Politik | Ausland
08.08.2017

Mittelmeer-Logbuch: An Bord eines NGO-Schiffes

Zwei KURIER-Reporter begleiten die Crew eines Rettungsschiffes von Ärzte ohne Grenzen im Mittelmeer. Hier berichten sie regelmäßig über die Ereignisse an Bord.

Es hat fast ein halbes Jahr gedauert, bis Kurier-Redakteur Moritz Gottsauner-Wolf und KURIER-Fotograf Jürg Christandl die Genehmigung erhielten, einen Rettungseinsatz von Ärzte ohne Grenzen am Mittelmeer zu begleiten. Seit Anfang der Woche sind sie nun an Bord der VOS Prudence, die sich von Augusta in Sizilien Richtung Libyen aufgemacht hat. Die beiden werden die nächsten Tage, sofern es die Internetverbindung an Bord erlaubt, direkt vom Einsatz für kurier.at bloggen. Ab Sonntag lesen Sie im KURIER und auf kurier.at ihre Reportagen. Hier geht es direkt zu den aktuellen Blog-Einträgen.

Europa blickt auf das Mittelmeer. 85.000 Flüchtlinge und Migranten haben laut der EU-Grenzschutzagentur Frontex heuer bereits Europa über die zentrale Mittelmeerroute erreicht, um 21 Prozent mehr als im Vorjahr. Für mindestens 2500 Menschen endete die Reise in maroden Booten mit dem Tod.

Die Todesfälle und die gestiegene Zahl der Ankünfte haben das Thema wieder auf die Agenda der europäischen Politik gebracht. Italien, wo fast alle Migranten auf der zentralen Mittelmeer-Route ankommen, sieht sich mit der Situation zunehmend überfordert. Es herrscht weitestgehend Konsens, dass das Sterben und die unkontrollierte Einwanderung so nicht weitergehen können. Doch wie die Route auf humane Weise geschlossen und Migranten auf die Mitgliedstaaten aufgeteilt werden sollen, darüber ist sich Europa uneinig.

Bis eine Lösung in Aussicht ist, stellt das Meer vor der libyschen Küste die wesentliche Schnittstelle dar. Ob es jemand nach Europa schafft oder nicht, entscheidet sich am Ende hier, wo Schiffe der EU-Mission "Sophia", der italienischen Küstenwache und verschiedener NGOs die Flüchtlinge und Migranten aufnehmen und nach Italien bringen.

Wo ist die "Prudence" gerade?

An Bord der "Prudence"

Wer sind die Menschen, die ihre Leben riskieren, um über das Mittelmeer zu gelangen? Wovor fliehen sie und was erwarten sie sich von einem Leben in Europa? Wie operieren die NGOs vor der libyschen Küste und wer sind die freiwilligen Helfer, die hinter den umstrittenen Rettungsaktionen stehen?

Diesen und weiteren Fragen gehen die KURIER-Reporter Moritz Gottsauner-Wolf und Jürg Christandl in den kommenden Tagen an Bord der "VOS Prudence" nach, einem Rettungsschiff der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. In diesem Blog berichten sie regelmäßig von den neuesten Entwicklungen an Bord und den Eindrücken, die sie während der Fahrt sammeln.

Offenlegung: Diese Reise wird von Ärzte ohne Grenzen ermöglicht, die unsere zwei Reporter durch die Mitfahrt am Schiff bei ihrer Recherche unterstützen. Der KURIER übernimmt die Reisekosten für die beiden Kollegen.

Haben Sie Fragen? Schicken Sie uns ein E-Mail

Mittelmeer-Logbuch: An Bord eines NGO-Schiffes

  • 12:48

    Tag 20, Montag: Ende der Reise

    Aber selten zuvor war die Zukunft der MSF-Rettungmission so ungewiss. Der Verhaltenskodex wurde nicht unterzeichnet. Die italienische Regierung hat angekündigt, Schiffe zur Unterstützung der libyschen Küstenwache in die libyschen Territorialgewässer zu entsenden. Was das für die „Prudence“ bedeuten könnte, ist unklar, die nächste Ausfahrt könnte die Richtung weisen.

    KURIER-Logbuch zu Ende

    Auch für uns ist die Reise beendet. Wir hatten ursprünglich mit einer Reisedauer von einer Woche gerechnet, jetzt schließen wir den Blog am 20. Tag. Wir hoffen, Ihnen einen tieferen, spannenden Einblick in die Situation im Mittelmeer geboten zu haben und bedanken uns wir die zahlreichen Emails und Reaktionen in den Sozialen Medien. Schauen Sie auch weiterhin bei uns auf kurier.at vorbei, wo es ab nächster Woche umfangreiches Video-Material von den Rettungsaktionen und dem Leben am Schiff zu sehen geben wird. Auch Ihre zugesandten Fragen werden wir in den kommenden Tagen beantworten.

    Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, bleiben Sie uns gewogen.

  • 12:48

    Tag 20, Montag: Ende der Reise

    Schichtwechsel

    Für einen großen Teil der MSF-Crew ist der Dienst auf der „Prudence“ nun beendet. Teamleiter Stephan Van Diest wird von Bord gehen, ebenso die Spitalsleiterin, die Chefärztin, zwei der vier Übersetzer und einer der Beiboot-Piloten. Im Schnitt verbringen die Ärzte, Krankenpfleger, Übersetzer und Logistiker etwa zwei Monate auf dem Schiff, machen dann eine Pause oder werden Missionen in anderen Teilen der Welt zugeteilt. Die Übrigen werden die neuen Teammitgliedern in den kommenden Tagen und Wochen mit der Arbeit auf dem Schiff vertraut machen, während die „Prudence“ gereinigt und mit Vorräten beladen wird. Am Donnerstag ist die Abfahrt Richtung Libyen geplant. Schlechtes Wetter könnte den Start aber verzögern.

  • 12:48

    Tag 20, Montag: Ende der Reise

    Die „Prudence“ hat nach fast drei Wochen wieder auf Sizilien angelegt, diesmal in Catania, am Fuße des vor sich hin kokelnden Ätna. Die Ankunft im Hafen verlief problemlos, keine Verzögerungen, keine Blockade. Einen kleinen, nicht behördlichen Zwischenfall gab es allerdings kurz nach Malta. Ein Crewmitglied war plötzlich erkrankt und musste per Hubschrauber mit der Seilwinde vom Deck der Prudence geborgen werden. Er wurde in ein maltesisches Krankhaus gebraucht und ist auf dem Weg der Besserung.

    Am Kai in Catania warteten bereits Journalisten für italienische Medien und ein Team von Ärzte ohne Grenzen, das in Catania stationiert ist. Nachdem die Gangway festgezurrt ist, fallen sich die MSF-Kollegen in die Arme, alle sind froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

  • 07:37

    Flüchtlingsret­tung: "Haben nichts von Verbot gehört

    Die Motorboote der italienischen Küstenwache erreichen die „Prudence“ kurz vor 22 Uhr am Samstagabend, rund 30 Seemeilen vor Lampedusa. Sie sollen 127 Migranten an Bord des Rettungsschiffs von Ärzte ohne Grenzen (MSF) übernehmen und auf die Insel bringen. Die Boote legen nacheinander längsseitig an. Die Männer, Frauen und Kinder steigen über eine Leiter an der Bordwand hinab. Nach einer Stunde ist der Transfer ohne Zwischenfälle abgeschlossen. „Mille grazie“, ruft die italienische Spitalsleiterin der Besatzung des zweiten Boots zu, bevor es in der Dunkelheit verschwindet.

    Die „Prudence“ macht sich Minuten später auf den Weg nach Catania auf Sizilien, wo MSF einen Stützpunkt unterhält. Italienische Medien berichten derweil, dass die Übergabe auf hoher See stattfand, weil dem Schiff das Anlegen in Lampedusa untersagt worden sei. Laut einer in deutschsprachigen Medien verbreiteten Meldung sei das Schiff nach Lampedusa umgeleitet worden, weil die Behörden die Einfahrt in sizilianische Häfen mit Migranten an Bord nicht erlauben wollten.

    Auf der „Prudence“ ist man über die Meldungen überrascht. Man habe stets die Anweisungen des Seenotrettungszentrums der italienischen Küstenwache MRCC befolgt, sagt der MSF-Teamleiter Stephan Van Diest. „Ich habe noch nichts von diesen Verboten gehört.“

    Die ganze Reportage lesen Sie hier.

  • 11:09

    Tag 19, Sonntag: Keine Migranten mehr an Bord

    Die Zeremonie ist gerade zu Ende, als die Nachricht über Funk durchgegeben wird, dass zwei Motorboote der Küstenwache in einer halben Stunde die Menschen an Deck abholen werden. Die Prudence befindet sich rund 30 Seemeilen von Lampedusa entfernt in internationalen Gewässern. Die Geretteten werden in zwei Gruppen geteilt. Das erste Boot der Küstenwache legt längsseits an, auf einer Leiter klettern zuerst Frauen und Kinder und dann die Männer hinab. Nach etwa einer Stunde sind alle von Bord. „Mille grazie“, ruft die Spitalsleiterin der Besatzung der Küstenwache zu. Dann verschwinden die Boote in der Dunkelheit, so schnell, wie gekommen sind.

    Die „Prudence“ ist nun auf dem Weg nach Sizilien. Die Hafenbehörde von Catania hat grünes Licht gegeben. Die Fahrt wird etwa 36 Stunden dauern

  • 11:09

    Tag 19, Sonntag: Keine Migranten mehr an Bord

    „Ist das libysch?“, fragen sie.

    „Ja, eine libysche Plattform, aber sie ist ungefährlich.“

    „Wir fahren nach Italien?“

    „Eine kleine italienische Insel, ja. Aber sie ist ein Stück vom Festland entfernt.“

    „Aber wann fahren wir weiter nach Italien?“

    Was nun mit ihnen passiere, ist die häufigste Frage, die uns an Deck gestellt wird. Für MSF-Mitarbeiter gilt die Regel, nichts zu versprechen, was sie nicht halten können. Wie lange die Menschen auf Lampedusa bleiben, kann niemand sagen. Die Helfer verbringen den Tag damit, kleinere Leiden zu behandeln, auf die Kinder aufzupassen, Essen zu verteilen. Über das Lautsprechersystem geben sie die neuesten Entwicklungen durch. Als die Nachricht von der Abfahrt kam, war an Deck Applaus zu hören. Aber vor allem führen die MSF-Mitarbeiter Gespräche mit den Geretteten über ihre Erfahrungen in Libyen, über Gewalt, Folter, Entführungen und Zwangsarbeit.

    Wir haben ebenfalls eine Reihe von Interviews geführt, die Ergebnisse der Recherche werden in den kommenden Tagen und Wochen im KURIER zu lesen sein.

    Auf dem Weg nach Sizilien

    Am Abend bitten die Migranten die MSF-Besatzung aufs Hauptdeck, wo sie einen Sitzkreis gebildet haben. Eine junge Frau aus Kamerun hält eine kurze Dankesrede, nach der Reihe ergreifen andere das Mikrofon, ein junger Mann singt ein Lied.

  • 11:09

    Tag 19, Sonntag: Keine Migranten mehr an Bord

    Samstagmittag hat das Warten vor Libyen ein Ende. Das MRCC in Rom weist die „Prudence“ an, nach Lampedusa zu fahren, einer kleinen italienischen Insel, näher an Tunesien als Italien, die seit Jahren Anlaufstelle und Zwischenstopp auf der Migrationsroute nach Norden ist. Dort würde die italienische Küstenwache die 127 Geretteten übernehmen.

    Die systematische Seenotrettung im Mittelmeer hat in den Gewässern vor Lampedusa begonnen. Im Oktober 2013 ertranken nahe der Insel mindestens 366 Migranten, weil ihr Holzboot gekentert war. Unter anderem dieser Unfall bewegte Italien dazu, im selben Monat die Operation „Mare Nostrum“ zur Rettung von Migranten zu starten. Auf sie folgte ein Jahr später die Frontex-Mission „Triton“, 2015 schließlich die EU-Operation Sophia und die ersten NGO-Schiffe. Auch das erste der EU-Registrierungszentren, die sogenannten „Hotspots“, eröffnete auf Lampedusa.

    "Ist das libysch?"

    Es sind zwölf Stunden Fahrt von der Rettungszone vor Libyen. Die Brücke erhöht die Drehzahl, hinter dem Schiff verwandeln sich die gemächlichen Wasserwirbel der vergangenen Tage in ein Schwall. Junge Burschen, viele sind zum ersten Mal auf einem Schiff, bewundern das blaue Wasser des Mittelmeers. In Libyen sei es schmutzig sagen sie. In der Ferne ist eine Öl-Plattform zu erkennen.

  • 11:09

    Tag 19, Sonntag: Keine Migranten mehr an Bord

    Update: Italienische Medien berichten, dass der „Prudence“ das Anlegen im Hafen von Lampedusa verwehrt worden sei. MSF-Teamleiter Stephan Van Diest kann diese Darstellung nicht nachvollziehen, der Hafen sei für ein Schiff dieser Größe und das Transferieren einer größeren Zahl von Menschen gar nicht geeignet, weil der Kai zu niedrig sei. Die Übergabe fand in der Nacht in internationalen Gewässern statt, es sind nun keine Migranten mehr an Bord.

    Eine weitere Meldung in deutschsprachigen Medien behauptet, die „Prudence“ sei die Landung auf Sizilien verboten worden. Auf dem Schiff ist davon nichts bekannt, das MRCC hat die Übergabe in Lampedusa angeordnet. Welche Absichten das MRCC mit der Umleitung nach Lampedusa verfolgte, ist von hier aus nicht festzustellen.

    Das Warten hat ein Ende

    Das Schiff ist nun auf dem Weg nach Sizilien. Die Hafenbehörde von Catania sei informiert und habe keine Einwände gegen das Anlegen der „Prudence“ geäußert, sagt Stephan Van Diest.

  • 12:43

    Tag 17, Freitag: Rom lässt „Prudence“ warten

    Kameruner, Senegalesen und Sierra Leoner stellen den überwiegenden Großteil der Gruppe. Die verschiedenen Nationalitäten sitzen am Deck in Grüppchen beieinander. Französisch ist die meistgesprochene Sprache. Jeder trägt ein weißes Band am Arm, das anzeigt, dass sie am Donnerstag gerettet wurden, um sie im Fall weiterer Rettungen auseinanderhalten zu können.

    Auch zwei Schwangere sind an Bord. „Für schwangere Frauen, die zu uns kommen, ist es in der Regel die erste ärztliche Untersuchung“, sagt die medizinische Koordinatorin Claudia Hattinger, eine in Zell am See geborene Italienerin. Einen Fall von Fieber gebe es, das aber langsam abklingt. Ansonsten keine Notfälle oder schwere Erkrankungen. „Wir haben Glück“, sagt Hattinger.

    Am Abend bauen die MSF-Helfer ein improvisiertes Kino am Deck auf. Gezeigt wird, wie schon vor einigen Tagen, als das MSF-Team noch unter sich war, „Der König der Löwen“.

  • 12:43

    Tag 17, Freitag: Rom lässt „Prudence“ warten

    Die Geretteten leben auf der Prudence zwar sicher, aber unbequem. Sie schlafen auf den Holzplatten des Hauptdecks oder auf Containerböden. Als Matraze müssen die Fleecedecken reichen, die sie bei ihrer Ankunft erhalten haben. WLAN-Zugang erhalten sie nicht, die Internetverbindung würde sonst binnen kürzester Zeit überlastet sein. Selbiges gilt für die Steckdosen, deren Zahl begrenzt ist. Um Streit über Akkuladezeiten vorzubeugen, sind sie abgeschaltet. Rauchen ist ebenfalls verboten.

    Nichts außer Kleidung am Körper

    Nicht, dass irgendjemand Zigaretten mithätte. Diese Gruppe ist mit ganz besonders wenigen Habseligkeiten an Bord gekommen. Niemand hatte Schuhe an. Kaum jemand hat ein Handy. „Es scheint, als ob ihnen wirklich alles abgenommen wurde“, sagt die Psychologin Frieda Andernach. „Einer ist überhaupt nur in der Unterhose gekommen.“

  • 12:43

    Tag 17, Freitag: Rom lässt „Prudence“ warten

    Kein Luxus

    Dass es eigentlich schnell gehen müsste, hat den Grund, dass die Menschen an Deck nur notdürftig versorgt werden können. Einmal am Tag gibt es das immer gleiche Essenspaket: drei süße Sesamtafeln, Rosinen und Fruchtsaft. Kein Luxus-Menü, sondern haltbare 2.000 Kilokalorien. Rund 3.000 Stück davon hat das Schiff geladen, genug, um 1.000 Menschen drei Tage lang mit dem Notwendigsten zu versorgen. Am Freitagabend ist bei der Verteilung schon niemand mehr besonders begeistert darüber – aber etwas anderes gibt es nicht.

  • 12:43

    Tag 17, Freitag: Rom lässt „Prudence“ warten

    Ein Tag beginnt mit dem Bericht der Frühwache auf der Brücke: Um 7.00 Uhr sei ein Schnellboot der libyschen Küstenwache auf die „Prudence“ zugefahren. Diesmal soll ein Gewehr auf einem der Sitze gelegen sein. Es hat zwei Runden um das Schiff gedreht, nur wenige Meter von der Bordwand entfernt. Per Funk erläuterten die Libyer, dass sie auf der Suche nach zwei Holzbooten seien, die in der Gegend gesichtet worden seien. Dann zog das Boot wieder ab.

    Es ist nun das zweite Mal in zwei Tagen, dass das Schiff außergewöhnlichen Besuch der libyschen Küstenwache erhält. Ob Zufall oder eine neue Strategie dahintersteckt, ist an Bord Thema von Spekulationen. Jedenfalls befindet sich die „Prudence“ seit bald 48 Stunden in einer Warteposition, ebenfalls eine neue Situation.

    Warten auf Rom

    Das Seenotrettungszentrum MRCC in Rom hat noch keine Anweisungen erteilt, was nun mit den Geretteten an Bord geschehen soll. Sie verbringen am Freitag bereits ihren zweiten Tag im Freien an Deck der „Prudence“, während das Schiff im Schritttempo auf und ab fährt.

    Üblicherweise bleiben MSF-Schiffe mit Migranten an Bord nicht länger als einen weiteren Tag vor der Küste Libyens und machen sich dann auf den Weg nach Italien. Die Fahrt dauert zusätzlich 36 Stunden. Im Laufe des Tages wird mangels Instruktionen klar, dass das Schiff mindestens bis Samstag ausharren wird müssen. Eine ungewohnte Situation, die mit dem Nichtunterzeichnen des italienischen Verhaltenskodex durch Ärzte ohne Grenzen zusammenhängen könnte.

    Update: Die "Prudence" hat die Anweisung erhalten, nach Lampedusa zu fahren. Dort sollen die Geretteten an Land gehen. Das Schiff wird die Insel in der Nacht erreichen.

  • 12:19

    Tag 15 und 16, Mittwoch und Donnerstag

    Der Mittwoch bringt nichts Neues. Die Langeweile erreicht ihren vorläufigen Höhepunkt. Nachmittags breitet sich die Yoga-Gruppe am Hauptdeck aus. Seit fünf Tagen kreuzt die „Prudence“ nun durch die Gewässer etwas außerhalb der Rettungszone vor Libyen. Seit fünf Tagen hat niemand an Bord ein Migrantenboot auch nur entfernt zu Gesicht bekommen. Im Kino läuft am Abend "Vier Hochzeiten und ein Todesfall".

    Am Donnerstagmorgen dann ein (überraschender) Anruf des MRCC in Rom: Ein Schlauchboot sei in etwa einer Stunde Entfernung ausgemacht worden. Die Reportage der Rettung lesen Sie hier.

  • 13:06

    Tag 14, Dienstag: „Prudence“ im Abseits

    Es könnte sich dabei um die erste Konsequenz aus der Ablehnung des Verhaltenskodex durch Ärzte ohne Grenzen (MSF) handeln. Die italienische Regierung hat bereits Anfang der Woche verkündet, dass MSF nicht mehr Teil der Rettungsoperationen vor der Küste sei. Es ist zumindest eine der denkbaren Erklärungen für die Funkstille seitens der Rettungsleitstelle.

    Ebenso ist es möglich, dass sich schlicht keine Notfälle in der unmittelbaren Nähe der „Prudence“ ereignet haben. Die vergangenen zwei Wochen waren auf der Mittelmeer-Route so ruhig, dass das Jahr 2017 mit Ende Juli vorerst nicht mehr auf einen neuen Migrationsrekord zusteuert. Laut der International Organization for Migration (IOM) kamen im Juli insgesamt 10.781 Personen über die zentrale Mittelmeer-Route in Italien an. Im Vorjahr waren es noch 23.552. Ob dieser Trend anhält, ist noch nicht abzuschätzen.

    Während die „Prudence“ wartete, haben andere Schiffe Rettungen durchgeführt, wenn auch in einiger Entfernung. In der zweiten Rettungszone östlich von Tripoli hat ein NGO-Schiff fast 500 Migranten und Flüchtlinge aus vier Schlauchbooten aufgenommen und macht sich nun auf den Weg nach Italien. Acht Menschen konnten nur mehr tot geborgen werden.

    Simba und Yoga

    Auf der „Prudence“ bereut noch kaum jemand die Entscheidung, dass der Verhaltenskodex abgelehnt wurde. Auch wenn die Helfer jetzt warten und zusehen müssen, wie andere ihre Arbeit erledigen. Sie vertreiben sich die Zeit mit Erste-Hilfe-Übungen, Lesen und Kartenspielen. Am späten Nachmittag fand am Hauptdeck eine Yoga-Stunde statt. Den zweiten Abend in Folge wurde im improvisierten Kino in einem der Container ein Film gezeigt. Gestern war es „Per Anhalter durch die Galaxis“, heute „Der König der Löwen“.

  • 13:06

    Tag 14, Dienstag: „Prudence“ im Abseits

    Die frühen Morgenstunden brachten auch heute keinen Notruf. Die „Prudence“ hat den Tag 24 Seemeilen vor der libyschen Küste verbracht, nahe genug, um auf Anweisung der römischen Rettungsleitstelle MRCC rasch am Ort des Geschehens zu sein, aber wohl zu weit enfernt, um von alleine Migrantenboote zu entdecken. „Stand-by-Modus“, nennt das ein Crewmitglied. Vom MRCC kamen keine Anweisungen.

  • 07:59

    Tag 13, Montag: "Keine Polizisten, egal ob mit oder ohne Waffen

    Am Montag gab MSF bekannt, den Verhaltenskodex der italienischen Regierung nicht zu unterschreiben. Die Organisation gab drei Gründe dafür an: Man könne keine italienischen Polizisten an Bord akzeptieren; das Verbot von Transfers zwischen NGO-Schiffen würde dazu führen, dass weniger Kapazitäten in der Rettungszone vorhanden sind und neue Regelungen zur Zuständigkeit des Seenotrettungszentrum MRCC würden für Verwirrung sorgen.

    Aber der Hauptgrund bleibt die Präsenz von möglicherweise bewaffneten Polizisten an Bord. Das würde dem Grundprinzip der Neutralität der Organisation widersprechen.

    Was die MSF-Crew der „Prudence“ darüber denkt – und was die Folgen der Entscheidung sein könnten – lesen Sie hier.

  • 13:36

    Tag 12, Sonntag: Rätselraten um ruhige Mittelmeer-Route

    Vor allem aber will Italien Kriegsschiffe zum Abfangen von Migrantenbooten in die libyschen Territorialgewässer schicken. Das italienische Parlament wird ab Dienstag über die Entsendung beraten, die die weitere Entwicklung der Mittelmeer-Route grundlegend beeinflussen könnte.

    Vergangene Woche vermittelte außerdem der französische Staatspräsident Emmanuel Macron eine fragile Waffenruhe zwischen der eher ohnmächtigen Einheitsregierung in Tripoli unter Fayez al-Sarraj und den Kräften der Gegenregierung in Tobruk, die vom General Khalifa Haftar vertreten wird. Die Schlepperstrände befinden sich größtenteils im schwachen Einflussbereich der Regierung Sarraj.

    Libysches Chaos

    Bleiben noch die zahlreichen bewaffneten Milizen, die zum Teil auch von der Schlepperei nach Europa profitieren. Die geringe Anzahl von Migrantenbooten in den vergangen Tagen könnte auch mit Berichten von Kämpfen zwischen rivalisierenden Gruppen in der Gegend um Sabrata zusammenhängen, von wo aus der Großteil der Boote in Richtung Rettungszone startet. Hinzu kommen Berichte, dass sich Kämpfer der Terrormiliz IS nach schweren Verlusten im Osten des Landes rund um die Schlepperhochburg neu gruppieren. Auch die libysche Küstenwache dürfte in den vergangenen Tagen recht aktiv gewesen sein.

  • 13:36

    Tag 12, Sonntag: Rätselraten um ruhige Mittelmeer-Route

    Europa in Bewegung

    Die italienische Regierung will NGOs mit ihrem Verhaltenskodex an die kurze Leine nehmen – und einige vermutlich auch zum Aufhören bewegen. Am Montag soll feststehen, welche Organisationen den Kodex unterschreiben werden. Bei Weigerung könnte die italienische Regierung den betreffenden NGOs die Nutzung italienischer Häfen verbieten. Die Position von Ärzte ohne Grenzen ist noch unklar.

  • 13:36

    Tag 12, Sonntag: Rätselraten um ruhige Mittelmeer-Route

    Ob Druck aus Europa oder innerlibysche Entwicklungen – über die genauen Gründe für die ungewöhnlich geringe Anzahl an Booten herrscht Bord der „Prudence“ Rätselraten. Es könnten aber entscheidende Tage für die MSF-Mission im Mittelmeer und die Mittelmeer-Route an sich bevorstehen. Mehrere Faktoren kommen hier ins Spiel.
  • 13:36

    Tag 12, Sonntag: Rätselraten um ruhige Mittelmeer-Route

    Am Sonntag war für die Besatzung der „Prudence“ einmal mehr wenig zu tun. Ein irisches Marineschiff hat ein Schlauchboot mit rund 109 Migranten gesichert und an ein Schiff der italienischen Küstenwache übergeben. Ein weiteres Schlauchboot wurde offenbar von der libyschen Küstenwache abgefangen und die Insassen zurück auf das Festland gebracht. Das war es auch schon. Das MSF-Team nutzte die Zeit und das weiterhin gute Wetter für eine Rettungsübung mit den Beibooten.