Politik | Ausland
09.05.2017

Machtkampf unter den Le Pens

Marine Le Pen will ihre Partei neu aufstellen – und hat in ihrer radikaleren Nichte eine Konkurrentin.

Die Köpfe gesenkt, die blauen Kunstrosen zu Boden gerichtet – die Stimmung unter Marine Le Pens Anhängern in der Partei-Zentrale glich gestern einer Trauerfeier. Doch als Marine Le Pen das Podium betrat, wurde schnell klar: hier spricht keine Verliererin. In einer Kampfansage rief sie "alle Patrioten" auf, sie zu unterstützen. Denn sie wolle eine tiefgreifende Umwandlung des Front National vorschlagen, um noch mehr Menschen zu erreichen. Ihre Partei werde sich in eine neue politische Kraft verwandeln, bestätigte FN-Vize, Florian Philippot. Le Pen will etwa mit dem konservativen EU-Skeptiker Nicolas Dupont-Aignan in einer "Patriotischen und Republikanischen Allianz" zusammenarbeiten.

Marion statt Marine?

Viel Zeit für eine Kursänderung bleibt ihr nicht – die Parlamentswahlen sind am 11. Juni. Politologe Markus Wagner von der Universität Wien vermutet, dass es in der Partei nun zu inhaltlichen Debatten kommen wird: "Die Ergebnisse zeigen, dass ihr moderater Kurs nicht zum erhofften Erfolg führte."

Und hier könnte ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen ins Spiel kommen. Die 27-jährige Abgeordnete gilt für manche in der Partei als "Geheimwaffe": Jung, konservativ – rhetorisch steht sie ihrem Großvater, Jean-Marie, aber um nichts nach. Auf sein Drängen hin bewarb sie sich noch während ihres Jusstudiums um einen Abgeordnetensitz. Im Gegensatz zu ihrer Tante vertritt die jüngere Le Pen einen traditionelleren, rechten Ansatz, der sich auf konservative soziale Werte konzentriert. Kein Geheimnis ist ihr angespanntes Verhältnis zu Partei-Vize Philippot. 2014 stimmten Mitglieder beim Parteikongress darüber ab, welche Richtung sie unterstützen: Maréchal-Le Pens oder Philippots (antieuropäisch, auf eigenen Staat fixiert). Obwohl die jüngere Le Pen gewann, nahm ihre Tante Philippot in Schutz.

Jetzt könnte es zum internen Machtkampf zwischen Marine Le Pen und ihrer Nichte um die Parteiführung kommen. Der 88-jährige Jean-Marie räumte der Enkelin zuletzt sogar bessere Chancen für die Präsidentenwahl ein. Seiner Tochter, Marine, ließ er via Sunday Times ausrichten: Sie habe zwar Charakter, aber nötig seien auch andere Qualitäten. Er hat keinen Kontakt zu ihr, seit sie ihn 2015 wegen seiner antisemitischen Äußerungen aus der Partei warf. Für ihn sei dies ohnehin alles ein "ödipales Drama", bei dem seine Tochter einen Vatermord begangen habe.

Und auch jetzt nach der Wahl scheint es, als wolle Marine Le Pen all das, was ihr Vater einst aufbaute, endgültig zu Grabe tragen. Den Parteinamen und die alten Symbole ließ sie schon in der Zeit während des Wahlkampfs verschwinden.