© REUTERS/RODI SAID

Interview
10/31/2019

"Ich denke nicht, dass Christen in Syrien verfolgt werden"

Der griechisch-orthodoxe Bischof Elias Toumeh befürchtet dennoch, dass in den kommenden Jahren viele Christen Syrien verlassen werden.

von Michael Hammerl

Elias Toumeh lebt in der Nähe der syrischen Stadt Homs, in der lange Zeit schwere Gefechte herrschten. Er glaubt nicht, dass es in Syrien so etwas wie eine explizite "Christenverfolgung" gibt. Trotzdem denkt er, dass die Migration zunehmen wird. Der KURIER traf Toumeh im Rahmen einer Konferenz zum Thema "Hate Speech", organisiert vom König-Abdullah-Zentrum (KAICIID).

KURIER: Ihre syrische Heimatstadt Homs war in den vergangenen Jahren oft Schauplatz von Gefechten. Wie ist derzeit die Situation? 

Elias Toumeh: Sie ist besser. Wir haben so etwas wie Stabilität im Bereich der Sicherheit. Es gibt derzeit keine militärischen Aktionen oder Kämpfe. Dafür stehen wir vor zwei anderen großen Problemen. Unsere erste Aufgabe ist das Thema Migration. Vor allem Jugendliche wollen das Land verlassen, weil sie sonst zum Militär müssten. Das wollen sie nicht. Zweitens haben wir ein ökonomisches Problem. Unsere Wirtschaft ist kollabiert. Das Durchschnittsgehalt liegt bei 40 Dollar im Monat. Das ist zu wenig, um zu leben. 

Was könnte dagegen  unternommen werden? 

Für ein Ende der Migration braucht es politische Lösungen. Ohne politische Lösungen können wir das Land nicht wiederaufbauen. Und wenn wir den Wiederaufbau nicht schaffen, werden Jugendliche nicht bleiben, mangels Perspektive. Sie fragen sich, warum sie bleiben sollten, wenn sie woanders hingehen können. Der Ball liegt bei den Politikern. 

In Syrien herrscht eine alawitische Minderheit über eine sunnitische Mehrheit. Das kann man nicht vom Konflikt abkoppeln. Ist die religiöse Dimension nicht auch ein Problem?

Diese Analyse über Syrien habe ich schon oft gehört: Dass die religiöse Dimension Teil des Problems ist. Ich kann Ihnen da nicht zustimmen. Zumindest hat der religiöse Faktor diesen Krieg nicht ausgelöst. Der Auslöser ist rein politisch. Unterschiedliche Konfessionen lebten in Syrien jahrzehntelang in Frieden. Als Schüler bin ich direkt neben einem alawitischen Mädchen gesessen, vor mir saß ein Sunnit. Ja, durch diesen Konflikt suchen ethnische und religiöse Gruppen nun Wege, wie sie sich schützen können, während der Staat kollabiert. Es ist eine natürliche Entwicklung, dass sie sich in kleinere Gruppen aufspalten, ihre nächsten Angehörigen beschützen, wenn der Staat kollabiert. 

Der Krieg in Syrien hat also keine religiösen Hintergründe? 

Die Proteste hatten ihre Wurzeln in sozialen, wirtschaftlichen Fragen. In manchen Gegenden fehlten den Menschen existenzielle, staatliche Leistungen. In den syrischen Protestbewegungen ging es anfangs nicht um eine Revolution oder darum, ein Regime zu stürzen. Die Menschen wollten nur etwas Unterstützung im täglichen Leben – und Würde. 

In Ihrer Rolle als griechisch-orthodoxer Bischof: Wie bewerten Sie das Thema Christenverfolgung in Syrien? Laut der NGO Open Doors ist Syrien das elftgefährlichste Land für Christen. 

Dem kann ich nicht zustimmen. Ich finde nicht, dass Christen in Syrien verfolgt wurden oder verfolgt werden. Es gibt keine Evidenz für diese Theorie. Wenn wir schon über Verfolgung sprechen, müssen wir sagen: Alle Syrer werden verfolgt, auch Alawiten. Armut verfolgt die Menschen. Aber auf religiöser Basis wird kein Christ in Syrien verfolgt. Das Regime ist immer sehr gut mit Christen umgegangen. Wir haben eigene Minister, Schulen, Kirchen, Jobs. Ich will nicht über Christen sprechen, als würden sie über Syrien stehen. Nein: Wir sind alle Syrer.

Sie beziehen sich dabei auf die syrische Regierung. Wie sieht es mit islamistischen Gruppierungen in Syrien aus? Zwei Ihrer Kollegen (der Metropolit Mar Gregorios Yohanna Ibrahim und der griechisch-orthodoxe Erzbischof Boulous Yazigi) wurden 2013 in Nordsyrien von Islamisten entführt und sind bis heute nicht mehr aufgetaucht. 

Wissen Sie, wie viele Schiiten getötet, wie viele Moscheen bombardiert wurden? Wissen Sie, wie viele Sunniten vom Islamischen Staat getötet wurden? Natürlich wurden auch Christen getötet, aber ich will hier nicht explizit von Christenverfolgung sprechen. Ich will auch nicht darüber sprechen, ob Christen in Syrien Schutz brauchen. Alle Syrer brauchen Schutz. 

Was können Sie als religiöser Anführer tun, um auf lange Sicht einen Friedensprozess in Syrien einzuleiten? 

Wir haben bereits mit Initiativen auf lokaler Ebene begonnen. Im Moment ist die syrische Gesellschaft enorm fragmentiert. Wir werden Jahre brauchen, um wieder Vertrauen aufzubauen. Derzeit herrscht überall Misstrauen. Als religiöse Vertreter müssen wir auf lokaler, religiöser Ebene arbeiten, nicht auf politischer. Ich denke, Religion sollte Menschen helfen, sich selbst von all der Feindseligkeit und all dem Hass zu reinigen. Es ist eine spirituelle Übung für uns alle. 

Haben Sie eine Meinung, was auf politischer Ebene konkret unternommen werden müsste? 

Große Vereinigungen wie die Vereinten Nationen arbeiten in Syrien.

Unternimmt die UN genug?

Nein. Sie kann keine größeren Schritte machen, weil sie mit der Regierung zusammenarbeiten müsste – der sie nicht vertraut. Vielleicht kann über die UN-Ebene irgendwann eine Lösung gefunden werden. Aber das wäre ein langer Prozess. Für uns Christen ist das schwierig. Wir sind eine demografische Minderheit in Syrien. Bei einem langen Prozess werden sehr, sehr viele Christen Syrien verlassen. Die Zukunft der syrischen Christen ist unklar.

Inwiefern macht sich das bereits bemerkbar? 

Die armen Menschen gehen in den Libanon. Die reichen Christen – vor allem Jugendliche – versuchen ein Visum zu bekommen, um in Deutschland oder England zu studieren. Sie bezahlen die Universitäten, um akzeptiert zu werden, studieren und leben dort. Nach vielen Jahren versuchen sie die Staatsbürgerschaft zu erwerben. 

Wie groß ist die Furcht, dass der Islamische Staat wieder erstarkt?

Ich denke, der Islamische Staat war keine neue Idee. Alle islamistischen Gruppen teilen diesen Traum von einem Kalifat. Sie haben die Verwirrung, die in Syrien herrscht, für ihre Zwecke benutzt. Aber ich denke, dass viele moderate Muslime gegen den Islamischen Staat sind, sogar gegen dessen Konzept. Das ist sehr wichtig. 

Wichtig ist mit Sicherheit auch, welche politischen Lösungen sich die Bürger jetzt selbst wünschen. 

Lassen Sie mich Klartext sprechen: Wie die politische Lösung in Syrien am Ende aussieht, ist den meisten Menschen egal. Sie machen sich Sorgen, wie sie an Brot kommen, wie sie ihre Kinder ernähren. Wie ich am Beginn dieses Gesprächs bereits gesagt habe: Wenn der Monatslohn 40 Dollar beträgt und wir keine weitere Unterstützung von außen bekommen, werden viele Menschen aufgrund der Armut sterben. Nach neun Jahren Krieg geht es für die Menschen ums Überleben, nicht um politische Diskussionen.

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