© REUTERS/Vatican Media

Politik Ausland
10/29/2021

Joe Bidens spirituelles Auftanken beim Papst

Zu Beginn seiner schwierigen Europareise trifft der tief gläubige katholische US-Präsident heute Franziskus im Vatikan.

von Dirk Hautkapp

Es kommt nicht von ungefähr, dass Joe Biden zum Auftakt seiner zweiten großen Europa-Reise, Segen und Beistand von oben einholt. Die Visite bei Papst Franziskus an diesem Freitag im Vatikan dürfte für den US-Präsidenten der angenehmste Teil des bis nächsten Dienstag dauernden Trips werden.

Daheim miesen Umfragewerten und politischen Blockaden auch aus den eigenen demokratischen Reihen ausgesetzt, ist spirituelles Auftanken bei jenem Mann angesagt, zu dem Biden einst meinte: "Ich liebe diesen Kerl." Nicht von ungefähr, bei Themen wie Klimawandel, Überwindung sozialer Ungleichheit, Abschaffung der Todesstrafe oder Einwanderung verspürt der Präsident eine Wesensverwandtschaft mit dem Papst. Vieles, was Biden propagiert, atmet den Geist katholischer Soziallehre.

Streitfall Abtreibung

Anders sieht es bei einer Sache aus, die wie ein Schatten über der Visite hängt und Sprengstoff auch für das Verhältnis zwischen Vatikan und der US-Kirche birgt: Der seit Baptistenprediger Jimmy Carter wohl gläubigste US-Präsident, der selten ohne Rosenkranz angetroffen wird und kaum eine Sonntagsmesse versäumt, gilt in der zerstrittenen US-Amtskirche einigen als so unkatholisch, dass man ihm die Kommunion verweigern möchte. So jedenfalls hat es der erzfundamentale Teil der Bischofskonferenz aufs Tapet gebracht.

Begründung: Biden befürworte "gewisse Politiken, die moralisches Übel fördern". Gemeint ist der Spagat, den der 78-Jährige beim gerade wieder frisch auf die Tagesordnung des Obersten Gerichts geratenen Dauerbrenner Schwangerschaftsabbruch hinlegt. Persönlich ist Biden gegen Abtreibung. Als Politiker und Präsident jedoch steht er fest hinter dem Selbstbestimmungsrecht der Frau. Und damit hinter dem landesweit Gültigkeit besitzenden Grundsatzurteil von 1973, das Abtreibung legal macht. Mit Spannung wird erwartet, wie der Papst und sein ihm freundschaftlich verbundener Staatsgast die heikle Angelegenheit heute intonieren.

Unter US-Spitzenpolitikern ist Joe Biden der unangefochtene Routinier im Vatikan – und erst der zweite katholische US-Präsident nach John F. Kennedy.

Biden war gerade einmal 37 Jahre alt, als ihn Papst Johannes Paul II. 1980 in Rom empfing. Karol Woityla wollte den jungen Senator aus Delaware, der gerade eloquent darüber nachgedacht hatte, was aus Polen werden könnte, bräche die Sowjetunion auseinander, persönlich kennenlernen und nahm sich gegen alle Gepflogenheiten fast eine Stunde Zeit.

2011 holte sich Biden beim deutschen Papst Benedikt XVI. etwas ab, was er eine "Lehrstunde in Theologie" nannte. Biden bewunderte den Intellekt des Bayern, warm wurde er anders als mit Jorge Mario Kardinal Bergoglio nicht. Biden, damals Vizepräsident, vertrat die USA 2013 bei der Inthronisierung des Argentiniers. Zwei Jahre später leistet das Kirchenoberhaupt Biden und dessen Familie außerordentlichen seelischen Beistand, nachdem Beau Biden, der älteste Sohn, den Folgen eines Gehirntumors erlegen war.

Der Papstbesuch ist nur einer von drei großen Programmpunkten auf Joe Bidens Europareise:

G-20-Gipfel
Am Samstag wird Biden in Rom auf die Vertreter der anderen 19 größten Wirtschaftsnationen der Welt treffen – und auf den wahrscheinlichen deutschen Kanzler in spe, Olaf Scholz

Glasgow
Am Sonntag geht es weiter zur UN-Klimakonferenz COP 26 in Glasgow. Hier steht der US-Präsident unter Druck, die Wirtschaft wieder anzukurbeln und Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen. 20.000 Delegierte aus aller Welt werden dort zwei Wochen lang über den Klimawandel debattieren –  Greta Thunberg will demonstrieren

Nicht Rom-hörig

Trotz seiner Nähe zum ersten Mann im Vatikan hat Biden nie den Fischerring des Papstes geküsst. Die Respektbezeugung, die als Ausdruck von Rom-Hörigkeit gilt, war Biden schon in Elternhauszeiten ausgeredet worden. Tenor seiner Mutter: Niemand ist besser als Du, Joey.

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