Brutale Angriffe schockieren Frankreich, viele Juden fühlen sich nicht mehr sicher. Aber auch wirtschaftliche Gründe führen zu Emigration.

© Reuters/CHARLES PLATIAU

Frankreich
01/03/2015

Juden in Europa haben Angst

Übergriffe mehren sich, ebenso die Auswanderungen nach Israel. Allein 2014 gingen Tausende.

von Danny Leder

Manchmal ist es schon wichtig, über Vorfälle schlicht zu reden", sagt der jüdische Jugendbetreuer Bernard Zanzouri: "Kürzlich fragte ich ein Dutzend Kinder, wer schon mal, weil Jude, Stress hatte. Alle haben aufgezeigt und erzählt. Das war erleichternd."

An diesem Abend diskutiert Zanzouri mit Eltern und Lehrern in einer Synagoge in Creteil. Dieser Vorort im südlichen Pariser Einzugsgebiet, der eine der größten jüdischen Gemeinden Frankreichs beherbergt, geriet Anfang Dezember in die Schlagzeilen. Drei vermummte Männer waren mit Schusswaffen im Anschlag in eine Wohnung eingedrungen und hatten den 21-jährigen Jonathan, einen vormaligen Berufsgendarmen, und seine 19-jährige Freundin Marie gefesselt und misshandelt, damit sie verraten, wo Geld versteckt sei. "Ich habe ihnen gesagt, wir haben unser Geld auf der Bank, aber sie antworteten: Juden bringen ihr Geld nicht auf die Bank", erzählte später Jonathan. Marie wurde sexuell genötigt. Bevor sie die Wohnung verließen, zerstörten die Täter alle jüdischen Kultgegenstände.

Wenige Stunden später wurden zwei der drei Täter, junge Männer aus der Nachbarschaft, festgenommen. Die Polizei konnte sie so schnell ausfindig machen, weil einer ihrer Freunde am selben Tag einvernommen worden war. Und zwar weil er sich bereits an einem Gewaltakt gegen einen 70-jährigen Juden beteiligt hatte.

Einfalt und Gewalt

Diese Mischung aus Einfalt und Gewalttätigkeit ist bei den allermeisten Übergriffen gegen Juden am Werk. Wobei es sich bei den Tätern, wie in Creteil, fast ausschließlich um muslimische Jugendliche handelt, die sich an der Schnittstelle zwischen Kriminalität und radikalem Islam bewegen. Was als "Antisemitismus in Frankreich" registriert wird, kommt nicht aus dem rechten Eck oder der Anhängerschaft der Nationalistin Marine Le Pen, die sich für den Schutz der Juden gegen die Islamisten stark macht.

Nach dem Überfall von Creteil erklärte Präsident Hollande den "Kampf gegen den Antisemitismus" zur "nationalen Angelegenheit". Christliche und muslimische Würdenträger beteiligten sich an der Kundgebung der jüdischen Gemeinde in Creteil. Aber die jungen Täter bewegen sich in einer brachialen Subkultur, die jeglicher Kontrolle entgleitet. So kann der Alltag für Juden in Migrantenvierteln zum Spießrutenlauf werden: Mal werden Passanten, die als jüdische Gläubige erkenntlich sind, bedroht, mal wird ein Rabbiner vor seiner Synagoge abgepasst und bespuckt, mal prasseln schwere Gegenstände auf den Hof eines jüdischen Kindergartens, der sich am Fuß von mehrstöckigen Wohnanlagen befindet – die Kinder können nicht mehr im Freien spielen.

Nachbarn als Attentäter

Spätestens seit der franko-algerische El-Kaida-Anhänger Mohammed Merah 2012 in einer jüdischen Schule in Toulouse drei Kinder und einen Lehrer erschoss, ist den Juden klar geworden, dass ihre Gelegenheitspeiniger aus der Nachbarschaft zu Attentätern mutieren können. "Drei Opfer von Toulouse kannte ich. Es kann jeden von uns treffen", sagt Zanzouri, und beschreibt die Klima-Veränderung in den jüdischen Gemeinden: "Früher galten Israel-Auswanderer als Spinner. Jetzt schicken Eltern mitten im Schuljahr ihre Kinder nach Israel, weil sie sie dort in Sicherheit wähnen."

7000 Juden sollen 2014 nach Israel übersiedelt sein – doppelt so viel als in den Jahren zuvor. Allerdings dürfte die Dunkelziffer der Rückkehrer bei etwa einem Drittel liegen. Etliche Juden gehen auch in die USA oder nach Kanada, so wie viele weitere Franzosen, die vor der Wirtschaftsflaute fliehen. Außerdem muss die Gesamtzahl der französischen Juden, rund eine halbe Million, berücksichtigt werden. Frankreich zählt Europas größte jüdische, aber auch muslimische Bevölkerung (rund fünf Millionen). Die Mehrheit beider Gruppen stammt familiengeschichtlich aus Nordafrika.

Die ganze Bandbreite jüdischer Reaktionen wird beim Gespräch in Creteil deutlich. Eine Lehrerin einer jüdischen Schule klagt, sie bekomme die Unruhe der Kinder nicht mehr in den Griff. Zanzouri meint: " Wenn die Kinder bei uns Erwachsenen Unsicherheit spüren, dann wollen sie selber das Heft übernehmen." Die Erwachsenen müssten sich entscheiden – sinngemäß zwischen Frankreich und Israel.

Wie zur Bestätigung, erzählt eine Mutter von ihrer 15-jährigen Tochter, die sofort auswandern will und nicht mehr davon abzukriegen ist. "Sie ist bedroht worden und hat Angst." Zanzouri rät: "Ihre Tochter muss erst lernen, ihre Angst zu relativieren."

Muslime in Synagoge

Einem Familienvater ist diese Antwort zu vage: "Wir haben keine Zukunft in Europa." Die Leiterin einer jüdischen Privatschule wirbt dafür, Kinder aus öffentlichen Schulen abzuziehen, um sie vor Mobbing zu schützen. Aber die stellvertretende Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Creteil, Sandra Guez, widerspricht: "Mein Sohn war ursprünglich in einer jüdischen Schule, besucht aber jetzt auf eigenen Wunsch eine öffentliche Schule. Lehrer und Kameraden zeigen großes Interesse für unsere Traditionen. Wir haben die Klasse in die Synagoge eingeladen und alle sind gekommen, Muslime, Christen, Atheisten."

Zu einem Getto-ähnlichen Leben gezwungen

Raya Kalenova ist Vizepräsidentin des European Jewish Congress. Im Interview spricht sie über den steigenden Antisemitismus in Europa und Angriffe gegen Juden.

KURIER: Im Mai starben bei einem Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel vier Menschen, unlängst wurde ein jüdisches Paar bei Paris brutal überfallen (siehe Reportage). Tragische Einzelfälle oder Ausdruck eines beunruhigenden Trends?

Raya Kalenova: Wir können kaum von Einzelfällen sprechen, sie sind Teil eines größeren Trends: des stark steigenden Antisemitismus in Europa. In Frankreich, wo die größte jüdische Gemeinschaft Europas lebt, hat sich die Zahl der antisemitischen Übergriffe im letzten Jahr verdoppelt. Verdoppelt! 50 Prozent der rassistischen Übergriffe in Frankreich richten sich gegen Juden, obwohl sie weniger als ein Prozent der Bevölkerung stellen.

Was steckt Ihrer Meinung nach hinter dieser Entwicklung?

Die wirtschaftliche Situation ist ein großer Faktor. Die Geschichte wiederholt sich: Minderheiten müssen als erste für eine schlechte Wirtschaftslage zahlen, also spielt die Krise eine große Rolle.

Wie kann man darauf reagieren, außer mit verstärkten Sicherheitsmaßnahmen?

Wir müssen in ganz Europa die Wurzeln bekämpfen. Die Regierungen haben das in der Hand. Wir müssen in die Schulen gehen und aufklären. Wir müssen die Menschen erreichen: In ganz Europa sehen wir, dass wenn jüdische Gemeinschaften ihre Unsicherheit ausdrücken, ihnen ganz geringe Zahlen an Nicht-Juden zur Seite stehen. Die Politik, die Elite engagiert sich hier oftmals, aber wir würden gerne mehr Reaktion in der Bevölkerung sehen.

Als ich vor dem Anschlag das Jüdische Museum in Brüssel besuchte, war ich überrascht, dass es keine Sicherheitskontrolle gab. Mein Schluss war, dass es nicht notwendig sei.

Die Museumsleitung wollte einen Ort für Dialog schaffen, mit freiem Zugang für alle. Das Museum war die einzige jüdische Einrichtung in Brüssel ohne hohe Sicherheitsvorkehrungen. Für uns ist es traurige Gewissheit: Wir können nicht ohne höchste Sicherheitsmaßnahmen leben.

Wie wirkt sich das im Alltag aus?

Es ist unmöglich, eine jüdische Schule oder Synagoge ohne Sicherheitskontrolle zu betreten. Eltern können nicht zwischen öffentlicher, privater oder jüdischer Schule wählen – eine jüdische Schule ist der einzige Ort, wo sich jüdische Kinder sicher fühlen. Eine Hochzeit, ein Filmfestival – alles ist eine Frage der Sicherheit. Sie bekommen Anweisungen wie: ,Geh’ nicht beim Haupteingang raus‘, ,Steh’ nicht am Eingang‘, ,Nimm’ jenen Weg, nicht diesen‘ – so müssen Juden heute in Europa leben. Wir müssen das ändern, denn diese Art des Schutzes zwingt viele zu einem Getto-ähnlichen Leben. Und immer mehr Juden überlegen, Europa zu verlassen.

Die Krise mag ein großer Faktor sein, aber Studien zeigen einen langfristigen Anstieg von Antisemitismus in Europa.

Ja. Es begann vor etwa 15 Jahren. Es gibt viel Manipulation, die zu einer furchtbaren Aufhetzung gegen den jüdischen Staat führt. Oft vermischen die Menschen das: Sie fühlen Hass gegen den jüdischen Staat, der zu Hass gegen Juden wird. Der Überfall auf ein jüdisches Paar Anfang Dezember fand in einer bescheidenen Wohnung in einer bescheidenen Vorstadt von Paris statt – aber die Angreifer schrien, ,Ihr Juden seid reich, gebt uns euer Geld!‘.

Wie kann der Anstieg des Antisemitismus gestoppt werden?

Viel wird von den Regierungen und ihren Einstellungen abhängen. Es ist nicht nur eine Herausforderung für die jüdischen Gemeinschaften, sondern für alle Europäer. Auch, weil die Lehren aus der Geschichte nicht gezogen werden: Die Menschen wollen nicht zurückschauen, aber sie werden es tun müssen. Sonst werden nicht nur Juden den Preis dafür bezahlen müssen. Wir werden alle darum kämpfen müssen, unsere europäischen Werte zu bewahren.