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Politik Ausland
02/29/2020

Judenvertreibung: Eine späte Versöhnung mit Österreich

Der Vater starb in Hass, der Sohn nahm die österreichische Staatsbürgerschaft an.

von Walter Friedl

Da sitzt er nun in einem Wiener Hotel. In einem Land, zu dem sein jüdischer Vater Eric nie mehr wieder einen versöhnlichen Zugang gefunden, im Gegenteil, das er bis zu seinem letzten Atemzug gehasst hat. Mit diesem Hass wuchs David Harris auf. Doch am Ende fand der heute 70-Jährige das, was seinem Vater verwehrt blieb – Frieden mit Österreich. Der Amerikaner hat sogar die rot-weiß-rote Staatsbürgerschaft angenommen, die Eric Harris verweigert worden war. Für den Direktor des American Jewish Committee (AJC) schließt sich so nach vielen Jahrzehnten der Kreis der Familiengeschichte, deren Anfangspunkt in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts liegt.

„Damals kam mein Vater von Budapest nach Wien. Nach der Schule inskribierte er bereits mit 16 im Jahr 1936 auf der Uni Physik. Nach dem Anschluss war es damit vorbei. Statt studieren stand – wie für viele andere Juden – Schuhe putzen für die Soldaten am Programm. Das empfand mein Vater als ersten Betrug Österreichs an ihm“, erzählt David Harris im KURIER-Gespräch. Auch die Flucht 1939 nach Frankreich brachte nicht die erhoffte Freiheit: Harris’ Vater wurde vom nazi-treuen Vichy-Regime verhaftet und landete für drei Jahre in einem Lager in Algerien. „Das war für meinen Vater der zweite Betrug, den er Europa anlastete.“

Erst der zweite Fluchtversuch gelang dem jungen Mann. Mithilfe von Berbern schlug er sich zu einem Stützpunkt des damaligen amerikanischen Geheimdienstes OSS durch und war nach Kriegsende mit dabei, als die CIA gegründet wurde. „Die USA wurden für ihn dann nicht nur neue Heimat, sondern auch Hoffnungsland. Die Idee des freien Amerika gegen Europa als Friedhof der Juden. Und Österreich als Herz dieses Friedhofes“, erzählt der Sohn.

Kein „Blutgeld“

Von der Ferne beobachtete sein Vater die beginnende Aufarbeitung der NS-Gräuel unter dem deutschen Kanzler Konrad Adenauer – und dass in Österreich gar nichts geschah. „Das war für ihn der dritte Betrug Österreichs beziehungsweise Europas an ihm. Den vierten fügte ich ihm selber zu“, merkt David Harris an.

Und das kam so: Eric beobachtet aus Amerika, wie unter dem damaligen Kanzler Franz Vranitzky langsam die Aufarbeitung der österreichischen Nazi-Geschichte startete – samt Wiedergutmachungsfonds. „Ich drängte meinen Vater dazu, ein Restitutionsansuchen zu stellen. Das wies er anfänglich scharf zurück. Er wollte das ,Blutgeld’ nicht. Schließlich willigte er doch ein und – sein Antrag wurde abgewiesen. Diesmal gab er mir die Schuld“, sagt der Sohn. Ein späterer Brief vom Österreichischen Nationalfonds für Nazi-Opfer, in dem dieser Fehler korrigiert werden sollte, kam zu spät. „Mein Vater war da schon tot, er starb 1998 in dem Hass, der ihn sein ganzes Leben lang begleitet hat. Eine große Chance wurde vertan.“

Es sollten 20 Jahren vergehen, ehe sich eine neue auftat. „Kanzler Kurz hielt damals vor dem AJC eine Rede in Jerusalem, die mich stark beeindruckt hat. Er sagte damals, dass es die Staatsräson gebiete, dass Österreich zu seiner historischen Verantwortung stehe und die Beziehungen zu Israel fundamental wichtig seien. Als mir Kurz die österreichische Staatsbürgerschaft anbot, nahm ich das gerne an. Ich musste den Kreis schließen, der mit meinem Vater vor so vielen Jahrzehnten begann.“

„Isoliert die Antisemiten“

Was Harris an dem jungen Kanzler besonders hervorstreicht, ist „seine ganz klare Ablehnung jeglicher Form des Antisemitismus“. Dieser sei sowohl in den USA als auch in Europa im Steigen begriffen, wobei der 70-Jährige vor allem drei Gründe dafür ins Treffen führt: „Die Agitation der extremen Rechten, der extremen Linken und von Vertretern des politischen Islam – und das angefeuert durch die sozialen Medien.“

Verschlimmert werde die Lage durch ins Wanken geratene liberale Demokratien, was zum Erstarken radikaler Parteien führe. Und durch ein Schwinden des Wissens über den Holocaust, was Harris für brandgefährlich hält: „Wenn die Erinnerung verblasst, was ist dann unserer Versicherungspolizze, dass so etwas nicht wieder passiert?“ Bei der Eindämmung des Antisemitismus gebe es keine schnellen Lösungen und „keine Impfung“. Harris spricht von einer „kollektiven Herausforderung“. Das sei wie bei einem Krebs: „Wird dieser nicht bekämpft, verbreitet er sich und tötet schließlich. Daher mein Appell: Isoliert die Antisemiten.“