Der ukrainische Pr√§sident Wolodimir Selenskij

© EPA/SERGEY DOLZHENKO

Lagebericht
07/02/2022

Selenskij spricht von "russischem Terror"

Nach einem russischen Angriff auf ein Wohnhaus beklagt die Ukraine Dutzende Tote und Verletzte.

Tag 129 nach dem russischen Angriff auf die Ukraine: 

Die s√ľdukrainische Stadt Mykolajiw ist am Samstag von schweren Explosionen ersch√ľttert worden. Kurz vor den Detonationen ert√∂nten Alarmsirenen in der Region nahe der Hafenstadt Odessa. B√ľrgermeister Olexander Sjenkewytsch rief die Bewohner √ľber den Messengerdienst Telegram dazu auf, in den Schutzr√§umen zu bleiben. Die Ursache der Detonationen war zun√§chst nicht klar. Russland hatte zuvor seine Angriffe in der Ostukraine auf breiter Front fortgesetzt.

Das Verteidigungsministerium in Moskau erkl√§rte, das russische Milit√§r habe f√ľnf Milit√§rkommandoposten in der Region Mykolajiw und im Donbass mit Hochpr√§zisionswaffen zerst√∂rt. Auch drei Lagereinrichtungen in der s√ľdlichen Region Saporischschja seien getroffen worden, ebenso wie eine Waffen- und Ausr√ľstungsbasis in einer Traktorfabrik im nord√∂stlichen Charkiw. Die Angaben beider Seiten lie√üen sich zun√§chst nicht unabh√§ngig √ľberpr√ľfen.

Im Osten der Ukraine hat Russland seine Angriffe auf breiter Front fortgesetzt. Das Verteidigungsministerium in Moskau behauptete, bei Luftangriffen seien mehrere ukrainische Waffenlager zerst√∂rt worden. Der ukrainische Generalstab in Kiew berichtete, in der Umgebung von Charkiw - der zweitgr√∂√üten Stadt des Landes - versuche die russische Armee, mit Unterst√ľtzung der Artillerie verlorene Positionen zur√ľckzuerobern. Die Angaben aus den Kampfgebieten lassen sich kaum pr√ľfen.

Die pro-russischen K√§mpfer in der Ukraine haben nach eigenen Angaben die umk√§mpfte Stadt Lyssytschansk im Osten des Landes vollst√§ndig umzingelt. Zusammen mit russischen Truppen seien "heute die letzten strategischen H√ľgel" erobert worden, sagte ein Vertreter der Separatisten am Samstag der russischen Nachrichtenagentur Tass. "Damit k√∂nnen wir vermelden, dass Lyssytschansk vollst√§ndig eingekreist ist." Die ukrainische Armee wies eine vollst√§ndige Umzingelung von Lyssytschansk zur√ľck. Es gebe zwar heftige K√§mpfe um die in der Region Luhansk gelegene Stadt, sagte ein ukrainischer Armeesprecher am Samstag im Fernsehen. Lyssytschansk sei "aber nicht eingekesselt und weiter unter Kontrolle der ukrainischen Armee".

Mit scharfen Worten hat die Ukraine einen russischen Raketenangriff mit mindestens 21 Toten und 39 Verletzten auf ein Wohnhaus im s√ľdukrainischen Gebiet Odessa verurteilt. Pr√§sident Wolodimir Selenskij sprach von einem "absichtlichen, gezielten russischen Terror". In dem Haus seien weder Waffen noch milit√§rische Ausr√ľstung versteckt gewesen - "wie russische Propagandisten und Beamte immer √ľber solche Angriffe erz√§hlen", sagte er am Freitag in einer Videobotschaft.

Der Einschlag der drei Raketen sei kein Versehen gewesen. Der Samstag ist f√ľr die Ukraine der 129. Kriegstag. Der ukrainische Au√üenminister Dmytro Kuleba warf Russland einen Krieg gegen Zivilisten vor. "Ich fordere unsere Partner dringend auf, der Ukraine so schnell wie m√∂glich moderne Raketenabwehrsysteme zur Verf√ľgung zu stellen. Helft uns, Leben zu retten und diesem Krieg ein Ende zu setzen", teilte Kuleba per Twitter mit.

USA sagen weitere Militärhilfen zu

Die US-Regierung sagte der Ukraine weitere Milit√§rhilfen zur Verteidigung im russischen Angriffskrieg zu. Mit einem Paket in H√∂he von 820 Millionen US-Dollar (etwa 787 Millionen Euro) sollen dem Land unter anderem weitere Munition f√ľr das Raketenwerfersystem vom Typ Himars, zwei Boden-Luft-Raketenabwehrsysteme mit der Bezeichnung Nasams, Artilleriemunition und Radare zur Artillerieabwehr bereitgestellt werden, wie das Pentagon mitteilte. Ein gro√üer Teil der neuen Hilfen kommt nicht aus Best√§nden der USA, sondern aus einer Vereinbarung mit der Industrie. Die USA haben der Ukraine seit Kriegsbeginn Ende Februar damit nach eigenen Angaben Waffen und Ausr√ľstung im Wert von fast sieben Milliarden US-Dollar (6,73 Milliarden Euro) zugesagt oder bereits geliefert.

Phosphorbomben auf Schlangeninsel?

Die Ukraine wirft Russland zudem den Abwurf von Phosphorbomben auf die Schlangeninsel im Schwarzen Meer vor. Mit Kampfflugzeugen des Typs Su-30 seien von der von Russland 2014 annektierten Halbinsel Krim zwei Angriffe mit Phosphorbomben geflogen worden, teilte der Oberkommandierende der ukrainischen Armee, Walerij Saluschnyj, mit. Dazu pr√§sentierte der 48-J√§hrige ein Video, das die Bombardierung belegen soll. Tags zuvor war das russische Milit√§r von der Insel abgezogen. Moskau hatte das als "Geste des guten Willens" dargestellt. Kiew betrachtet den Abzug von dem am zweiten Kriegstag durch die Russen eroberten Eiland als Sieg infolge h√§ufiger Angriffe.

Auch die US-Regierung sieht die R√ľckeroberung der Schlangeninsel als Erfolg f√ľr das ukrainische Milit√§r an. Die Behauptung Russlands, der Abzug sei eine Geste des guten Willens gewesen, sei unglaubw√ľrdig, sagte ein ranghoher Vertreter des US-Verteidigungsministeriums am Freitag. "Die Ukrainer haben es den Russen sehr schwer gemacht, ihre Operationen dort aufrechtzuerhalten", erkl√§rte er dem Pentagon zufolge. Das sei der Grund, warum die Russen die Insel verlassen h√§tten.

Erfahren Sie mehr √ľber die aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg in unserem Live-Ticker:

Beschuss im S√ľden und Osten

In der Ost- und in der S√ľdukraine sind Stellungen der ukrainischen Armee entlang der ganzen Frontlinie von russischen Truppen mit Artillerie beschossen worden. Dutzende Orte in den Gebieten Charkiw, Donezk, Luhansk, Saporischschja, Mykolajiw und Cherson wurden am Freitag in dem bei Facebook ver√∂ffentlichten Bericht des ukrainischen Generalstabs aufgez√§hlt. Vereinzelt seien auch Angriffe von Flugzeugen und Hubschraubern geflogen worden, hie√ü es. Ukrainische Einheiten h√§tten einen russischen Angriff bei einem Gelatine-Werk bei der Industriestadt Lyssytschansk im Gebiet Luhansk abgewehrt. Die Berichte k√∂nnen nicht unabh√§ngig gepr√ľft werden.

Norwegen sichert Unterst√ľtzung zu

Der norwegische Regierungschef Jonas Gahr St√łre versprach Selenskij bei einem Treffen in Kiew weitere Unterst√ľtzung in H√∂he von einer Milliarde Euro verteilt auf 2022 und 2023. Die Gelder sollten in humanit√§re Hilfe, Wiederaufbau aber auch Waffen flie√üen. Damit solle der "Kampf der Ukrainer f√ľr Freiheit" unterst√ľtzt werden, sagte der Norweger. St√łre war direkt vom NATO-Gipfel in Madrid in die Ukraine gereist.

Kiew gewinnt "Suppenkrieg" gegen Moskau

Die UN-Kulturorganisation Unesco hat die ukrainische Kochkultur der Rote-Beete-Suppe Borschtsch auf ihre Liste des zu sch√ľtzenden Kulturerbes gesetzt. Grund sei eine Bedrohung durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Kiew zeigte sich hocherfreut. "Der Sieg im Krieg um den Borschtsch ist unser!", schrieb Kulturminister Olexander Tkatschenko im Nachrichtendienst Telegram. Die Suppe sei nun "offiziell ukrainisch". Die russische Au√üenamtssprecherin Maria Sacharowa reagierte gereizt. "Was kommt als N√§chstes? Anerkennung von Schweinefleisch als "ukrainisches Nationalprodukt"?" Andere russische Vertreter kommentierten, dass die Ukraine durch die Entscheidung kein ausschlie√üliches Recht auf die Suppe bekommen habe. Borschtsch-Varianten werden in vielen L√§ndern Osteuropas zubereitet.

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