Politik | Ausland
03.08.2017

Mittelmeer: Rettungseinsatz für die Prudence

Nach ereignislosen Tagen rettete die Prudence über hundert Menschen vor der libyschen Küste.

Der Donnerstag beginnt so ereignislos, wie die vergangenen fünf Tage auf der „Prudence“, einem Rettungsschiff von Ärzte ohne Grenzen (MSF) vor der libyschen Küste. Dann, kurz vor acht Uhr, klingelt auf der Brücke das Satelliten-Telefon. Das Seenotrettungszentrum MRCC in Rom meldet ein Schlauchboot mit zirka 100 Personen an Bord und gibt die Koordinaten durch. Die elf Seemeilen Entfernung schafft die „Prudence“ bei voller Fahrt in knapp unter einer Stunde.

Als die hellgrauen Schläuche am Horizont auftauchen, ist klar, dass das Boot Gesellschaft hat. Zwei verdächtige Motorboote schaukeln in ein paar Hundert Metern Entfernung auf dem Wasser. Ein militärisches Aufklärungsflugzeug mit spanischen Hoheitszeichen kreist im Tiefflug über der Szene. Ein Beiboot der „Prudence“ wird mit mehreren Dutzend Schwimmwesten in großen Säcken zu Wasser gelassen. Die drei Männer an Bord werden die Westen an die Insassen des Schlauchboots verteilen, bevor sich das Mutterschiff Meter für Meter annähert, um das Boot längsseits festzumachen.

Bald sind die Köpfe am Schlauchboot auszumachen, es ist so dicht besetzt, dass die Menschen darin stehen müssen. „Ungefähr 30 Frauen und Kinder“, gibt der Franzose Alain, einer der Beiboot-Piloten, per Funk durch. „Ich brauche noch 30 Rettungswesten.“ Die Menschen auf dem Boot winken. In diesem Moment bemerkt die Besatzung ein Schnellboot, das sich schnell nähert. Die mysteriösen Boote, die in der Ferne gewartet hatten, machen sich mit Vollgas aus dem Staub. Sie hatten wohl gehofft, den Motor des Schlauchboots wieder mitnehmen zu können.

Besuch der Küstenwache
Die fadenscheinige libysche Flagge am Gestänge identifiziert das Schnellboot als libysche Küstenwache. Die fünf Männer darin sehen nicht aus, wie man sich professionelle Matrosen einer Küstenwache vorstellen würde. Zwei tragen blaue Tarnuniformen, der Dritte ein T-Shirt mit grüner Tarnhose, die anderen beiden Zivilkleidung – aber keine Waffen, zumindest nicht sichtbar. Sie positionieren sich neben dem Beiboot der „Prudence“. Freundliche Begrüßung und Handschlag, kurze Unterredung.

„Sie bieten uns ihre Unterstützung an, falls wir sie brauchen“, sagt der Arabisch-Übersetzer des MSF am Beiboot. Sie wird nicht benötigt. Dreißig Minuten später sind die insgesamt 127 Personen: 102 Männer, 19 Frauen und sechs Kinder an Bord, allesamt barfuß oder in schmutzigen Socken. Niemand hat Gepäck dabei, nicht einmal Handtaschen. Der überwiegende Großteil stammt aus Kamerun, Senegal, Gambia und Sierra Leone. „Absolut reibungslos“ sei die Rettung verlaufen, sagt Alain, der Beiboot-Pilot.

Während das leere Schlauchboot davondriftet, nimmt die Besatzung des libyschen Küstenwachen-Boots den Außenbordmotor und den in Plastiktonnen gelagerten Treibstoff an sich. Dann zerschlitzen sie mit Messern die Schläuche, bis das Boot wie eine kaputte Luftmatraze im Wasser treibt.

Dass die libyschen Küstenwache bei Rettungen direkt neben dem Schiff aufkreuzt und Unterstützung anbietet, ist ungewöhnlich. Oussama Omrane, der bereits auf allen vier bisherigen MSF-Schiffen gearbeitet hat, könne sich nur an eine Gelegenheit im vergangenen Februar erinnern, als die Küstenwache ebenfalls ihre Unterstützung angeboten habe, sagt er.

Weniger Ankünfte
Es könnte ein weiteres Anzeichen dafür sein, dass sich auf der zentralen Mittelmeer-Route gerade einiges ändert. Seit zwei Wochen sind auffällig wenige Migrantenboote in die Gewässer außerhalb des libyschen Hoheitsgebiets vorgedrungen. Die Ankünfte in Italien haben sich im Juli im Vergleich zu Vorjahr laut italienischem Innenministerium mehr als halbiert. Die Gründe dafür sind noch unklar. Auf der „Prudence“ blühen die Spekulationen: Druck aus Europa, eine aktivere Küstenwache, lokale Initiativen – niemand weiß Genaueres. Darunter mischen sich Berichte, wonach sich Kämpfer der Terrormiliz IS nach Niederlagen im Osten nun in der westlichen Schlepperhochburg Sabrata neu formieren wollen.

Prudence“ im Abseits
Für das Team auf der „Prudence“ kommt hinzu, dass sie seit Montag im „Stand-by-Modus“ verharren mussten. Rettungsaktionen finden laut MSF immer auf Geheiß und Anweisung des MRCC in Rom statt. Bis zum Notruf am frühen Donnerstag hat tagelang de facto Funkstille geherrscht, während andere Schiffe mehrere Rettungen durchführten.

Dieser Umstand könnte auf die Ablehnung des NGO-Verhaltenskodex seitens Ärzte ohne Grenzen am vergangenen Montag zurückzuführen sein. Die italienische Regierung hat angekündigt, dass alle NGOs, die den Kodex nicht unterzeichnen, vom offiziellen Rettungssystem ausgeschlossen würden. Warum am Donnerstag schließlich doch die „Prudence“ zum Einsatzort geschickt wurde, ist noch unklar. Möglicherweise, weil sie das einzige Schiff in der Nähe war.

Die 127 Menschen an Deck machen inzwischen das, was Gerettete nach ihrer mehrstündigen Fahrt in der Regel als erstes tun: schlafen. Wie es mit ihnen weitergeht, soll im Laufe des Tages entschieden werden. Noch herrscht Ungewissheit darüber, ob die „Prudence“ mit Migranten an Bord noch in italienische Häfen einfahren darf. Möglich ist ein Transfer der Personen auf ein anderes Schiff. Es heißt nun Warten auf die Entscheidung aus Rom.

Hinweis: Zwei KURIER-Reporter begleiten aktuell die Crew eines Rettungsschiffes von Ärzte ohne Grenzen im Mittelmeer. Hier berichten sie über die Ereignisse an Bord.