Warum verschonen die USA und Israel das wichtigste Ölterminal des Iran?

Über ein kleines Eiland im Persischen Golf laufen 90 Prozent der Ölexporte der Mullahs – dennoch wurde es bislang im Krieg nicht angegriffen. Warum?
A satellite image shows an oil terminal, in Kharg Island

20 Quadratkilometer – das ist kein besonders großes Stück Land. Es entspricht etwa der Fläche des Frankfurter Flughafens, ist etwas kleiner als Bregenz und nur ein Drittel der Fläche Manhattans.

Für den Iran hängt an einer Fläche dieser Größe ein wesentlicher Teil seiner Wirtschaftsleistung. Denn so groß ist die Insel Kharg. Sie liegt im Norden des Persischen Golfs, rund 25 Kilometer vor der iranischen Küste – und ist der wichtigste Ölexporthafen der Islamischen Republik.

Bislang nicht angegriffen worden

Die Gründe dafür liegen in den natürlichen Gegebenheiten: Der Persische Golf ist nämlich nicht nur schmal, sondern auch flach - besonders nahe der felsigen iranischen Küste. Die gewaltigen Supertanker, die den Großteil des Rohöls transportieren, können sich ihr kaum nähern.

Um dieses Problem zu umgehen, leitet der Iran seit den 1960ern den Großteil seines Exportöls über Pipelines aus seinen großen Förderfelder auf Kharg. Das Ergebnis: Neun von zehn Barrel Öl, die der Iran ins Ausland verkauft, werden heute auf dem winzigen Eiland verladen, bevor sie durch die Straße von Hormus verschifft werden. 

Das macht Kharg für die Mullahs nicht nur wirtschaftlich unverzichtbar. Die Insel gehört auch zu den sensibelsten Kriegszielen. Bislang aber blieb sie (ebenso wie im Zwölf-Tage-Krieg im Juni) von israelischen und US-Militärschlägen komplett verschont - und das, obwohl der Betrieb auf dem Ölterminal weiterzugehen scheint. Vergangene Woche sollen dort laut Schiffs- und Satellitentracking mehrere Tanker beladen worden sein, die anschließend ausliefen. 

Zurückhaltung in Washington

In Washington drängt man offenbar auf Zurückhaltung. Denn: Ein Bombardement von Kharg würde die Eskalationsspirale in Nahost wohl massiv beschleunigen. Teheran könnte daraufhin etwa verstärkt die Ölinfrastruktur der Golfstaaten ins Visier nehmen. Der Iran hat mehrfach gewarnt, dass Angriffe auf seinen Energiesektor Vergeltungsmaßnahmen in der gesamten Region auslösen würden.

„Ein direkter Angriff würde den Großteil der iranischen Rohölexporte sofort zum Erliegen bringen und wahrscheinlich schwere Vergeltungsmaßnahmen in der Straße von Hormus oder gegen die regionale Energieinfrastruktur nach sich ziehen“, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters Analysten von JP Morgan. Auch der schon jetzt davongaloppierende Ölpreis dürfte in einem solchen Szenario massiv steigen.

Hinzu kommt wohl strategisches Kalkül: Eine zerstörte Kharg-Insel würde nicht nur dem Mullah-Regime massiven wirtschaftlichen Schaden zufügen, sondern auch jeder möglichen Nachfolgeregierung im Iran – deren Entstehung US-Präsident Donald Trump bekanntlich beeinflussen will. „Die Regierung will die Grundlage für eine iranische Nachkriegswirtschaft nicht zerstören“, so Michael Doran, Senior Fellow am Hudson Institute, zur Financial Times. 

Treibstoffdepots in Teheran angegriffen

Israel verfolgt offenbar andere Pläne. Dort soll es Medienberichten zufolge bereits in der Vergangenheit Überlegungen gegeben haben, das strategisch so wichtige Ölterminal anzugreifen. Oppositionsführer Yair Lapid forderte dies zuletzt offen: „Das würde die iranische Wirtschaft zusammenbrechen lassen und das Regime stürzen“, schrieb er auf der Plattform X.

Am Wochenende griff das israelische Militär bereits wichtige Treibstoffdepots in Teheran an. Riesige Benzinbrände entstanden, über der iranischen Hauptstadt ging schwarzer Regen nieder. Dies sei ein Kipppunkt gewesen, sagte die israelische Iranistin Thamar Eilam Gindin von der Universität Haifa bei einer Online-Veranstaltung vor Journalisten:

Anfangs habe es bei Teilen der iranischen Bevölkerung großen Jubel über die israelischen und US-Bombardements gegeben. Für den Schlag auf das Öllager in Shahran, das für die zivile Versorgung Teherans notwendig ist, hagle es aber Kritik: „Die Bevölkerung sieht das auch als Zerstörung der Zukunft des eigenen Landes.“

IRAN-US-ISRAEL-CONFLICT

Israel griff am Sonntag ein Öllager in Teheran an.

Besetzung wird diskutiert

In US-Medien kursiert indes noch eine andere Option. Statt Kharg und seine wertvolle Infrastruktur zu zerstören, könnte die Insel auch militärisch besetzt werden. Diese Möglichkeit sei zumindest diskutiert worden, berichtet Axios.

Der Iran-Experte Michael Rubin, Senior Fellow am American Enterprise Institute, hatte diese Idee bereits vor dem 28. Februar ins Spiel gebracht: „Sollte er (Trump, Anm.) Kharg einnehmen, anstatt es zu zerstören, kann er nicht nur sicherstellen, dass das Regime nie wieder die Gehälter seiner Beamten und Soldaten bezahlen kann", schreibt er in einer Analyse für das Middle East Forum. „Er könnte nach einem Regimewechsel auch dafür sorgen, dass das neue iranische Regime seinen Wiederaufbau selbst finanziert.“

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