Explodierene Gaspreise, Inflation, manche Lebensmittel gehen aus - Großbritannien erlebt harte Zeiten

© EPA/ANDY RAIN

Politik Ausland
09/25/2021

Millionen Briten müssen wählen: "Heizen oder essen"

Auf Millionen Briten kommen harte Zeiten zu: explodierende Gaspreise, teurere Lebensmittel, weniger Hilfen. Warnungen vor einem "Winter des Leidens".

von Georg Szalai

Nachdem er Weihnachten 2020 wegen der Corona-Pandemie "absagen" musste, gab sich der britische Premier Boris Johnson diese Woche betont optimistisch. Heuer soll das Fest stattfinden, "Christmas is on", sagte er.

Sorge statt Vorfreude dominiert aber dieser Tage bei vielen bereits von covid- und brexitbedingten Versorgungsproblemen gebeutelten Briten. Denn jetzt drücken Gaskrise und Inflation, die höhere Lebensmittel- und Spritpreise bedeuten, sowie eine bevorstehende Kürzung der Finanzhilfe für Einkommensschwache auf die Geldbörse.

Laut GfK-Umfrage wirken sich leere Regale und Angst vor einer "Lebenshaltungskostenkrise" auf die Konsumlust aus: Das Verbrauchervertrauen verzeichnete im September den größten Einbruch seit Oktober 2020.

"Winter des Leidens"

Auch der Tenor der Medien ist düster: Die Daily Mail sagt einen "Winter des Leidens" vorher. Und Guardian und Telegraph warnen vor einem „Winter der Unzufriedenheit“ wie in den späten 70er Jahren, als Energiekrise und Streiks das Land lähmten.

Auch ein trauriger Slogan hat ein Comeback: "Heat or eat", also "heizen oder essen", fassen Experten plakativ die Wahl der geschätzten drei Millionen an Energiearmut leidenden und Hunderttausender weiterer Briten in der kalten Zeit zusammen.

"Die Lichter werden nicht ausgehen", verspricht Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng, gibt aber zu, es könnte für Ärmere ein "sehr schwieriger Winter" werden.

Die oppositionelle Labour Partei stellt die konservative Regierung als Grinch dar. "Familien sind mit einem plötzlichen Rückgang des Lebensstandards konfrontiert in einem Ausmaß, die diese Generation noch nicht gesehen hat", meint Schatten-Finanzministerin Bridget Phillipson.

Gekürzte Hilfen

Sie fordert von Johnson, die in der Pandemie um 20 Pfund (23,35 Euro) pro Woche angehobene Universalbeihilfe für sechs Millionen arbeitsfähige Bedürftige nicht wie geplant mit Monatsende auslaufen zu lassen, weil diese Leute dann 1.020 Pfund (1.191 Euro) pro Jahr verlieren, das entspricht fast einer durchschnittlichen Energierechnung.

Da Johnson auch ein Wahlversprechen brach und ab April Sozialversicherungsbeiträge anhebt, schätzt die Joseph Rowntree Stiftung, dass Einkommensschwache dann gleich 1.750 Pfund (2.043 Euro) weniger pro Jahr zur Verfügung haben.

Alarmglocken läuten

Sogar so manche konservative Politiker läuten jetzt die Alarmglocken und fordern von der Regierung, den Ärmsten unter die Arme zu greifen. Damian Green, Ex-Vize-Premier von Theresa May, fürchtet "sehr, sehr schwere Zeiten" für Hunderttausende und warnt, das könne den Tories Vertrauen und Wähler kosten.

Viel Sorge gibt es um Heizkosten im Winter. Denn mehrere kleine Energie-Anbieter, die mit Diskont-Preisen gelockt hatten, mussten wegen rasant steigender Einkaufspreise für Gas und gedeckelten Verbraucher-Preisen bereits Insolvenz anmelden. Damit verloren mehr als 1,5 Million Haushalte über Nacht ihren Versorger und müssen auf teurere Verträge anderer Anbieter umsteigen.

Die gesetzliche Preisobergrenze für jährliche Energiekosten bietet zwar gewissen Schutz, aber auch sie klettert ab Oktober um 12 Prozent auf einen Rekordwert von 1.277 Pfund (1.491 Euros).

Die Waliserin Gemma und ihre sechsköpfige Familie stellen sich auf einen harten Winter ein. "Vorrang hat Essen für die Kinder", sagt sie der BBC. "Die Heizung kann ich wahrscheinlich nicht einschalten."

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