© Angelika Ahrens

Reportage
03/25/2020

New York City – die Stadt, die niemals schläft, macht Pause

New York City ist zum Epizentrum der Coronavirus-Krise in den USA geworden. Die Stadt, die niemals schläft, hat zwangsweise eine Pause verordnet bekommen.

von Angelika Ahrens

"The Crossroads of the world" in der Mitte von Manhattan ist auch als Times Square bekannt. Es ist einer der überfülltesten Plätze der Welt mit mehr als 40 Millionen Besuchern pro Jahr. Die riesigen Leuchtreklamen schreien ihre Werbebotschaften in die Menge. Tag und Nacht. Normalerweise. Jetzt ist auf dem sonst so überlaufenen Platz Ruhe eingekehrt.

Innerhalb kürzester Zeit ist aus der vibrierenden Stadt, dem Touristenmagnet und wirtschaftlichen Zentrum der Ostküste eine Stadt im Ausnahmezustand geworden. Die Werbetafeln zeigen positive Kampagnen, die den Menschen in dieser schwierigen Zeit helfen sollen: "Staying apart is the best way to stay united." Coca Cola will "Social Distancing" symbolisieren.

Die Buchstaben einer der bekanntesten Marken der Welt sind weit auseinandergerückt. Die Technologiebörse Nasdaq ruft zum "Nett sein" auf, aber aus der Distanz. Doch der Times Square ist wie leergefegt.

Nationalstolz stirbt zuletzt

Seit dem Wochenende gilt auch für die Megacity: "Stay at home!" Mehr als acht Millionen Einwohner sollen ihre Wohnung nur noch für wichtige Besorgungen verlassen. Die Broadway-Theater sind geschlossen, ebenso Museen, die Freiheitsstatue oder die kultigen Luxus-Shopping-Tempel auf der berühmten Fifth Avenue. Auch der traditionsreiche Parketthandel der Börse an der Wallstreet ist eingestellt. Das Symbol der US-Wirtschaft. Gehandelt wird nur über Computersysteme. Vor der Börse hängt eine riesige US-Flagge. Der Nationalstolz stirbt zuletzt.

Manhattan ist kaum wieder zu erkennen – ohne die vielen Geschäftsleute, Banker, Angestellte, die auf dem Weg zur Arbeit ihren Kaffee aus dem Pappbecher schlürfen. Ohne Touristen und den Wahnsinns-Verkehr. Stattdessen schiebt eine Amazon-Lieferantin einen Wagen mit Paketen mitten über den Broadway. Die Menschen würden jetzt mehr bestellen als sonst, sagt sie. Warum sie sich nicht mit einer Maske vor dem Mund schützt? Maria zuckt ratlos mit den Schultern: "Wenn uns die Firma Masken gibt, gern. Aber wenn ich täglich eine Maske brauche und das selbst bezahlen muss, das ist zu viel." Weil deutlich weniger New Yorker derzeit mit der U-Bahn fahren und sich mehr als 50 Mitarbeiter bereits mit dem Coronavirus infiziert haben, ist der U-Bahn-Betrieb eingeschränkt worden.

Ruhe vor dem Sturm

Surreal auch das Bild in Chinatown: Wo sonst geschäftiges Treiben herrscht und man glaubt, in einem komplett anderen Land zu sein, herrscht gespenstische Ruhe. Die Straßenstände der Gemüse- und Obsthändler sind verwaist. Im benachbarten Little Italy - das gleiche Bild. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Das riesige Ausstellungsgelände Javits Center lässt sich von außen ebenso nichts anmerken. Doch innen bereitet die National Guard gerade den Umbau zu einem Krankenhaus für Notfälle um. 1.000 Corona Patienten sollen hier untergebracht werden können. In rund einer Woche soll es voll funktionsfähig sein.

Die USNS Comfort, ein Krankenhaus-Schiff der Navy wird länger brauchen, bis es New York erreicht. Darauf sollen rund 1.200 Ärzte und Schwestern Patienten ohne Virus versorgen, um die Krankenhäuser zu entlasten. Doch es wird ein Wettlauf mit der Zeit. Laut Gouverneur Andrew Cuomo verdoppelt sich die Zahl der Infizierten alle drei Tage. Der Staat New York würde 140.000 Betten für Viruspatienten benötigen. Derzeit gibt es gerade einmal 53.000. Cuomo fordert die Regierung auf zu helfen, 30.000 Beatmungsgeräte würden fehlen.

Während die Straßen leergefegt sind, herrscht in den Parks noch reges Treiben. Rund um das Jaqueline Kennedy Reservoir, das schon Schauplatz für Filme wie "Frühstück bei Tiffany’s" oder "Sex and the City" war, keuchen Jogger an Spaziergängern vorbei. Auf engstem Raum. So, als ob, ihnen das Virus nichts anhaben könnte. "Ein Mal am Tag muss ich raus," meint Michelle. "Mein Apartment ist mini - wie eine Schuhschachtel." Und genau das ist das Problem. New York ist so dicht besiedelt, wie keine andere Stadt in den USA.

 

 

 

Dienstagabend waren mehr als 25.000 Menschen im Empire State positiv getestet. Allein in New York City gibt es rund 15.600 Infizierte, mehr als 190 Todesfälle. Die Stadt, die niemals schläft, hat zwangsweise eine Pause verordnet bekommen. Die Zahlen sind durch mehr Tests, aber auch durch die Dichte der Bevölkerung in die Höhe geschnellt. Das Weiße Haus hat alle aufgerufen, die unlängst in New York waren, sich zwei Wochen in Quarantäne zu begeben. Gouverneur Andrew Cuomo warnt andere Staaten. Sie könnten schon bald da sein, wo New York jetzt ist.