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Politik Ausland
06/25/2021

"Keine Zeit für Angst" rund um Sloweniens Unabhängigkeit

1991 startete das Land unter der Führung von Premierminister Lojze Peterle mit einem Zehn-Tage-Krieg in die Unabhängigkeit. Im KURIER erinnert sich der Politiker an die "dichteste Zeit" seines Lebens.

von Karoline Krause-Sandner

Es war der 26. Juni 1991, ein Mittwoch. Slowenien hatte am Tag zuvor seine Unabhängigkeit erklärt, in Ljubljana fanden ausgelassene Feierlichkeiten statt, an denen auch Vertreter aus Österreich teilnahmen. "Unsere Herzen waren voll", erinnert sich der damalige Ministerpräsident Sloweniens, Lojze Peterle (72), bei einem Besuch in der Politischen Akademie der ÖVP in Wien, genau 30 Jahre später. Über den Feiern flogen jugoslawische MiGs, der Sicherheitsbeauftragte informierte den Premier, dass sich die Panzer näherten. "Wir waren so glücklich", sagt Peterle.

Hatten Sie auch Angst in dem Moment?

 Da war keine Zeit für Angst. Unser Geheimnis des Erfolges war: Zu wissen, was passieren konnte und dafür bereit zu sein. Die jugoslawische Armee war die viertstärkste Europas. Aber wir hatten das Herz auf unserer Seite. Und auch wir hatten Waffen. Denn der Krieg begann für mich nicht am 26. Juni, sondern 13 Monate davor. Als meine Regierung gewählt wurde, sahen die Glückwünsche aus Belgrad so aus: Man entwaffnete die slowenische Territorialverteidigung. Eine klare Message, die wir verstanden haben. Deshalb haben wir gleich mit der Vorbereitung für alle Eventualitäten begonnen.

Gab es einen Moment, da Sie dachten, man hätte es lieber bleiben lassen sollen?

Jugoslawien war tot, bevor Tito gestorben ist. Er hatte vom "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" gesprochen. Das war aber einfach nur ein Slogan. Jugoslawien wurde nicht erst von den Demokraten beendet, sondern von den Kommunisten. Sie konnten sich nicht einigen, wie es weitergehen sollte. Wir hingegen hatten die Verfassung auf unserer Seite. Selbstbestimmung und sogar Abspaltung waren erlaubt. Ich habe Belgrad mehrmals besucht, insbesondere Premier Ante Marković, aber er hat die Idee einer friedlichen Auflösung Jugoslawiens nicht akzeptiert und hat stattdessen den Befehl, Slowenien anzugreifen, unterschrieben.

Unabhängigkeit
25. Juni 1991: Die jugoslawische Teilrepublik Slowenien erklärt (wie Kroatien) die Unabhängigkeit. Österreichs Außenminister Mock will  sie schon damals anerkennen, scheitert am Koalitionspartner SPÖ. Mock
und Deutschlands  Außenminister Genscher preschen mit einer Anerkennung dann im Dezember vor der zögerlichen EG vor  .

10 Tage Krieg
Die jugoslawische Volksarmee rückt am 26. Juni gegen das "abtrünnige" Slowenien vor. Widerstand in Bevölkerung und  Sabotage der Armee waren groß. Nach zehn Tagen Ende  der  Kampfhandlungen (im Zuge derer österreichisches Gebiet von jugoslawischen MiGs überflogen wurde)  –  der grausame Jugoslawien-Krieg blieb Slowenien erspart.

Sie sagen, das Ende Jugoslawiens war da längst besiegelt. Doch heute gibt es vielerorts eine Art "Jugonostalgie", fast schon eine popkulturelle Bewegung, die sich die Tito-Zeit zurückwünscht.

Für mich ist das eher ein kulturelles als ein politisches Phänomen. Es handelt sich dabei um eine neue Generation, die nicht weiß, wie es ist, im Kommunismus zu leben. Es ist eher eine Show, sie tragen T-Shirts mit dem Tito-Porträt drauf. Dass das kein "menschlicher" Sozialismus war, haben wir spätestens gemerkt, als wir selbst mit der Geheimpolizei in Kontakt kamen. Wie viele Intellektuelle gezahlt wurden, um die Gegenseite zu bespitzeln! Das System war einfach falsch.

Wann war der Punkt, an dem Sie wussten, es ist Zeit, sich loszusagen?

Wir haben die Wahlen 1990 mit dem Programm gewonnen, einen souveränen Staat zu schaffen. Wir wollten ein neu strukturiertes Jugoslawien mit einer lockeren Konföderation, gemeinsamer Außenpolitik. Aber Slobodan Milošević wollte das nicht. Unsere Volksabstimmung im Dezember 1990 ging mit überwältigender Mehrheit für die Souveränität aus. Es hat mich schon überrascht, wie viele Menschen für die Unabhängigkeit waren. Auch viele ehemalige Kommunisten. Sie wussten wohl, dass es für Jugoslawien keine Zukunft gibt.

Haben Sie geahnt, wie es mit den anderen Teilen Jugoslawiens weitergehen würde?

Wir wussten, dass Kroatien auf demselben Weg war, wir bereiteten uns teilweise gemeinsam vor. Wir hofften immer auf eine friedliche Lösung. Aber wir waren für jedes Szenario gerüstet. Wir kümmerten uns um Gesetze, um die Armee, kauften Güter wie Zucker und Mehl für ein halbes Jahr im Voraus. Jeder Minister hatte seine Aufgabe. Es war wichtig, sich im Vorhinein um diese Dinge zu kümmern, denn wenn etwa Güter nach ein paar Tagen ausgegangen wären, hätten wir die Menschen vielleicht nicht mehr hinter uns gehabt.

Sie erinnern sich an viele Details, kommt es Ihnen wirklich vor, als ob das alles schon 30 Jahre her ist?

Es war bestimmt die dichteste Zeit meines Lebens. Ich kann mich emotional sofort dorthin zurückversetzen. Für meine Familie war es auch viel. Meine Frau hatte Möglichkeiten, in die Schweiz, nach Österreich, Deutschland oder Italien zu gehen, wegen des Krieges. Doch sie blieb, trotz des Krieges.

Würden Sie die Folgejahre als Erfolg bezeichnen?

Definitiv. Slowenien steuerte etwas mehr als ein Jahrzehnt später auf die EU zu, wenig später in den Euro- und den Schengenraum. Aber meine Mutter sagte immer, man soll nicht so sehr über Erfolg sprechen.

Allerdings, seit Slowenien eine Demokratie ist, waren die "neuen politischen Kräfte" nur 20 Prozent der Zeit an der Macht. Die anderen Parteien, mit ihrer kommunistischen Vergangenheit, kommen in neuem Gewand oder mit neuen Namen, doch sie haben von den Privilegien und Monopolen der "alten Zeit" gelebt. Sie kontrollieren große Teile des wirtschaftlichen und sozialen Lebens.

Über die aktuelle Regierung unter Janez Janša machen Sie sich keine Sorgen?

Wenn eine neue politische Kraft strukturelle Veränderung herbeiführen will, dann wird sie kritisch beäugt. Diese Polarisierung ist immer da.

Kritiker sagen, dass jene demokratischen Werte, für die Sie, aber auch Janez Janša einst gekämpft haben, jetzt abgebaut werden. Etwa die Medienfreiheit. Sehen Sie das nicht so?

Nein, das sehe ich nicht so. In Slowenien sind alle Zeitungen mit den "alten Strukturen" verbunden. So etwas wie die Frankfurter Allgemeine gibt es bei uns nicht. Wenn Sie sich hingegen das slowenische Fernsehen ansehen, können Sie eine sehr kritische Haltung der Medien gegenüber der Regierung erkennen. In totalitären Regimen wird in den Medien der Premierminister nur gelobt.

Die Kritik ist unter anderem, dass Slowenien auf dem Weg ist, eine Medienlandschaft wie Serbien oder Ungarn zu erhalten. Wo es tatsächlich so ist, dass fast ausschließlich die Meinung des Premiers wiedergegeben wird.

Janšas Feinde wollen ihn als "totalitären" Mann darstellen. Aber er hat sehr viel zum Ende des Kommunismus beigetragen. Er führt eine Koalition mit vier Parteien. Wie kann man mit vier Parteien totalitär sein? Diese Schwarz-weiß-Herangehensweise unterstütze ich nicht. Ich würde sagen: Das Konzept des "Feindbildes" ist zurück.

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