Ein Transport von Juden kommt an der Rampe des Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau an. 

© dapd

Israelitische Kultusgemeinde
04/13/2015

Wachsam sein gegen Radikalismus

Am Montag wurde in Wien der Opfer des Nationalsozialismus gedacht.

von Margaretha Kopeinig

Wir haben aus der Geschichte ziemlich wenig gelernt." Mit diesen aufrĂŒttelnden Worten hĂ€lt die Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz, Anita Lasker-Wallfisch, der Gesellschaft einen Spiegel vor. Die 89-JĂ€hrige macht eindringlich aufmerksam, dass rassistisch motivierte Terrorakte, Antisemitismus, Radikalismus und Nationalismus dramatisch zunehmen. "In der ganzen Welt fließt unschuldiges Blut", sagt Lasker-Wallfisch.

Wie durch ein Wunder ĂŒberlebte sie Auschwitz. Gerettet hat sie ihr Cello-Spiel. Im Orchester musste sie MĂ€rsche am Tor spielen. "Das tĂ€gliche Panorama war ein Strom von Menschen, die in die Gaskammern getrieben wurden und der dunkle Rauch aus den Schornsteinen." Heute lebt Lasker-Wallfisch in London.

Aspanger Bahnhof

Am Montag trat sie bei einer Veranstaltung zum Gedenktag fĂŒr die Opfer der Shoa und dem Gedenken an den jĂŒdischen Widerstand (Jom Hashoa) in Wien auf. Beim frĂŒheren Aspanger Bahnhof im dritten Wiener Gemeindebezirk, dem Platz der Opfer der Deportation, versammelten sich gestern Zeitzeugen, der PrĂ€sident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Oskar Deutsch, Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und Schulklassen mit Lehrern. Sie gedachten der Opfer des Nationalsozialismus und erinnerten an "die unvorstellbaren Grausamkeiten, fĂŒr die Auschwitz steht", wie Lasker-Wallfisch betonte. Sie rief dazu auf, stets wachsam zu sein. Als MĂ€dchen dachte sie, "Deutschland sei ein zivilisiertes Land", doch dann kamen die Morde und die GrĂ€uel der Nazis.

Mehr als 90 Transporte verließen ab 1942 den Aspanger Bahnhof in Richtung der Vernichtungslager des NS-Regimes, viele fuhren nach Auschwitz.Oskar Deutsch betonte, dass sich die Erinnerungskultur in Österreich erst in den vergangenen 20 Jahren entwickelt habe, die Jugend zeige heute aber "großes Interesse" an der Auseinandersetzung mit dem Holocaust und an GesprĂ€chen mit Zeitzeugen. SPÖ-Kulturstadtrat Mailath-Pokorny spannte eine Bogen von den Nazi-Verbrechen bis zu den Grausamkeiten der Terrormiliz "Islamischer Staat". Man dĂŒrfe nicht vergessen, dass so etwas "vor nicht allzu langer Zeit" auch in Wien passiert sei. Er kĂŒndigte die Errichtung eines Mahnmals am ehemaligen Standort des Aspangbahnhofes an. Zu der Gedenkveranstaltung kam auch ÖBB-Chef Christian Kern. Bei der Aufarbeitung der NS-Verbrechen, an denen auch die damalige Reichsbahn ihren Anteil hatte, habe man sich hierzulande beschĂ€mend zurĂŒckgehalten, sagte Kern entschuldigend. Er habe das Unternehmen ÖBB aber motiviert, sich mit der NS-Geschichte in Forschungsprojekten zu befassen.

"FĂŒr die Fahrt in den nahezu sicheren Tod" wurden die Vertriebenen zur Kasse gebeten, sogar ein "Rabattsystem" wurde entwickelt. "Das zeigt die ProfanitĂ€t, mit der dieser Irrsinn betrieben wurde", sagte Kern.Zu Wort kamen auch SchĂŒler, die im vergangenen Jahr Überlebende am Marsch begleitet haben. "Wir schöpfen daraus die Motivation, die Zukunft richtig anzugehen", sagten zwei SchĂŒler des Theresianums in Wien.

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