Politik | Ausland
10.08.2017

Trump und Kim Jong-Un: Wie gefährlich ist die Nordkorea-Krise?

Drohung und Gegendrohung: Ein Nuklearschlag ist trotz Säbelrasselns und aller (Lügen-)Propaganda unwahrscheinlich.

Er habe Sorge und Angst, "dass wir ähnlich wie im Ersten Weltkrieg schlafwandlerisch in einen Krieg hineinmarschieren", sagte der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel am Mittwoch mit Blick auf die heftigen Drohgebärden der USA und deren Erzfeindes Nordkorea, "bloß eben in diesem Fall in einen Krieg, der im Zweifel mit Atomwaffen geführt wird".

Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt das nordkoreanische Atomprogramm die Welt - doch noch nie schien die Lage derart gefährlich wie heute, auch wenn es bereits viele kritische Situationen gab, etwa rund um den ersten Atomtest Pjöngjangs 2006.

Ein Hauptgrund für die weltweite Besorgnis ist die Unberechenbarkeit der Protagonisten Kim Jon-un und Donald Trump. Die jüngsten massiven Drohungen an Nordkorea haben diese Woche selbst enge Berater überrascht.

Die USA würden dem Regime von Diktator Kim "mit Feuer und Wut" begegnen, "wie es die Welt niemals zuvor gesehen hat", sollte es weiter etwa mit Raketentests provozieren, polterte der US-Präsident. Die Gegendrohung Pjöngjangs folgte auf dem Fuß: Bis Mitte August werde man Pläne fertigstellen, nach denen vier Mittelstreckenraketen 30 bis 40 Kilometer vor dem US-Stützpunkt Guam im Pazifik ins Meer stürzen sollen, hieß es am Donnerstag. Die Distanz von 3.360 Kilometern könnten die Raketen in weniger als 18 Minuten zurücklegen.

Wie gefährlich können Trump und Kim werden?

Experten sind sich weitgehend einig, dass das Risiko eines Nuklearschlages derzeit trotz allen Säbelrasselns gering ist. Ein Erstschlag des nordkoreanischen Regimes würde dessen Ende bedeuten, und das weiß auch der junge Diktator in Pjöngjang. Der 33-Jährige, der sein bitterarmes Volk täglich via Medien auf den gemeinsamen Feind USA einschwört und unter anderem dadurch seine Macht erhält, sieht sein Atomprogramm als eine Art Lebensversicherung, als Abschreckung.

Das macht auch einen Erstschlag der USA sehr unwahrscheinlich. Denn bei einem solchen das nordkoreanische Atomarsenal und das Entwicklungsprogramm zu vernichten, sei ein äußerst unsicheres Unterfangen, wie der Korea-Experte Eric Ballbach von der Freien Universität Berlin gegenübertagesschau.deanalysiert. "Die Standorte werden natürlich geheim gehalten und dürften vor allem unterirdisch existieren, sehr tief in die nordkoreanische Gebirgslandschaft eingegraben."

Zudem würden bei einem Gegenschlag Pjöngjangs, der zwangsläufig folgen würde, Millionen Menschen sterben: In Südkorea, dessen Hauptstadt Seoul mit 10 Millionen Einwohnern nur 47 Kilometer von der Grenze entfernt liegt, und wohl auch in Japan, das als US-Verbündeter auch im Visier Kim Jong-uns sein dürfte. Auch ein Einsatz von Chemiewaffen wäre denkbar.

Enttarnte Lüge

Trumps jüngste Aussage, er habe als erste Amtshandlung das US-Atomwaffenarsenal ausbauen und modernisieren lassen, weshalb es nun "stärker als je zuvor sei", dürfte Nordkorea kaum einschüchtern. Noch dazu, wo die Behauptung schnell als Lüge enttarnt wurde.

"Das Atomwaffenarsenal ist dasselbe wie vor der Amtseinführung Trumps", zitierte die Washington Post den Chef der Arms Control Association, Daryl Kimball.

Eine Modernisierung der Atomwaffen, wie sie im übrigen 2010 von Trumps Vorgänger Obama initiiert wurde, würde Jahrzehnte dauern.

Kleine Pazifikinsel mit hohem strategischem Wert

Die Insel Guam ist ein militärischer Vorposten der USA im Pazifik, der strategisch seit Jahren immer stärker an Bedeutung gewinnt. Guam liegt - über Japan und Südkorea hinweg - etwa 3500 Kilometer von Nordkorea entfernt. Die Distanz zum Südchinesischen Meer, wo sich seit Jahren die Spannungen mit China erhöhen, ist etwa gleich groß. Bis nach Hawaii sind es dagegen rund 6000 Kilometer.

Die 60 Kilometer lange und 20 Kilometer breite Insel gilt als Außengebiet der USA. Ihre Bewohner sind US-Bürger, dürfen sich aber nicht an der US-Präsidentenwahl beteiligen.

Die dort stationierten US-Soldaten sollen im Krisenfall den Verbündeten in Japan, Südkorea, den Philippinen und Taiwan zur Hilfe eilen, zugleich aber auch für die Weltwirtschaft wichtige Seehandelsrouten wie die Straße von Malakka schützen.

Bereits seit Beginn der Spannungen auf der koreanischen Halbinsel um das Jahr 2000 bauen die USA ihre Militärpräsenz in ihrem westlichsten Territorium aus. Berichten zufolge schickte die US-Luftwaffe damals B-2-Tarnkappenbomber auf die Insel, um für einen Konflikt mit Nordkorea gerüstet zu sein, und richtete Lager mit Präzisionsmunition ein. Die Marine verlegte zunächst drei, später vier atomgetriebene U-Boote nach Guam. 2004 wurden die ersten B-52-Bomber dort stationiert.

Bedeutung unter Obama

Zusätzliche Bedeutung erhielt die Insel 2012, als der damalige Präsident Barack Obama die verstärkte Fokussierung seines Landes auf den asiatisch-pazifischen Raum ankündigte - diplomatisch, militärisch und wirtschaftlich. Im gleichen Jahr vereinbarten die USA mit Japan die Verlegung von rund 5000 Marineinfanteristen von Okinawa nach Guam. Bis 2020 sollten 60 Prozent der Marineflotte im Pazifik sein, darunter sechs von elf Flugzeugträgern, erklärte die US-Regierung. 2013 gab das Pentagon wegen der Bedrohung durch Nordkorea die Stationierung des Raketenabwehrsystems Thaad auf Guam bekannt.

China, das sich als ein Ziel der Aufrüstung auf Guam sieht, beobachtet diese Entwicklung misstrauisch. Experten gehen davon aus, dass die Volksrepublik ihrerseits Raketen stationiert hat, die die US-Streitkräfte auf oder in der Nähe von Guam treffen könnten. Die chinesische Marine hat ihre Aktivitäten in den Gewässern verstärkt. Nordkorea wiederum drohte bereits 2013 mit der Auslöschung der B-52-Basis auf Guam, die in der Reichweite der nordkoreanischen Waffen liege. Als Reaktion kündigte das Pentagon damals die Thaad-Stationierung an.

Die USA übernahmen Guam, wo etwa 160.000 Menschen leben, 1898 im Spanisch-Amerikanischen Krieg. 2014 waren auf der Insel rund 6000 US-Soldaten stationiert. Für die USA bietet es sich an, Guam als strategischen Vorposten aufzurüsten: Da es US-Territorium ist, muss die Regierung in Washington keine komplizierten Abkommen mit anderen Staaten aushandeln oder das Risiko eingehen, im Falle einer Krise oder eines politischen Kurswechsels die Stützpunkte zu verlieren. Abgesehen davon spricht die schiere Größe des Raums, für den das in Honolulu ansässige amerikanische Pazifik-Kommando zuständig ist, für die abgelegene Insel: In das Verantwortungsgebiet des Pazifik-Kommandos fallen fast 60 Prozent der Weltbevölkerung, mehr als 50 Prozent der Erdoberfläche und 16 Zeitzonen.

( APA/ Reuters)