Einschussloch nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo.

© REUTERS/JACKY NAEGELEN

Anschlag in Paris
01/07/2015

Frankreich steht unter Schock

Zwei Brüder, mutmaßlich radikale Islamisten, töten die halbe Redaktion einer Satire-Zeitung. Zur Trauer kommt Wut über den "Anschlag auf die Pressefreiheit".

von Barbara Mader, Ingrid Steiner-Gashi

Wir haben Schüsse auf der Straße gehört. Dann sahen wir schon vermummte Männer mit Kalaschnikows auf unser Gebäude zulaufen und haben sofort die Polizei gerufen." Für Benoît Bringer, Mitarbeiter einer französischen Presseagentur, war der Schrecken damit noch nicht vorbei. Dutzende Schüsse hallten durch das Gebäude, doch sie galten nicht seinen Kollegen, sondern den Journalisten einige Stockwerke unter ihnen: den Mitarbeitern des renommierten französischen Satire-Magazins Charlie Hebdo.

Was in den folgenden Minuten, kurz vor Mittwochmittag, mitten im Zentrum in Paris vor sich ging, hinterlässt ein ganzes Land in Schock. Zwölf Menschen wurden regelrecht hingerichtet, jeder gezielt mit mindestes zwei Schüssen. Allein acht Journalisten des Wochenmagazins – fast die Hälfte der gesamten Mannschaft – sowie zwei Polizisten mussten sterben. Mehrere Menschen schweben in Lebensgefahr.

Die Täter waren trotz eines gigantischen Polizeieinsatzes spätabends noch auf der Flucht. Laut erster Auskünfte der Behörden soll es sich bei zwei von ihnen um die Brüder Saïd und Chérif K., 34 und 32 Jahre, handeln. Beide sollen aus Paris stammen und französische Staatsbürger sein. Der dritte Attentäter war erst 18 und aus Reims.

"Gott ist groß" hatten sie gerufen, als sie schwer bewaffnet in das Gebäude stürmten. Ziel und Opfer ihres Attentats hatten die offenbar militärisch schulten Männer bewusst ausgewählt: Die politisch unkorrekten, oft islamkritischen Journalisten und Karikaturisten des Satiremagazins. "Wir haben den Propheten gerächt", soll einer der Angreifer gerufen haben. Tot sind mindestens vier Zeichner des Blattes. Darunter befindet sich auch der Chefredakteur des Magazins, Stéphane Charbonnier ("Charb"), der wegen seiner Mohammed-Karikaturen immer wieder bedroht worden war. Erst diese Woche hatte "Charb" die Karikatur eines bewaffneten Islamisten veröffentlicht. "Immer noch keine Attentate in Frankreich" steht über dem Bild. Und in einer Sprechblase: "Wartet. Man hat bis Ende Jänner, um seine Wünsche zu äußern."

"Massive Drohungen"

"Für uns alle ist das ein totaler Schock", schildert Tom Heneghan in Paris. Der Journalist sieht den Angriff auf Charlie Hebdo als "bewussten Angriff auf die Pressefreiheit. Dieses Blatt war immer sehr kritisch, aber gegen alle Richtungen, auch gegen den Papst. Sie waren oft islamkritisch – aber immer im Namen der Pressefreiheit." Noch am Abend versammelten sich mehr als 100.000 Menschen zu Kundgebungen im ganzen Land. Präsident Hollande rief in einer kurzen TV-Ansprache nationale Trauer für heute, Donnerstag, aus.

In jüngster Zeit hatten die Drohungen gegen Charlie Hebdo massiv zugenommen. Polizeischutz war angefordert worden – eine Maßnahme, die zwei Wachebeamte gestern mit dem Leben bezahlen mussten. Einen der Beamten töteten die Terroristen beim Verlassen des Gebäudes im Vorbeilaufen durch einen Kopfschuss.

"Wir sind bestürzt, es ist unfassbar", sagt Philippe Schwab, stellvertretender Chef der französischen Nachrichtenagentur AFP in Wien zum KURIER. Das Pariser Büro der Agentur werde nun von schwer bewaffneten Sicherheitskräften bewacht.

Auch in anderen Redaktionen wurde die Polizeipräsenz massiv erhöht, für die Stadt die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen.

"Viele meiner Freunde sind mit Charlie Hebdo und den Zeichnungen der heute toten Künstler aufgewachsen", schildert der Student Yann Schreiber dem KURIER. "An einen derartigen Schock kann ich mich bis heute nicht erinnern. Schon seit Wochen – Nantes und andere Anschläge in Frankreich – geht Unsicherheit um. Damals hieß es, es seien verwirrte Einzeltäter, was für viel Ungläubigkeit gesorgt hat", sagt der Politikstudent.

Louis Sarrazin, Sprecher der Vereinigung der Auslandsfranzosen Adfe, fordert gegenüber dem KURIER: "Die Presse-, aber auch die Meinungsfreiheit sind von diesen Attacken bedroht. Wir werden uns nicht von Fanatikern einschüchtern lassen!"

Jetzt geht es um die Freiheit von uns allen

Das war ein Anschlag auf das ganze Land", meinte ein schockierter Franzose im Fernsehen. Der Mann hat untertrieben. Die Schüsse von Paris waren ein Anschlag auf die freiheitliche Gesellschaftsordnung, wie sie in vielen Teilen der Welt aufgebaut wurde und wird. Diese baut auf dem Respekt für Andersdenkende, auf der Trennung von Kirche und Staat und der unbedingten Meinungsfreiheit auf. Terroristen, die von Syrien aus ein weltweites Kalifat errichten wollen, kennen das alles nicht. Sie verachten uns und unsere Überzeugungen. Sie kennen nur die Konstruktion eines Gottesstaates, wo alle umgebracht werden, die sich nicht ihrem moslemischen Glauben unterwerfen wollen.

Aus den Morden von Paris eine Kampagne gegen den Islam zu machen, wäre fatal. Im arabischen Nachrichtensender Al Jazeera fragte die Moderatorin die Pariser Korrespondentin, ob das Satiremagazin Charlie Hebdo manchmal zu weit gegangen sei. "Warum?", fragte diese, die Zeitung müsse ja niemand kaufen. Man kann also auch mit dieser liberalen Einstellung für Al Jazeera arbeiten, einen Sender, der dem Emir von Katar gehört.

Gerade nach dieser Bluttat dürfen wir nicht urteilen, ob jemand religiös, Atheist oder Agnostiker ist. Es gibt nur einen Maßstab: Wer tritt für eine offene Gesellschaft mit Meinungsfreiheit ein – und wer ist dagegen. Freilich müssen Zuwanderer islamischen Glaubens wissen, dass sie unsere Errungenschaften akzeptieren müssen, wenn sie hier bleiben wollen. Dazu gehören die Gleichheit und Gleichbehandlung von Mann und Frau ebenso wie Trennung von Kirche und Staat. Als Christ kann man Karikaturen über den Papst oder Jesus Christus widerlich finden, aber Zensur ist der Beginn vom Ende der Freiheit.

Der politische Islam ist der Feind der Freiheit

Und die Moslems müssen Kritik an ihrer Religion aushalten. Wer sofort Verhetzung sieht, wo die Friedfertigkeit des Korans hinterfragt wird, muss eine offene Diskussionskultur lernen. Im vergangenen Sommer hat der muslimische Politologe Hamed Abdel-Samad in einem KURIER-Interview betont: "Innerhalb der politischen Dimension des Islam gibt es keine moderate Bewegung." Und weiter: "Für uns Muslime ist nicht das Opfer maßgebend, sondern der Täter. Wenn dieser muslimisch ist, nehmen wir das hin." Der Ägypter muss sich inzwischen verstecken.

Noch kennen wir die Täter von Paris nicht. Aber es spricht alles dafür, dass radikale Moslems geschossen haben. Auch wenn die Idee eines weltweiten Kalifats völlig irrsinnig klingt, gibt es offenbar nicht nur in Syrien und im Irak Verrückte, die dafür kämpfen. Dagegen müssen wir uns wehren, dagegen müssen sich aber auch alle Moslems wehren, die bei uns leben.

Die Opfer von Paris müssen wir beklagen, ihren Familien gilt unser Mitgefühl. Die einzige Botschaft der Morde kann nur sein, dass die Freiheit einer aufgeklärten, liberalen Gesellschaft nicht selbstverständlich ist.

Schüsse und Flucht nach dem Anschlag

"Charlie Hebdo": Satire ohne Kompromiss

Die Satirezeitung Charlie Hebdo wurde 1970 gegründet und ging aus dem verbotenen Blatt L'hebdo Hara-Kiri hervor. Der Name „Charlie“ wurde von der Comicfigur Charlie Brown übernommen und verweist auf die Ursprünge im Bereich der Comic-Magazine, „Hebdo“ ist im Französischen eine Abkürzung für „hebdomadaire“ was so viel bedeutet wie Wochenzeitschrift. 1981 wurde das Blatt nach 560 Ausgaben eingestellt, 1992 jedoch wieder belebt.

Von Anfang an gab es für Charlie Hebdo keine Grenzen, Mächtige aus Politik und Wirtschaft wurden genauso aufs Korn genommen wie Sekten, Rechtsextreme oder religiöse Eiferer – egal welcher Glaubensrichtung. Damit handelte sich das Blatt auch einige Klagen ein, unter anderem nach einer bitterbösen Papst-Sonderausgabe.

Hinweis: Magazincover und Karikaturen finden Sie hier auf der Homepage von Charlie Hebdo.

Stéphane Charbonnier

Herausgeber, kreativer Chef und Aushängeschild vonCharlie Hebdowar Stéphane Charbonnier, genannt Charb - auch er starb beim Terroranschlag inParis. Seine Karikaturen polarisierten meistens, teilweise überschritten sie auch deutlich die Grenzen zur Geschmacklosigkeit.

Schon der Stil seiner Zeichnungen und Comics wirkt hart. Charb setzte kräftige Farben ein, seine Figuren waren nur sehr grob gezeichnet, hatten fast immer giftgelbe Haut mit drei picklig wirkenden Punkten auf hässlichen Knollennasen. Auffällig große weiße Augen unterstrichen die insgesamt unsympathische Wirkung der kleinen Männchen.

Islam-Kritik

Die Redaktion mit rund 20 Mitarbeitern (bei einer wöchentlichen Auflage von 140.000 Stück) veröffentlichte bereits 2006 umstrittene Mohammed-Karikaturen. 2011 verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf die Redaktionsräume in Paris, Stéphane Charbonnier erhielt Morddrohungen. Zuvor hatte Charlie Hebdo zum Wahlerfolg der Islamisten in Tunesien eine Sonderausgabe mit dem Titel „Charia Hebdo“ herausgebracht.

Im September 2012 sorgte das Blatt erneut mit Mohammed-Karikaturen für Aufsehen. Nach der Veröffentlichung mussten französische Einrichtungen in einigen Ländern aus Sicherheitsgründen zeitweise geschlossen werden. Die Internet-Seite war tagelang von Hackern gestört.

Vor gut zwei Jahren, am 2. Jänner 2013, veröffentlichte Charlie Hebdo dann eine Comic-Biographie von Mohammed ("La Vie De Mahomet"). Islamische Länder, allen voran der Iran, protestierten dagegen.

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