Politik Ausland
04/08/2021

Nordirland: Krawalle im Pulverfass Belfast

Frustrierte Jugendliche werfen Molotowcocktails. Viele sind über das Friedensabkommen und die Folgen des Brexit frustriert.

von Georg Szalai

Karfreitag 1998: Großbritannien und Irland unterzeichnen ein Abkommen, um den blutigen Konflikt zwischen protestantischen London-treuen und pro-irischen katholischen Paramilitärs in Nordirland nach drei Jahrzehnten zu beenden.

Karfreitag 2021: Bei Unruhen in der nordirischen Hauptstadt Belfast werden 15 Polizisten von Randalierern verletzt. Es sind überwiegend Teenager, die Flaschen, Steine und Molotowcocktails werfen. Zu den Verhafteten zählen ein 13- und ein 14-Jähriger.

Seither findet Nordirland nicht zur Ruhe. Bilder von Krawallen und brennenden Autos und Bussen in protestantisch dominierten Teilen von Belfast bis Derry sind wieder täglich zu sehen.

Am Mittwochabend erreichten die Krawalle einen neuen Höhepunkt und weiteten sich auf eine katholische Nachbarschaft aus. Laut BBC kamen auf beiden Seiten einer sogenannten „Friedensmauer“ in West Belfast, die während des Konflikts zur Trennung von Wohngebieten errichtet wurden, hunderte Vermummte, vor allem Jugendliche, zusammen und warfen Benzinbomben auf die jeweils andere Seite. Sie wurden teilweise von Erwachsenen mit Jubel und Applaus angefeuert.

Der britische Premier Boris Johnson, dessen Politik Kritiker Mitschuld für die Unruhen geben, zeigt sich nun „zutiefst besorgt“ und twitterte: „Die Lösung von Differenzen führt über Dialog“. Sein Nordirland-Minister Brandon Lewis reiste am Donnerstag nach Belfast.

Die nordirische Regierung und das Regionalparlament brachen ihre Osterferien früher ab. „Zerstörung, Gewalt und die Androhung von Gewalt sind vollkommen inakzeptabel“, heißt es in einer Erklärung der von der Unionistin Arlene Foster angeführten Einheitsregierung, der auch Sinn Fein angehört. Diese Partei setzt sich für ein vereinigtes Irland ein.

Alte Konflikte und Frust

Viel diskutiert wird über die Ursachen der neuen Gewaltwelle: Geht es um neu entfachte alte Konflikte oder um Kriminelle und sozial Verdrossene, die nur nach einem Vorwand suchen?

Die Behörden machen militante Protestanten-Gruppen, die auch in Drogenhandel und anderen Verbrechen aktiv sein sollen, verantwortlich. „Eine kleine Gruppe frustrierter krimineller Elemente“ hetze sozial benachteiligte und frustrierte Junge, die nach dem Karfreitagsabkommen von 1998 geboren wurden, zu den „eindeutig orchestrierten“ Krawallen auf, meinte ein Polizeisprecher.

Ein anderer aktueller Anlass war die Entscheidung der Polizei, Sinn Fein-Politiker, die trotz Corona-Restriktionen an der Beerdigung eines früheren IRA-Terroristen teilnahmen, nicht zu belangen.

Und auch der Brexit-Deal und das umstrittene Nordirland-Protokoll spielen laut Experten eine Rolle. So kritisieren Unionisten die seit heuer geltenden Warenkontrollen in Nordirland. Sie sehen das als Grenze zum Rest Großbritanniens. Eine Folge des Brexits, die auch zu teils leeren Supermarktregalen geführt hat.

„Manche Protestanten sind mit der Londoner Regierung unzufrieden wegen ihrer Behandlung in puncto Brexit“, erklärt Tom Devine, emeritierter Professor der Universität Edinburgh, dem KURIER. Graffiti mit Warnungen wie „Keine Grenze in der Irischen See“ oder „Alle Grenzbeamten sind Ziele“ wurden versprüht.

Kürzlich zog der Dachverband der unionistischen Paramilitärs in einem Brief an Johnson auch seine Unterstützung für das Friedensabkommen zurück. „Es gibt seit Langem Besorgnis und Unzufriedenheit mit dem Friedensprozess“, erklärte Jonathan Caine, ein Nordirland-Experte und konservativer Vertreter im britischen Oberhaus, der BBC. „Loyalisten sehen ihn als Erfolg für Republikaner, aber fühlen sich selbst zurückgelassen“.

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