© EPA/TURKISH DEFENCE MINISTER / HANDOUT

Analyse
09/08/2020

Kampf ums Mittelmeer: Warum Erdoğan in die Offensive geht

Brisant: Türkei startete Manöver vor Zypern, Frankreich schickte Kriegsschiffe. Gasstreit wird zum politischen Powerplay.

von Walter Friedl

Kampfflugzeuge, Kriegsschiffe, Kampfdrohnen, U-Boote, Hubschrauber sowie Soldaten aus der Türkei und dem türkischen Teil Zyperns – es ist eine beeindruckende Machtdemonstration, die Tayyip Erdoğan seit Montag inszeniert. „Mittelmeersturm“ nennt sich das viertägige Großmanöver, mit dem der türkische Präsident die Ansprüche seines Landes auf Gasvorkommen unter dem Meeresboden untermauern will. Es handelt sich aber auch um ein geopolitisches Powerplay.

Was ist der Ausgangspunkt des Konfliktes?

Erdoğan beansprucht Gebiete vor Zypern und damit verbundene Gasfelder für sich. Begründet wird das mit dem türkischen Festlandsockel, der bis dorthin reiche. Neu dazu gekommen sind nun auch Zonen südlich der griechischen Insel Kreta – nach einem türkisch-libyschen Deal (siehe nächste Frage). Für Athen ist das ein No-Go.

Welche Rolle spielt Libyen?

Eine sehr große. Die Türkei hat sich auf die Seite der international anerkannten Regierung geschlagen – die der islamistischen Muslimbruderschaft sehr nahesteht – und diese mit Kriegsmaterial sowie Söldnern vor deren Untergang bewahrt. Denn die Rebellen-Milizen von General Haftar standen bereits vor den Toren Tripolis’. Als Dank erhielt Ankara die Explorationsrechte für Offshore-Gas und -Öl, und so nebenbei kontrolliert die Türkei nun auch eine zweite wichtige Fluchtroute nach Europa. Zugleich unterstreicht Erdoğan mit seinem militärischen Libyen-, aber auch Syrien-Engagement seine angestrebte Rolle als dominanter regionaler Player.

Das kommt speziell bei Ägypten gar nicht gut an. Präsident al-Sisi, der die Muslimbruderschaft im Land am Nil von der Macht entfernt hatte, drohte sogar mit einer Militärintervention in Libyen – um den Einfluss Erdoğans dort zu limitieren.

Welche anderen Player gibt es?

Einige, neben Griechenland, Zypern und Ägypten vor allem Frankreich, das sich – wie die Vereinigten Arabischen Emirate – auf die Seite Athens und Nikosias geschlagen und Kriegsschiffe ins Ostmittelmeer entsandt hat. „Frankreichs Präsident Macron will in der Levante selbst die Ordnungskraft sein – und verfolgt beinhart wirtschaftliche Interessen“, sagt Politologe Cengiz Günay zum KURIER. Konkret: Neben den Petro-Konzernen Eni (Italien) und Exxon Mobil (USA) hat Total (Frankreich) einen Vertrag mit Zypern zur Erforschung und Förderungen der Offshore-Schätze.

Auch Israel, das im Dauerstreit mit der Türkei liegt, hat bei diesem „Großen Spiel“ eine zentrale Rolle, im Jänner unterzeichnete es ein Abkommen mit Griechenland über den Bau einer 1.900 Kilometer langen Pipeline, die Gas aus dem östlichen Mittelmeer nach Europa bringen soll. „Beide Blöcke setzen auf Eskalation statt auf Diplomatie und wollen geopolitische Pflöcke einschlagen“, so Günay vom Österreichischen Institut für Internationale Politik. Das mache den Konflikt so brisant.

Wie groß ist die Gefahr eines Krieges?

„Ich hoffe, dass nichts aus dem Ruder läuft. Aber eine Politik, die aufs Ganze geht, kann auch ganz schief gehen“, sagt der Wiener mit türkischen Wurzeln, der freilich meint, dass selbst in einem Worst-Case-Szenario letztlich die Notbremse gezogen würde.

Was kann die EU tun?

Wenig, zumal sie auch in dieser Frage gespalten ist. Wobei die Mehrheit hinter Griechenland steht – und der Türkei sogar mit Sanktionen gedroht hat, die man auf dem EU-Sondergipfel am 24. September diskutieren könnte. Davor dürften dann einige aber doch zurückschrecken, weil Erdoğan jederzeit die Flüchtkingskarte spielen und Tausende Richtung Europa in Marsch setzen könnte – wie im März dieses Jahres. „Das sitzt noch vielen tief in den Knochen“, betont Günay.

Welche Rolle spielt die türkische Innenpolitik?

Laut dem Experten eine große: „Die Wirtschaft schwächelt sehr, in der Corona-Pandemie steigen weiter die Zahlen, die Grundstimmung ist schlecht. Davon kann man natürlich gut ablenken, wenn man die Massen mit nationalistischen Themen auf Trab hält. Motto: Alle sind gegen uns. Scharfe Worte aus Europa, wie zuletzt von Kanzler Kurz, sind da zusätzlich Wasser auf diesen Mühlen.“

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