wir aktualisieren laufend.

Jetzt geht es um die Freiheit von uns allen

Das war ein Anschlag auf das ganze Land", meinte ein schockierter Franzose im Fernsehen. Der Mann hat untertrieben. Die Schüsse von Paris waren ein Anschlag auf die freiheitliche Gesellschaftsordnung, wie sie in vielen Teilen der Welt aufgebaut wurde und wird. Diese baut auf dem Respekt für Andersdenkende, auf der Trennung von Kirche und Staat und der unbedingten Meinungsfreiheit auf. Terroristen, die von Syrien aus ein weltweites Kalifat errichten wollen, kennen das alles nicht. Sie verachten uns und unsere Überzeugungen. Sie kennen nur die Konstruktion eines Gottesstaates, wo alle umgebracht werden, die sich nicht ihrem moslemischen Glauben unterwerfen wollen.

Aus den Morden von Paris eine Kampagne gegen den Islam zu machen, wäre fatal. Im arabischen Nachrichtensender Al Jazeera fragte die Moderatorin die Pariser Korrespondentin, ob das Satiremagazin Charlie Hebdo manchmal zu weit gegangen sei. "Warum?", fragte diese, die Zeitung müsse ja niemand kaufen. Man kann also auch mit dieser liberalen Einstellung für Al Jazeera arbeiten, einen Sender, der dem Emir von Katar gehört.

Gerade nach dieser Bluttat dürfen wir nicht urteilen, ob jemand religiös, Atheist oder Agnostiker ist. Es gibt nur einen Maßstab: Wer tritt für eine offene Gesellschaft mit Meinungsfreiheit ein – und wer ist dagegen. Freilich müssen Zuwanderer islamischen Glaubens wissen, dass sie unsere Errungenschaften akzeptieren müssen, wenn sie hier bleiben wollen. Dazu gehören die Gleichheit und Gleichbehandlung von Mann und Frau ebenso wie Trennung von Kirche und Staat. Als Christ kann man Karikaturen über den Papst oder Jesus Christus widerlich finden, aber Zensur ist der Beginn vom Ende der Freiheit.

Der politische Islam ist der Feind der Freiheit

Und die Moslems müssen Kritik an ihrer Religion aushalten. Wer sofort Verhetzung sieht, wo die Friedfertigkeit des Korans hinterfragt wird, muss eine offene Diskussionskultur lernen. Im vergangenen Sommer hat der muslimische Politologe Hamed Abdel-Samad in einem KURIER-Interview betont: "Innerhalb der politischen Dimension des Islam gibt es keine moderate Bewegung." Und weiter: "Für uns Muslime ist nicht das Opfer maßgebend, sondern der Täter. Wenn dieser muslimisch ist, nehmen wir das hin." Der Ägypter muss sich inzwischen verstecken.

Noch kennen wir die Täter von Paris nicht. Aber es spricht alles dafür, dass radikale Moslems geschossen haben. Auch wenn die Idee eines weltweiten Kalifats völlig irrsinnig klingt, gibt es offenbar nicht nur in Syrien und im Irak Verrückte, die dafür kämpfen. Dagegen müssen wir uns wehren, dagegen müssen sich aber auch alle Moslems wehren, die bei uns leben.

Die Opfer von Paris müssen wir beklagen, ihren Familien gilt unser Mitgefühl. Die einzige Botschaft der Morde kann nur sein, dass die Freiheit einer aufgeklärten, liberalen Gesellschaft nicht selbstverständlich ist.

Schüsse und Flucht nach dem Anschlag

"Charlie Hebdo": Satire ohne Kompromiss

Die Satirezeitung Charlie Hebdo wurde 1970 gegründet und ging aus dem verbotenen Blatt L'hebdo Hara-Kiri hervor. Der Name „Charlie“ wurde von der Comicfigur Charlie Brown übernommen und verweist auf die Ursprünge im Bereich der Comic-Magazine, „Hebdo“ ist im Französischen eine Abkürzung für „hebdomadaire“ was so viel bedeutet wie Wochenzeitschrift. 1981 wurde das Blatt nach 560 Ausgaben eingestellt, 1992 jedoch wieder belebt.

Von Anfang an gab es für Charlie Hebdo keine Grenzen, Mächtige aus Politik und Wirtschaft wurden genauso aufs Korn genommen wie Sekten, Rechtsextreme oder religiöse Eiferer – egal welcher Glaubensrichtung. Damit handelte sich das Blatt auch einige Klagen ein, unter anderem nach einer bitterbösen Papst-Sonderausgabe.

Hinweis: Magazincover und Karikaturen finden Sie hier auf der Homepage von Charlie Hebdo.

Stéphane Charbonnier

Herausgeber, kreativer Chef und Aushängeschild vonCharlie Hebdowar Stéphane Charbonnier, genannt Charb - auch er starb beim Terroranschlag inParis. Seine Karikaturen polarisierten meistens, teilweise überschritten sie auch deutlich die Grenzen zur Geschmacklosigkeit.

Schon der Stil seiner Zeichnungen und Comics wirkt hart. Charb setzte kräftige Farben ein, seine Figuren waren nur sehr grob gezeichnet, hatten fast immer giftgelbe Haut mit drei picklig wirkenden Punkten auf hässlichen Knollennasen. Auffällig große weiße Augen unterstrichen die insgesamt unsympathische Wirkung der kleinen Männchen.

Islam-Kritik

Die Redaktion mit rund 20 Mitarbeitern (bei einer wöchentlichen Auflage von 140.000 Stück) veröffentlichte bereits 2006 umstrittene Mohammed-Karikaturen. 2011 verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume in Paris, Stéphane Charbonnier erhielt Morddrohungen. Zuvor hatte Charlie Hebdo zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien eine Sonderausgabe mit dem Titel „Charia Hebdo“ herausgebracht.

Im September 2012 sorgte das Blatt erneut mit Mohammed-Karikaturen für Aufsehen. Nach der Veröffentlichung mussten französische Einrichtungen in einigen Ländern aus Sicherheitsgründen zeitweise geschlossen werden. Die Internet-Seite war tagelang von Hackern gestört.

Vor gut zwei Jahren, am 2. Jänner 2013, veröffentlichte Charlie Hebdo dann eine Comic-Biographie von Mohammed ("La Vie De Mahomet"). Islamische Länder, allen voran der Iran, protestierten dagegen.

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