Politik | Ausland
07.08.2017

Flüchtlingsrettung: "Haben nichts von Verbot gehört"

Auf dem Flüchtlings-Rettungsschiff Prudence sorgen Medienberichte, man sei am Anlaufen von Lampedusa gehindert worden, nur für Verwunderung.

Die Motorboote der italienischen Küstenwache erreichen die „Prudence“ kurz vor 22 Uhr am Samstagabend, rund 30 Seemeilen vor Lampedusa. Sie sollen 127 Migranten an Bord des Rettungsschiffs von Ärzte ohne Grenzen (MSF) übernehmen und auf die Insel bringen. Die Boote legen nacheinander längsseitig an. Die Männer, Frauen und Kinder steigen über eine Leiter an der Bordwand hinab. Nach einer Stunde ist der Transfer ohne Zwischenfälle abgeschlossen. „Mille grazie“, ruft die italienische Spitalsleiterin der Besatzung des zweiten Boots zu, bevor es in der Dunkelheit verschwindet.

Die „Prudence“ macht sich Minuten später auf den Weg nach Catania auf Sizilien, wo MSF einen Stützpunkt unterhält. Italienische Medien berichten derweil, dass die Übergabe auf hoher See stattfand, weil dem Schiff das Anlegen in Lampedusa untersagt worden sei. Laut einer in deutschsprachigen Medien verbreiteten Meldung sei das Schiff nach Lampedusa umgeleitet worden, weil die Behörden die Einfahrt in sizilianische Häfen mit Migranten an Bord nicht erlauben wollten.

Auf der „Prudence“ ist man über die Meldungen überrascht. Man habe stets die Anweisungen des Seenotrettungszentrums der italienischen Küstenwache MRCC befolgt, sagt der MSF-Teamleiter Stephan Van Diest. „Ich habe noch nichts von diesen Verboten gehört.“ Dass die Prudence nach Lampedusa weitergeleitet wurde, sei „durchaus logisch“. Lampedusa liege am Weg nach Sizilien und die geringe Zahl an Migranten an Bord würde es erlauben, sie relativ schnell per Motorboot abzuholen. Dass die Prudence nicht den Hafen von Lampedusa anlief, liege daran, „dass der Kai des Hafens für ein Schiff unserer Größe zu niedrig ist. Dass haben wir MRCC im Vorfeld mitgeteilt und das haben sie natürlich gewusst.“

Die Hafenbehörde in Catania wusste bereits über die geplante Ankunft der „Prudence“ , es habe keinerlei Einwände gegeben, sagt Van Diest. „Wir können fahren, wohin wir wollen, hat uns das MRCC mitgeteilt.“

Aber die Situation bleibt angespannt. Mehrere NGOs, darunter Ärzte ohne Grenzen, haben sich vergangene Woche geweigert, einen von der italienischen Regierung vorgelegten Verhaltenskodex zu unterschreiben. Für MSF war es aus Gründen der Neutralität nicht akzeptabel, italienische Polizisten an Bord mitzuführen, wie es im Kodex verlangt wurde. Die italienische Regierung hat Konsequenzen angekündigt.

Wie diese aussehen könnten, ist noch nicht klar. Bald nach der Ankündigung wurde das Schiff der NGO „Jugend rettet“ vor Lampedusa beschlagnahmt – unter dem Vorwurf der Beihilfe zu illegaler Migration. Es bestehe in diesem Fall kein Zusammenhang zur Nichtunterzeichnung des Verhaltenskodex, hieß es auf italienischer Seite.
Für die Besatzung der Prudence war die nächtliche Übergabe vor Lampedusa der Schlusspunkt einer Rettungsaktion, die sich ungewöhnlich in die Länge gezogen hatte. Etwas mehr als 48 Stunden hatten sie auf Anweisung aus Rom gewartet, was nun mit den Geretteten passieren solle. Üblich ist längstens ein Tag. Ob die Verzögerung eine gezielte Maßnahme der italienischen Regierung zu werten ist, bleibt fraglich. MSF-Teamleiter Van Diest hat eine andere Erklärung: „Wir waren in diesem Zeitraum das einzige größere Schiff in der Rettungszone. Es könnte sein, dass die uns dort behalten wollten, falls es weitere Rettungen gibt.“ Montagfrüh jedenfalls soll die „Prudence“ in Catania einlaufen um einen Crew-Wechsel durchzuführen und Vorräte an Bord zu nehmen.

Hinweis: Zwei KURIER-Reporter begleiten aktuell die Crew eines Rettungsschiffes von Ärzte ohne Grenzen im Mittelmeer. Hier berichten sie über die Ereignisse an Bord.