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Politik Ausland
05/28/2021

Hungerstreik und Angst: So leben Weißrussen im Exil

Proteste vielerorts in Polen. Auch die Exilgemeinde lebt in Angst vor dem Regime.

von Jens Mattern

„Wir hungern für die Unterstützung der Weißrussen“ steht auf handgeschriebenen Lettern, geklebt auf die Glasfront des Büros der EU-Kommission im Zentrum Warschaus. Stanislawa Glinnik und Baschena Glimowitsch sind zwei der jungen Weißrussinnen, die ihren Hungerstreik erst beenden wollen, „wenn die EU Wirtschaftssanktionen einführt“, wie Passanten erklären.

Anlass: die spektakuläre Verhaftung von Roman Protassewitsch. Am Sonntag zwang eine weißrussische MIG-29 das Ryanair-Flugzeug, mit dem regimekritischen Journalisten an Bord, auf seiner Strecke von Athen nach Vilnius zur Landung in Minsk. Am Donnerstag berieten die EU-Außenminister über mögliche weitere Sanktionen.

„Konkrete Lösungen erwarten wir nicht von der EU“, so Anton Sayfullayeu, Weißrusse in Warschau, gegenüber dem KURIER. Der Anthropologe betreibt die Webseite „Belarus 2020“ für polnische Leser. Polen wie auch Litauen sind die vornehmlichen Exilländer der weißrussischen Opposition.

Nach den massiven Repressionen durch Staatspräsident Aleksander Lukaschenko gegen die Massenproteste wegen Wahlfälschung flüchteten im vergangenen Jahr an die 20.000 Belarussen nach Polen und weitere 7.000 nach Litauen. So wie Swetlana Tichanowskaja, Hoffnungsträgerin bei den Präsidentschaftswahlen. Sie und die Mitglieder des „Koordinationsrates“, der von Oppositionspolitikern nach den Wahlen gegründet wurde, mussten Minsk verlassen, teils in überhasteter Flucht. Im Exil ist ihr Charisma und Einfluss geschwunden.

„Globaler Streik“

Nun rief Tichanowskaja als Zeichen des Protests via Twitter alle Landsleute im Exil zu einem „globalen Streik“ auf – sie sollen am Samstag in ihrer jeweiligen Stadt mit der von Minsk verbotenen weiß-rot-weißen Fahne auf die Straßen gehen. Auch in Warschau sind Aktionen geplant. In Polen gibt es viele weißrussische Organisationen, allen voran den 2007 gegründeten TV-Sender Belsat, der dem Staatsfernsehen TVP angegliedert und vornehmlich aus polnischen Geldern finanziert ist.

Ihre Journalisten in Weißrussland werden nun inhaftiert, ihre Familien bedrängt. „Es gibt 400 politische Gefangene in Belarus und 1.000 Strafrechtsverfahren aus politischen Gründen“, sagt Aleksy Dzikawicki, Leiter der Nachrichtenredaktion. Wegen „Landesverrat“ drohen Haftstrafen von 18 Jahren. Wer sich nur ein wenig engagiert habe, könne derzeit nicht zurück nach Weißrussland, sagt Anton Sayfullayeu. Unter seinen Landsleuten „herrscht ein Gefühl der Wut und der Hoffnungslosigkeit vor“.

Auch Stepan Putilo, der mit Protassewitsch das von Lukaschenko gefürchtete Nachrichtenportal Nexta leitet, ist in Warschau. An einem geheimen Ort, denn der 22-jährige erhält Todesdrohungen. Lukaschenkos Geheimdienst KGB sei in Polen sehr aktiv. Besonders die Mitglieder des „Belarussischen Hauses“ in Warschau seien beobachtet. Die Villa wird von Polen, aber auch den Niederlanden finanziert, dort wird die Hilfe für Weißrussen, die fliehen mussten, organisiert. Gleichzeitig wird dort auch über die Zeit nach Lukaschenko nachgedacht, hier ist Pawel Latuschko, der ehemalige Kulturminister Lukaschenkos am Wirken. Ein Übergang, der hoffentlich ohne Gewalt geschieht.

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