Israel und USA greifen den Iran an: Was wir wissen – und was nicht
Sicherheitskräfte auf den Straßen Teherans.
Israel und die USA haben am frühen Morgen koordinierte Luft- und Raketenangriffe gegen Ziele im Iran gestartet. "Brüllen des Löwen" hat Israel diesen groß angelegten Einsatz genannt. Und auch die die USA haben einen vielsagenden Namen gewählt: "Operation gewaltiger Zorn" soll Iran, diesen "Nummer Eins Akteur staatlichen Terrors", wie ihn Donald Trump in seiner Rede unmittelbar nach dem Angriff nannte, endlich in die Schranken weisen.
Was ist genau passiert, wie sieht die Lage vor Ort aus - und ist diese "Operation gewaltiger Zorn" nun der Beginn des nächsten Krieges Nahen Osten oder handelt es sich dabei doch nur um einen begrenzten Einsatz? Ein Überblick über die wichtigsten Fragen - und der Versuch einiger Antworten.
Was wurde angegriffen?
Explosionen wurden am Samstagmorgen in der Millionenmetropole Teheran gemeldet, dazu aber auch noch aus Städten wie Ghom, Lorestan, Kermanschah, Karadsch und Tabris. Auch nahe der Kulturmetropole Isfahan gab es Explosionen - dort befindet sich ein zentrales Nuklearzentrum, das bereits im vergangenen Jahr Ziel von US-Bombardierungen war. Getroffen wurden Berichten zufolge Raketendepots, Luftverteidigungsanlagen und Ziele nahe Regierungsgebäuden.
Die Regierung und auch das Militär äußerten sich bisher nicht zu den Angriffen. Lediglich das Außenministerium und der Sicherheitsrat veröffentlichten Mitteilungen, in denen sie das Vorgehen der USA und Israels verurteilten und die Weltgemeinschaft zum Handeln aufforderten.
Was wir nicht wissen: Welche Schäden die Angriffe versursacht haben. Auch Angaben zu Todesopfern gibt es bislang keine. Jedenfalls keine gesicherten. Die Nachrichtenagentur Tasnim berichtete, dass bei einem Raketenangriff im Südiran mindestens 57 Schülerinnen einer Grundschule getötet worden seien. Diese Angabe lässt sich derzeit allerdings nicht unabhängig überprüfen.
Wie hat der Iran reagiert?
Die iranischen Streitkräfte attackierten nach eigenen Angaben als Reaktion Ziele in Israel sowie vier US-Militärstützpunkte in der Region. Darunter waren die Stützpunkte Al-Udeid in Katar, Al-Salem in Kuwait, der Luftwaffenstützpunkt Al-Dhafra in den Vereinigten Arabischen Emiraten und die US-Flotte in Bahrain, wie die Nachrichtenagentur Fars berichtete. Luftalarm gab es Berichten zufolge auch im Irak.
Was wir nicht wissen: Zu welchem Gegenschlag der Iran fähig wäre. Laut USA verfügt der Iran jedenfalls über das größte Arsenal an ballistischen Raketen im Nahen Osten. Die iranischen Raketen haben eine selbst auferlegte Reichweite von 2.000 Kilometern.
Welche Angriffsziele verfolgt Israel?
Israels Ministerpräsident Netanyahu begründet die Angriffe auf Iran mit dem Schutz vor einer existenziellen Bedrohung durch Teheran. Gemeint ist damit Irans Atom- und Raketenprogramm. Es dürfe "nicht zugelassen werden, dass sich das mörderische Terrorregime mit Atomwaffen ausrüstet, die es ihm ermöglichen würden, die gesamte Menschheit zu bedrohen", sagte Netanyahu weiter.
Die New York Times berichtete, Israel lege den Schwerpunkt seiner Angriffe auf Raketenlagerstätten, Produktionsanlagen und Abschussvorrichtungen.
Was wir nicht wissen: Ist Israel nach dem Krieg in Gaza auch bereit, Bodentruppen gen Iran zu schicken? Mit Luftschlägen allein lassen sich keine Kriege gewinnen. Und: Wer übernahm die Führung in dieser Operation? Ist es nun ein Angriff Israels mit US-Unterstützung oder doch eine US-Operation mit irsraelischer Hilfe.
Was ist das Ziel der USA?
US-Präsident Donald Trump will nach eigenen Angaben Amerikanerinnen und Amerikaner verteidigen, so jedenfalls sagte er es in einer auf Twitter veröffentlichten Ansprache. Wichtig war ihm dabei auch das iranische Atomwaffenprogramm. "Sie dürfen nie eine Atomwaffe besitzen", sagte Trump. Zudem ermutigte er die Iraner zu einem Machtwechsel. "Die Stunde eurer Freiheit ist gekommen".
Was war nicht wissen: Ob das auch ein realistischer Plan ist. Iran-Experten sehen die Aussichten auf einen Sturz der iranischen Führung kritisch. Als Gründe führen sie an, dass die iranische Opposition nicht geeint sei und keine Risse in der Elite oder den Revolutionsgarden erkennbar seien. Unklar ist, inwieweit sich die Protestbewegung der vergangenen Monate organisieren kann und ob sie stark genug ist, trotz nunmehriger Unterstützung von außen, das Regime zu stürzen.
Wie ist die derzeitige Lage im Iran?
Nur wenige Informationen dringen nach außen. Die Behörden verhängten eine Internetsperre. Die auf Netzsperren spezialisierte Organisation Netblocks berichtete, es sei ein "fast vollständiger Internetausfall". Ein Video der Nachrichtenagentur Mehr zeigte große Zerstörung mitten in der Hauptstadt Teheran. Auf der Aufnahme war ein völlig zerstörtes Gebäude zu sehen. Mehrere Rettungskräfte waren am Rande der Trümmer zu sehen.
Augenzeugen berichteten per SMS, dass sich in der Millionenmetropole lange Schlangen an Tankstellen gebildet hätten. Viele Menschen versuchten, die Hauptstadt zu verlassen. Viele Geschäfte waren geschlossen. Im Norden der lebendigen Metropole herrschte gespenstische Stille.
Berichte über den Verbleib von Irans oberstem Führer, Ajatollah Ali Chamenei, gab es zunächst nicht. Er hatte sich in den vergangenen Wochen angesichts der militärischen Spannungen selten in der Öffentlichkeit gezeigt. Der Staat dürfte dessen Sicherheit zur obersten Priorität gemacht haben. Wo er sich zuletzt aufhielt, ist nicht bekannt.
Warum haben sich die USA und Israel gerade jetzt zu einem Angriff entschlossen?
Zunächst einmal brachten die Verhandlungen in Genf bislang keinen Durchbruch. Wieder einmal ging es dabei um das Atomprogramm des Iran - die USA wollten zuletzt aber auch über das Raketenprogramm des Iran verhandeln.
Parallel dazu zogen die USA in den vergangenen Wochen aber auch massiv Marine- und Luftstreitkräfte im Persischen Golf zusammen. US-Präsident Trump hatte Teheran ein Ultimatum bis Anfang März gestellt.
Was wir nicht wissen: Inwieweit auch die Demonstrationen der vergangenen Wochen im Iran selbst eine Rolle gespielt haben. Turmp schickte in seiner Rede jedenfalls auch Durchhalteparolen an die Oppositionellen im Iran. "Wir werden euch befreien", sagte er.
Der israelische Iran-Experte Danny Citrinowicz schrieb auf X, die Arbeitshypothese, die der Operation zugrunde liege, laute: Das iranische "Regime" sei schwach und brüchig. Daher könne eine gezielte, schlagkräftige und breit angelegte israelisch-amerikanische Kampagne es erheblich untergraben und vielleicht sogar die Voraussetzungen für einen internen Wandel schaffen. Das zentrale Problem sei: Was passiert, wenn diese Annahme falsch ist?
Wie geht es weiter?
Der Iran warnte seit Wochen vor einem Angriff und drohte mit einer "vernichtenden Antwort". US-Regierungsmitarbeiter sprechen laut US-Fernsehsender CNN von einer Operation, die über Tage oder Wochen andauern könne. Es sei "kein kleiner Schlag".
Es besteht die Gefahr eines "umfassenden Regionalkriegs", vor dem Irans Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei bereits gewarnt hat.
Der Iran-Experte Ali Vaez der Denkfabrik Crisis Group schrieb auf X, Vergeltungsmaßnahmen des Irans würden wahrscheinlich nicht nur direkt, sondern asymmetrisch erfolgen und möglicherweise mehrere Fronten gleichzeitig entfachen. "Wenn die Hisbollah aus dem Libanon heraus voll einsteigt, wenn Milizen US-Stützpunkte im Irak und in Syrien angreifen oder wenn die Huthi im Roten Meer eskalieren, ist dies kein bilateraler Konflikt mehr, sondern ein regionaler Krieg, der sich über den gesamten Nahen Osten ausbreitet."
Vaez wies auch auf mögliche Folgen für die Weltwirtschaft hin. "Der Iran liegt an der Straße von Hormus, durch die etwa ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung fließt. Selbst eine begrenzte Störung könnte zu einem Anstieg der Energiepreise, einer Beschleunigung der Inflation und einer Verunsicherung der globalen Märkte führen."
Klar ist aber auch: Wie genau sich die Situation in den kommenden Tagen entwickelt, ist noch völlig offen.
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