Politik | Ausland
10.08.2017

Guam-Bewohner: "Ich gebe Trump die Schuld"

Die betroffenen Inseleinwohner bewerten die wechselseitigen Drohungen von USA und Nordkorea als "verrückt" über "Lasst uns einfach beten" bis "beängstigend".

Im eskalierenden Konflikt zwischen Nordkorea und den USA ist die Pazifikinsel Guam in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Pjöngjang droht mit einem Militärschlag auf das US-Gebiet. Der Gouverneur beschwichtigt die Bewohner des kleinen Eilands. Doch die haben Angst.

Wenn die Großen streiten, leiden die Kleinen. Die gegenseitigen Drohungen Nordkoreas und der USAhaben die Bewohner der kleinen Pazifikinsel Guam in Alarmbereitschaft versetzt. Zwar hatte der Gouverneur des US-Gebiets, Eddie Baza Calvo, am Mittwoch in einer Videobotschaft eine akute Bedrohung ausgeschlossen. Er versicherte jedoch zugleich, die Insel sei "auf alle Eventualitäten vorbereitet".

Drohung

Nordkorea hatte gedroht, mehrere Raketen auf die rund 3.400 Kilometer entfernte Pazifikinsel abzufeuern, auf der die USA einen strategisch wichtigen Militärstützpunkt unterhalten. Dort leben rund 160.000 Menschen.

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Konkret geht es um vier Mittelstreckenraketen vom Typ Hwasong-12, die über Japan fliegen und nach genau 17 Minuten und 45 Sekunden Flugzeit rund 30 bis 40 Kilometer vor Guam im Meer aufschlagen sollen - das wäre gerade noch außerhalb der US-Hoheitsgewässer um die Pazifikinsel.

Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump offen wie noch kein US-Präsident Nordkorea militärisch gedroht.

"Das ist schon ziemlich verrückt"

Die Einwohner Guams sind Drohungen aus Nordkorea gewohnt. Dennoch sind sie beunruhigt. "Das ist schon ziemlich verrückt", sagte Inselbewohner Victor Bilon dem Fernsehsender KUAM am Donnerstag. "Ich sehe mir die Leute hier an, die so tun, als sei es kein Problem. Aber ich denke, es ist ein wirklich großes Problem für uns. Ich denke, ich sollte nach Hause gehen und mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen."

Lou Meno aus dem nördlichen Dorf Dededo ist wütend auf Trump. "Wir haben kleine Kinder, die nicht wissen, was los ist. Und was tut der Präsident, um uns zu schützen? Ich gebe ihm die Schuld. Er ist reich (...), er ist geschützt. Aber was ist mit uns?", fragt sie. "Es ist beängstigend."

Gouverneur beruhigt

Der Gouverneur versicherte, derzeit seien weder Guam noch die Inselgruppe der Marianen, zu der Guam gehört, bedroht. Er werde eine Koordinierungsgruppe einberufen, um über die Einsatzbereitschaft von Militär und Rettungskräften zu sprechen, sagte Calvo. Er arbeite mit dem Heimatschutz, dem Konteradmiral und den USA zusammen, um die Sicherheit der Insel zu gewährleisten.

Der Bedrohungsgrad habe sich durch die Ereignisse in Nordkorea nicht erhöht, sagte der Gouverneur unter Berufung auf seinen Heimatschutzberater George Charfauros. Zudem habe ihm das Weiße Haus in Washington zugesichert, dass jeder Angriff oder jede Bedrohung Guams eine Bedrohung oder ein Angriff auf die USA seien. "Sie haben gesagt, dass sie Amerika verteidigen werden", so Calvo. "Guam ist amerikanischer Boden, und es leben 200.000 Amerikaner auf Guam und auf den Marianen. Wir sind nicht nur eine Militäranlage."

Manche auch gelassen

Andere Inselbewohner reagierten relativ gelassen auf das Säbelrasseln aus Pjöngjang. "Wenn es passiert, dann passiert es eben. Lasst uns einfach beten und das Beste aus dem machen, was wir jetzt haben", sagte Louie Joyce der Regionalzeitung Mariana Variety. Natürlich sei die Lage beängstigend. "Aber was können wir tun?", fragte sie. "Wir leben auf einer kleinen Insel. Sollte es zu einem Angriff kommen, kann man sich nirgends verstecken." Ähnlich sieht das auch Paul Mills. "Ich lebe mein Leben momentan normal weiter. Ich denke, wenn es eine reale Bedrohung gibt, werden wir es merken."

Kleine Pazifikinsel mit hohem strategischem Wert

Guam liegt - über Japan und Südkorea hinweg - etwa 3500 Kilometer von Nordkorea entfernt. Die Distanz zum Südchinesischen Meer, wo sich seit Jahren die Spannungen mit China erhöhen, ist etwa gleich groß. Bis nach Hawaii sind es dagegen rund 6000 Kilometer.

Die 60 Kilometer lange und 20 Kilometer breite Insel gilt als Außengebiet der USA. Ihre Bewohner sind US-Bürger, dürfen sich aber nicht an der US-Präsidentenwahl beteiligen.

Die dort stationierten US-Soldaten sollen im Krisenfall den Verbündeten in Japan, Südkorea, den Philippinen und Taiwan zur Hilfe eilen, zugleich aber auch für die Weltwirtschaft wichtige Seehandelsrouten wie die Straße von Malakka schützen.

Bereits seit Beginn der Spannungen auf der koreanischen Halbinsel um das Jahr 2000 bauen die USA ihre Militärpräsenz in ihrem westlichsten Territorium aus. Berichten zufolge schickte die US-Luftwaffe damals B-2-Tarnkappenbomber auf die Insel, um für einen Konflikt mit Nordkorea gerüstet zu sein, und richtete Lager mit Präzisionsmunition ein. Die Marine verlegte zunächst drei, später vier atomgetriebene U-Boote nach Guam. 2004 wurden die ersten B-52-Bomber dort stationiert.

Bedeutung unter Obama

Zusätzliche Bedeutung erhielt die Insel 2012, als der damalige Präsident Barack Obama die verstärkte Fokussierung seines Landes auf den asiatisch-pazifischen Raum ankündigte - diplomatisch, militärisch und wirtschaftlich. Im gleichen Jahr vereinbarten die USA mit Japan die Verlegung von rund 5000 Marineinfanteristen von Okinawa nach Guam. Bis 2020 sollten 60 Prozent der Marineflotte im Pazifik sein, darunter sechs von elf Flugzeugträgern, erklärte die US-Regierung. 2013 gab das Pentagon wegen der Bedrohung durch Nordkorea die Stationierung des Raketenabwehrsystems Thaad auf Guam bekannt.

China, das sich als ein Ziel der Aufrüstung auf Guam sieht, beobachtet diese Entwicklung misstrauisch. Experten gehen davon aus, dass die Volksrepublik ihrerseits Raketen stationiert hat, die die US-Streitkräfte auf oder in der Nähe von Guam treffen könnten. Die chinesische Marine hat ihre Aktivitäten in den Gewässern verstärkt. Nordkorea wiederum drohte bereits 2013 mit der Auslöschung der B-52-Basis auf Guam, die in der Reichweite der nordkoreanischen Waffen liege. Als Reaktion kündigte das Pentagon damals die Thaad-Stationierung an.

Die USA übernahmen Guam, wo etwa 160.000 Menschen leben, 1898 im Spanisch-Amerikanischen Krieg. 2014 waren auf der Insel rund 6000 US-Soldaten stationiert. Für die USA bietet es sich an, Guam als strategischen Vorposten aufzurüsten: Da es US-Territorium ist, muss die Regierung in Washington keine komplizierten Abkommen mit anderen Staaten aushandeln oder das Risiko eingehen, im Falle einer Krise oder eines politischen Kurswechsels die Stützpunkte zu verlieren. Abgesehen davon spricht die schiere Größe des Raums, für den das in Honolulu ansässige amerikanische Pazifik-Kommando zuständig ist, für die abgelegene Insel: In das Verantwortungsgebiet des Pazifik-Kommandos fallen fast 60 Prozent der Weltbevölkerung, mehr als 50 Prozent der Erdoberfläche und 16 Zeitzonen.

Keine Beistandspflicht für Guam

Im Fall eines nordkoreanischen Angriffs auf die US-Pazifikinsel Guam wären NATO-Staaten wie Deutschland nicht verpflichtet, die Amerikaner militärisch zu unterstützen. Wie ein NATO-Sprecher am Donnerstag bestätigte, gehört Guam nicht zu dem Gebiet, für das die Beistandspflicht im Nordatlantikvertrag festgeschrieben wurde.

Demnach wäre es eine rein politische Entscheidung, ob die Alliierten bei einem Angriff gegen die etwa 2000 Kilometer östlich der Philippinen gelegene Insel den Bündnisfall nach Artikel 5 ausrufen.

In Artikel 5 des Nordatlantikvertrag haben die Verbündeten festgelegt, "dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen (...) als ein Angriff gegen sie alle angesehen werden wird."

In Artikel 6 wird dann allerdings eine Gebietseinschränkung vorgenommen. Demnach gilt als bewaffneter Angriff im Sinne des Artikels 5 jeder bewaffnete Angriff auf das Gebiet eines der NATO-Staaten in Europa oder Nordamerika sowie auf das Gebiet der Türkei "oder auf die der Gebietshoheit einer der Parteien unterliegenden Inseln im nordatlantischen Gebiet nördlich des Wendekreises des Krebses."

Da die Insel Guam südlich des Wendekreises des Krebses - auch nördlicher Wendekreis genannt - liegt, ist sie in dieser Definition nicht miteingeschlossen. In NATO-Kreisen wird allerdings betont, dass es wenig wahrscheinlich ist, dass Bündnispartner unter Verweis auf diese Formulierungen den USA die Unterstützung verweigern.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz warf unterdessen US-Präsident Donald Trump eine Verschärfung des Nordkorea-Konflikts vor. "Wir sind in einer Situation, wo wir der Regierung der Vereinigten Staaten sicher auch deutlich sagen müssen, dass dieses verbale Säbelrasseln zu einer Verschärfung des Situation beiträgt und nicht zu einer Deeskalation", sagte der SPD-Chef am Donnerstag in Berlin. Die deutsche Bundesregierung müsse dies gegenüber Trump deutlich machen.

Nordkorea hat seine Drohung mit einem Angriff auf die US-Pazifikinsel Guam konkretisiert und damit die Verunsicherung weltweit nochmals erhöht. Nach Medienberichten über Fortschritte Nordkoreas bei seinem Atomwaffenprogramm hatte Trump dem Land eine Vergeltung mit "Feuer und Zorn" angedroht.