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Politik Ausland
10/20/2021

Pandemie der Skeptiker: Rumänien im Corona-Chaos

Die vierte Infektionswelle hat das Land mit voller Wucht getroffen. Hauptgrund ist die geringe Impfbereitschaft der Bevölkerung.

von Irene Thierjung

„Ein nationales Drama mit schrecklichen Ausmaßen.“ Eindringlich beschreibt der rumänische Staatschef Klaus Ioannis die Coronakrise in seinem Land. Nirgendwo auf der Welt – mit Ausnahme der kleinen Karibikinsel Santa Lucia – sterben derzeit im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr Menschen an Covid-19 als in Rumänien (siehe weiter unten).

Der Polit-Experte Sorin Ionita vergleicht im Gespräch mit dem KURIER die Zustände mit denen in der Lombardei 2020 – wo während der ersten Coronawelle Leichen in Militär-Lkw abtransportiert wurden.

Mit 19 Millionen Einwohnern verzeichnete Rumänien am Dienstag 18.863 neue Covid-Fälle und  561 Todesopfer. Im benachbarten Bulgarien (7 Mio. Einwohner) steigen die Zahlen ebenfalls massiv.  Am Dienstag gab es 4.979 Neuinfektionen und 214 Todesfälle 

Bei der Impfquote sind Rumänien und Bulgarien die EU-Schlusslichter. 34Prozent der erwachsenen Rumänen sind vollständig gegen das Coronavirus geimpft. In Bulgarien sind es gar nur gut 20 Prozent. Der EU-Schnitt beträgt 74 Prozent

Die rumänischen Spitäler, die chronisch unterfinanziert sind und wegen Abwanderung an Personalmangel leiden, platzen aus allen Nähten. Ärzten zufolge müssen Patienten tagelang auf Sesseln sitzend versorgt werden, weil Betten fehlen; Erkrankte kämpften um Sauerstoffflaschen.

Keine Glaubwürdigkeit

Laut der Nachrichtenagentur AP wurden zuletzt 1.800 Menschen in Intensivstationen behandelt. Frei werdende Plätze würden an die Patienten vergeben, die die größte Überlebenschance hätten, berichtet Experte Ionita: „Es geht nicht anders.“

Wie konnte es so weit kommen in einem EU-Land, das ausreichend Impfstoff zur Verfügung gehabt hätte, um die Wucht der vierten Corona-Welle abzufangen? Beobachter wie Ionita, der für die Denkfabrik Expert Forum arbeitet, machen vor allem die niedrige Impfbereitschaft der Bevölkerung verantwortlich.

In Rumänien sind nur 34 Prozent der Erwachsenen vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Das Virus trifft dadurch auf viele nicht immunisierte Menschen, die eher mit schweren Verläufen im Spital landen als Geimpfte.

"Kleinliche politische Spiele"

Gründe für die Impfskepsis gibt es viele: Da ist etwa das aus Sowjetzeiten rührende geringe Vertrauen der Menschen in alles, was vom Staat kommt, sowie in die jeweiligen Regierungen – wie immer die zusammengesetzt sind.

Auch der interimistisch tätigen Regierung von Premier Florin Citu fehle es an Glaubwürdigkeit, sagt Ionita. Sie sei seit Beginn der Pandemie vor der Verantwortung zurückgewichen, habe das Militär die Impfkampagne orchestrieren lassen und sich in „kleinlichen politischen Spielen“ verloren.

Es gab zwar staatliche Werbung für die Impfung, mit bezahlten Spots in den Werbepausen der TV-Stationen; in die Programme selbst sei die Regierung mit ihren Aufrufen aber nicht vorgedrungen.

Fake-Zertifikate

In Rumänien gebe es kaum noch Medien, die unabhängig und zugleich seriös über Themen wie die Coronakrise berichteten, aber viele „Tabloid-Sender“, beklagt Ionita. Und in diesen bekämen Corona-Leugner und Impfgegner viel Raum.

Nachdem die Impfkampagne dieses Frühjahr gut angelaufen war, erklärte die Regierung die Pandemie im Sommer praktisch für beendet – ein weiterer Grund für Zögernde, sich nicht immunisieren zu lassen.

Zwar gibt es laut Ionita derzeit wieder mehr Impfwillige, eine große Welle sei das aber noch nicht. Die Menschen hätten sich an hohe Infektions- und Todeszahlen und erschreckende Bilder gewöhnt: „Sie haben den Eindruck, dass das alles nur im Fernsehen passiert.“

Die Ablehnung für die Impfung geht so weit, dass etliche Menschen gefälschte Impfzertifikate kaufen, wie Radio Free Europe berichtete. Ärzte und Mitarbeiter in Impfzentren würden den Betrug mittragen.

Hilfe aus Ausland

Die Regierung hat das Ausland um Hilfe gebeten. Italien schickte Tausende Dosen monoklonale Antikörper (Medikament), die Weltgesundheitsorganisation stellt Schnelltests und Sauerstoff zur Verfügung. Ungarn nahm Dutzende Intensivpatienten auf, Österreich überlegt, wie es helfen kann.

Im benachbarten Bulgarien ist die Lage noch nicht so dramatisch, die Corona-Kurve kennt aber auch hier nur eine Richtung: steil nach oben. Hier sind gar nur 20 Prozent der Erwachsenen voll immunisiert, und viele Krankenhäuser warnen, demnächst keine freien Betten mehr zu haben.

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