Politik | Ausland
07.06.2017

Omran: Wie es dem Gesicht des Syrien-Kriegs geht

Der Bub, dessen Foto um die Welt gegangen ist, wird jetzt im Assadtreuen Fernsehen gezeigt und gerät zwischen die Propaganda-Fronten.

Das Foto des kleinen syrischen Buben Omran, der nach einem Bombenangriff blutend und staubbedeckt in einem Krankenwagen sitzt, ging im vergangenen August um die Welt. Nun ist Omran, der damals von lokalen Aktivisten gefilmt wurde, in mehreren Interviews für Assadtreue Medien wieder aufgetaucht. Es dürfte sich dabei um eine wohlkalkulierte Medienoffensive handeln.

Der damals vierjährige Omran Daqneesh war zusammen mit seinen Geschwistern und seinen Eltern den Trümmern eines Hauses in einem von Rebellen kontrollierten Teil Aleppos entkommen. Sein zehnjähriger Bruder ist wenige Tage später seinen Verletzungen erlegen.

Auf Videoaufnahmen und Fotos war zu sehen, wie Omran völlig in Staub eingehüllt, blutend und benommen auf einem Sitz im Krankenwagen wartet. Er schreit nicht, er weint nicht, doch der Schock steht ihm ins Gesicht geschrieben. Gerade durch die herzzerreißende Stille lösten die Aufnahmen weltweit Betroffenheit aus. Das US-Außenministerium bezeichnete den Kleinen als "das wahre Gesicht" des Syrien-Konflikts.

Die Bilder wurden von dem oppositionsfreundlichen Aleppo Media Centre produziert. Einen Kommentar der Eltern dazu gab es damals nicht.

Zwischen den Fronten

Nun scheint der kleine Bub aber vollends zwischen die Propagandafronten geraten zu sein. Er und seine Familie sind in Videos von Assadtreuen Medien zu sehen. Journalisten von russischen, iranischen und libanesischen Sendern begleiteten das syrische Fernsehen zu den Interviews.

Omran sieht gesund aus. Er hat sauber geschnittenes Haar, leicht rosige Wangen und ein Lächeln im Gesicht. Offenbar soll die Botschaft verbreitet werden: Dem Buben geht es gut, auch ansonsten braucht man sich um Syrien keine Sorgen zu machen. Eine Assadtreue Aktivistin hebt auf Twitter sogar hervor, dass Omrans Familie die syrische Regierung unterstütze.

Tatsächlich sagt Mohammad Kheir Daqneesh, der Vater Omrans: "Ich bin in in Syrien geblieben. Das ist das Land, in dem ich aufgewachsen bin und wo auch meine Kinder aufwachsen werden." Und er kritisiert die Opposition: "Sie sind jene, die uns, unserem Land und den Vertriebenen Schaden zufügen."

Vater erklärt, wie die Fotos entstanden

Daqneesh spricht des Weiteren über die Umstände, unter denen die mitttlerweile ikonischen Bilder aus dem Krankenwagen entstanden sind. Er habe zunächst seinen jüngsten Sohn Omran in Sicherheit gebracht, während er ins Haus zurückging, um seine anderen Kinder und seine Frau zu retten.

Während seiner Abwesenheit sei Omran, ohne seine Zustimmung, gefilmt worden. In der deutschen Übersetzung des Putinfreundlichen Senders Russia Today wird Daqneesh folgendermaßen zitiert: "Ich war damit beschäftigt, meine Familie zu retten, während sie die Gelegenheit ergriffen und meine Familie zu Propagandazwecken gefilmt haben, als sie das Haus verließen."

Er habe "mit diesen Organisationen" nichts zu tun. Außerdem sei die allgemeine Lage weit besser, seit die Regierungstruppen Gebietsgewinne erzielen.

Weiters sagte Daqneesh, dass er vor dem Angriff auf das Haus keinen Flugzeuglärm gehört habe, was den Berichten über Luftangriffe der Regierung beziehungsweise Russland widerspräche.

Aus freien Stücken?

Inwieweit der Familienvater aus freien Stücken spricht, kann schwer überprüft werden. Im syrischen Staatsfernsehen, das die Interviews angebahnt hat, herrscht strenge Informationskontrolle.

Die New York Times und CNN berichten über den oppositionsfreundlichen Journalisten Musa Omar, der angab, Omrans Vater kürzlich kontaktiert zu haben. Er habe Spenden angeboten und Omran filmen wollen. Daqneesh habe demnach gesagt: "Nein, ich brauche das Geld nicht und ich will mein Kind auch nicht vor Kameras sehen."

Zum Regime Assad konnte er offenbar nicht Nein sagen. Ob freiwillig oder nicht.

Seit sechs Jahren Krieg und Folter

Der Syrien-Konflikt hatte im Frühjahr 2011 mit zunächst friedlichen Protesten gegen den syrischen Machthaber Bashar al-Assad Assad begonnen. Seither wurden mehr als 320.000 Menschen bei den Kämpfen getötet und Millionen Syrer in die Flucht getrieben. Es gibt immer wieder Berichte über den Einsatz von Giftgas, Folterungen und systematische Massenhinrichtungen in syrischen Gefängnissen.

Assad sieht nun "das Schlimmste" überstanden. Die Dinge entwickelten sich derzeit "in die richtige Richtung, weil wir die Terroristen besiegen", sagte er kürzlich in einem Interview mit dem indischen Fernsehsender Wion. In den vergangenen Monaten hatten seine Regierungstruppen und verbündete Kämpfer Geländegewinne erzielt. Unter anderem hatten sie im Dezember nach jahrelangem Kampf die Metropole Aleppo zurückerobert.