Politik | Ausland
19.11.2016

Journalist beantragte in Wien politisches Asyl

Der Türke Ertugrul floh vor seiner Verhaftung. Ihm wurde seine Kritik an Erdoğan zum Verhängnis. Jetzt kämpft er in Wien für die Kollegen in seiner Heimat.

Irgendwann reichte es dem türkischen Journalisten Dogan Ertugrul. Die Nähe seiner Tageszeitung Star zu Präsident Tayyip Erdoğan, für die er zuletzt als Vize-Chefredakteur tätig war, konnte er nicht mehr mittragen – nach sieben Jahren bei dem Blatt quittierte er seinen Job 2014.

Als er dann nach einem Jahr bei der Zeitung Zaman, einst Kampforgan der AKP-Regierung, damals aber schon längst im Visier der Mächtigen in Ankara, anheuerte, wurde es für den heute 47-Jährigen aber so richtig brenzlig. Ihm wurde vorgeworfen, der Kurden-Guerilla PKK Listen von verdeckt arbeitenden Polizisten übergeben zu haben, was dieser kategorisch von sich weist. Seiner Verhaftung entzog sich der Journalist durch Flucht. Seit Juli dieses Jahres ist er in Österreich und hat um politisches Asyl angesucht, das Verfahren läuft.

"Auch mein Bruder ist im Gefängnis"

" Erdoğan hat heute eine hundertprozentige Kontrolle über die Medien in meiner Heimat", sagt Ertugrul. Zwar gebe es noch kritische Kollegen in der Türkei. Doch fehle es an Möglichkeiten, zu publizieren, oder sie hielten sich aus Furcht zurück mit öffentlicher Kritik – immerhin würden mehr als 140 Journalisten im Gefängnis sitzen. Das sei eine höhere Zahl als in China, dem Iran und Russland.

Dabei hatte der Erdoğan-Flüchtling dem Reformer zu Beginn viel abgewinnen können: "Er führte demokratische Standards ein und das Land Richtung EU. Das unterstützten viele im Land." Doch im Laufe der Jahre sei der nunmehrige Präsident immer autoritärer geworden, habe die Pressefreiheit sukzessive ausgeschaltet und nach dem gescheiterten Putsch vom 15. Juli auch die Menschenrechte. Massenverhaftungen waren die Folge, "auch mein älterer Bruder ist im Gefängnis – nur weil er ein regierungskritisches Facebook-Posting geliked hat", so Ertugrul.

"Stärkste Waffe gegen Erdoğan"

Hier in Österreich sei er zwar vor Verfolgung sicher, aber seine Berühmtheit als "Staatsfeind" hole ihn auch in Wien ein. "Als ich bei einem Türken eine Wohnung mieten wollte, machte der Vermieter einen Rückzieher, nachdem er über mich recherchiert hatte. Er bekam es mit der Angst zu tun, seine Geschäftskontakte mit Türken in Österreich könnten darunter leiden", sagt der Journalist, der diesen Beruf in seiner Heimat mehr als 20 Jahre lang ausgeübt hat.

Von seinen europäischen Kollegen erwartet er sich, dass diese Informationen über die wahre Situation in der Türkei verbreiten. Das sei die "stärkste Waffe gegen Erdoğan". Und die EU müsse sich aus der türkischen Umklammerung lösen, in die sie sich mit dem Flüchtlingspakt selbst begeben habe. Sonst bleibe sie "Spielball" von Erdoğan. Dazu sei eine eigenständige Sicherheits- und Grenzpolitik vonnöten.

"Free Journalists"

Hier in Österreich will Ertugrul nochmals durchstarten. Gemeinsam mit anderen hat er den Verein "Free Journalists" ins Leben gerufen, der eine Internetseite einrichten (www.kronos.news) will. "16 Leute, darunter türkische Journalisten im deutschen, schwedischen, belgischen und amerikanischen Exil, sind bis jetzt dabei. Wir wollen auf Deutsch und Türkisch die Unabhängigkeit der Berichterstattung fördern, verfolgte Kollegen unterstützen und ihnen zudem eine Plattform bieten, ihre Artikel zu veröffentlichen. Und über unser Nachrichtenportal auch den in Österreich und Deutschland lebenden Türken unabhängige News über die Türkei liefern", erzählt Ertugrul, der keine Möglichkeit sieht, in den kommenden Jahren wieder in seine Heimat zurückzukehren.