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Politik Ausland
01/27/2022

Jüdischer Weltkongress: Jeder fünfte Deutsche denkt antisemitisch

Unter den 18- bis 29-Jährigen ist es sogar fast jeder Dritte. Die Corona-Pandemie wirke wie ein Brandbeschleuniger und habe Antisemitismus gesellschaftsfähiger gemacht.

Die Umfrage des Jüdischen Weltkongresses (WJC) liefert ein alarmierendes Bild und das am heutigen Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.

Der Umfrage zufolge denkt jeder fünfte erwachsene Deutsche antisemitisch. Unter den 18- bis 29-Jährigen ist es sogar fast jeder Dritte. "Die Ergebnisse sind alarmierend. Sie zeigen das Ausmaß des Hasses und der Ressentiments gegenüber Juden, insbesondere unter jungen Deutschen. Es ist verstörend zu sehen, wie weit Verschwörungsglaube und antijüdische Vorurteile verbreitet sind", beurteilt WJC-Präsident Ronald S. Lauder die Ergebnisse. "Gleichzeitig schwindet das Wissen über den Holocaust."

Corona als Brandbeschleuniger

Die Pandemie wirke, so Lauder, wie ein Brandbeschleuniger: "Menschen vergleichen den Holocaust verharmlosend mit Impfungen. Unter dem Deckmantel vermeintlicher Kritik an Corona-Maßnahmen ist Antisemitismus noch gesellschaftsfähiger und damit gefährlicher geworden."

Viele Mythen um Corona bauen demnach auf antisemitischen Vorurteilen auf: Je rund ein Fünftel aller Befragten denkt, dass Juden eine bessere Impfung bekommen und wirtschaftlich von der Pandemie profitiert hätten. Unter den 18- bis 29-Jährigen ist es auch hier jeder Dritte. Junge Menschen, die auch sonst antisemitische Einstellungen äußern, sind nach der Umfrage für Corona-Verschwörungstheorien besonders anfällig: Rund drei Viertel der antisemitisch denkenden 18- bis 29-Jährigen glauben, dass Corona in einem Labor hergestellt und die Pandemie von einer Gruppe globaler Eliten geplant worden sei.

30 Prozent der Befragten finden, dass Juden den Holocaust nutzen, um ihre "eigene Agenda" voranzutreiben. 40 Prozent meinen, Juden sprächen zu viel über den Holocaust. Die Hälfte der Bevölkerung denkt demnach, Deutschland habe sich genug für die Wiedergutmachung des Holocausts engagiert.

Gleichzeitig fehle es einer wachsenden Mehrheit an Grundwissen über den Holocaust: 60 Prozent können demnach nicht korrekt sagen, dass sechs Millionen Juden ermordet wurden, so der Jüdische Weltkongress. 2019 waren es 54 Prozent. Unter den 18- bis 29-Jährigen fehle dieses Basiswissen inzwischen bei 71 Prozent.

Die von Schoen Cooperman Research vorgenommenen Onlineinterviews mit einer repräsentativen Stichprobe von 5.006 Erwachsenen in Deutschland fanden zwischen dem 12. und dem 30. November 2021 statt. Darunter repräsentierte eine Teilstichprobe von 851 Befragten die Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen.

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