Archivfoto: Orbán in Baile Tusnad (ungarisch: Tusnádfürdö) im Sommer 2019

© EPA/Szilard Koszticsak

Politik Ausland
07/27/2022

Nach Orbáns "Goebbels-würdiger Rede": Beraterin zurückgetreten

Nach Orbáns umstrittener Rede am Samstag in Rumänien ist seine langjährige Beraterin zurückgetreten.

von Caroline Ferstl

Sie galt als Langzeit-Beraterin des Ministerpräsidenten: Zsuzsa Hegedüs. Am Dienstag reichte die Soziologin laut dem ungarischen Online-Magazin hvg.gu ihren Rücktritt ein. Der Grund: Orbáns Rede vergangenes Wochenende, die auch internationale für Empörung sorgte.

Es gebe eine Welt, in der sich europäische Völker mit Nichteuropäern vermischten, so der ungarische Ministerpräsident in der Ansprache. Dies sei eine Welt der gemischten Rassen. Die Ungarn aber wollten nicht "zu Gemischtrassigen werden", so Orbán. Die Ansprache hielt er am Samstag anlässlich der Fidesz-Sommerakademie im rumänischen Baile Tusnad, wo ein großer Teil der ungarischen Minderheit Rumäniens lebt, die die Fidesz-Partei in den vergangenen Jahren mit Staatsbürgerschaft, Wahlrecht und finanzieller Unterstützung ausstattete.

In ihrem Rücktrittsansuchen urteilte Hegedüs, die Rede hätte "den blutrünstigsten Rassenhassern" gefallen; sie verglich die Wortwahl Orbáns mit jener des Propagandaminister Nazideutschlands Joseph Goebbels: "Ich weiß nicht, wie Sie beim Lesen der Rede nicht bemerkt haben, dass Sie einen Goebbels-würdigen reinen Nazi-Text aus der früheren Anti-Migranten- und Anti-Europäer-Position präsentiert haben." Es wäre Zeit, trotz 20-jähriger Freundschaft die berufliche Beziehung beenden.

Hegedüs arbeitete seit November 2002 für Orbán. Die studierte Soziologin hat jüdische Wurzeln.

Kritik an der Rede gab es sowohl national als auch international, etwa vom Oberrabbiner Ungarns, dem Internationalen Auschwitz Komitee und der ungarischen EU-Parlamentarierin Katalin Cseh von der Bürgerrechtspartei Momentum: Orbáns Aussagen erinnerten an Zeiten, die "wir alle gerne vergessen würden".

Orbáns "safe space"

Für die Politikwissenschafterin Erin K. Jenne von der Central European University (CEU) kam für die nicht überraschend: "Seine Ansprache vor seinen Anhängern in Baile Tusnad ist für Orbán jedes Jahr eine Art 'safe space‘, dort ist er in Wortwahl und Rhetorik jedes Jahr radikaler und extremer als am internationalen Parkett."

"Schon in den letzten Jahren nutzte Orbán seinen Auftritt in Baile Tusnad, um gegen die westliche Welt und die liberale Demokratie zu schießen. 2014 stellte er hier auch seine Vorstellung einer 'illiberalen Demokratie‘ vor", so Jenne zum KURIER.

Der Osteuropa-Experte Andreas Pribersky vom Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien weist gegenüber dem KURIER auf ein zusätzliches Detail hin: Die Wortwahl Orbáns sei auch "nur" für seine Rede vor seinen Anhängern bestimmt gewesen. Das merke man daran, dass jener Teil über die "Gemischtrassigkeit" in der englischen, für den internationalen Gebrauch bestimmte Fassung rausgestrichen worden ist.

Orbán bedauert Rücktritt

Mittlerweile antwortete sogar Orbán auf den Brief: Hinsichtlich Antisemitismus und Rassismus verfolge Ungarns Regierung eine "Politik der Null-Toleranz". Er verwies auf seine christliche Überzeugung als Beweis dafür, dass er kein Rassist sein könne. Er nehme den Rücktritt von Hegedüs mit Bedauern zur Kenntnis.

Darauf wiederholt Hegedüs, dass sie Orbán nicht für einen solchen halte, er als Ministerpräsident aber keine solche Rede hätte halten sollen.

Morgen Donnerstag besucht Orbán Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) in Wien. Dieser hat angekündigt, Orbán auf dessen Rede ansprechen zu wollen.

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