Viele Menschen verstehen die Maßnahmen nicht

© EPA/Andrea Fasani

Politik Ausland
11/06/2020

Italien: Großer Frust über zweiten Lockdown in der Lombardei

Die Einwohner halten sich zwar an die Vorschriften, doch Unmut und Unverständnis wachsen.

Aus Mailand von Andrea Affaticati

Ab heute gilt für die norditalienische Lombardei wie auch für die Regionen Piemont, das Aostatal und Kalabrien wieder die komplette Ausgangssperre. Alle Geschäfte, ausgenommen Lebensmittel, Apotheken und wenige andere, müssen wieder schließen. Die Kindergärten bleiben offen und Präsenz-Unterricht gibt es bis zur 6. Klasse.

Die Zahl der Neuinfizierten in der Lombardei lag am Mittwoch bei 7.758, alleine 3.613 davon in Mailand. Hinzu kamen 96 Todesfälle. Das lombardische Gesundheitssystem steht unter Druck. Die Hausärzte sind überfordert, die Gesundheitsämter auch, 40 Prozent der Betten in den Intensivstationen sind mittlerweile von 507 Patienten belegt.

Seit Tagen forderten Virologen und Krankenhausärzte, in der Lombardei alles herunterzufahren, denn die Schließung aller Gaststätten um 18 Uhr und die Ausgangssperre ab 22 Uhr seien nicht genug.

Ohrfeige

Dagegen wehrte sich der Lega-Politiker und Präsident der Region, Attilio Fontana, bis zuletzt. Den Lockdown bezeichnete er als „Ohrfeige“. Mit der Begründung, der vom Gesundheitsministerium angegebene Reproduktionsfaktor von 2,09 (so viele Menschen steckt ein Infizierter an) beziehe sich auf den Zeitraum vom 19. bis 25. Oktober, mittlerweile sei dieser aber auf 1,7 gesunken.

Die Präsidenten der „roten Regionen“ kritisierten, dass sie von der Regierung über den Lockdown-Beschluss nicht informiert worden seien. „In Kalabrien werden mit diesem Lockdown die Menschen verhungern“, protestierte der Interimspräsident der süditalienischen Region Kalabrien, Nino Spirli.

Tatsache ist, dass es, anders als im Frühjahr, mittlerweile in Mailand fast niemanden gibt, der nicht Verwandte, Freunde oder Nachbarn hat, die sich mit dem Virus angesteckt haben, ohne sagen zu können, wann und wo.

Anders als im Frühjahr spürt man auch den wachsenden Unmut, weil viele Menschen kein Geld mehr haben. Die Nerven liegen blank.

Alle tragen gewissenhaft Mundschutz, halten Abstand, manche sind fast schon neurotisch, und so kommt es immer wieder zu kleinen Auseinandersetzungen unter Leuten, die in der Schlange stehen und einander zu nahe kommen.

Emanuela, 40 Jahre alt, geschieden, zwei Kinder im Schulalter, ist Inhaberin eines Kosmetiksalons. „Ich habe alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen, die Kabinen werden nach jeder Kundin desinfiziert, ich trage Mundschutz und ein Visier. Warum muss ich schließen und die Friseure dürfen weiter arbeiten?“, fragt sie.

Davide, um die 30, hat mit seiner Lebensgefährtin Margherita erst vor ein paar Jahren eine kleine Konditorei übernommen. Er blättert in einem Stapel Zeitungen: „Da sind seitenweise Artikeln, aber nicht einer, der mir klar und deutlich sagt, ob wir, da wir keine Tische haben, zumindest ausliefern können. Das ist frustrierend.“

Und dann ist da noch Mario, der Chinese, der zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen ein Café führt: Seit Tagen fragt er die Gäste, „und schließen sie jetzt alles oder nicht? Das ist doch ein Chaos, man müsste so streng wie bei uns in China vorgehen.“

Aber was soll’s. Geschäftsleute und Unternehmer bereiten sich wieder auf eine lange Durststrecke vor. Aber wie lange sie dauern wird, weiß niemand. Eventuell bis 3. Dezember. An die Versprechungen der Regierung, dass alle eine rasche Entschädigung bekommen werden, glaubt niemand. Zwei Milliarden Euro werden vorgesehen.

Manuela vom Kosmetiksalon erzählt, sie habe bis jetzt einmal 1.200 Euro bekommen „und zwar im August für den ersten Lockdown“. „Ich habe das Gefühl, dass sich die Regierung auf unsere Ersparnisse verlässt, doch meine Ersparnisse sind jetzt weg“, sagt der Restaurantbesitzer Andrea. Es wird wieder still in der Stadt, und das ist für alle maßlos bedrückend.

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