Samirah Schipper (l.) und Marjory Simonides. Auf ihrem Plakat steht: "Ich rauche, aber ich beiße nicht.". Ein Plädoyer für den Dialog zwischen Rauchern und Nicht-Rauchern.

© Pepijn van den Broeke

Politik Ausland
03/07/2020

Groningen: Die Stadt, die rauchfrei werden will

Mit wenigen Verboten, aber umso mehr sanftem sozialen Druck hofft die niederländische Stadt, den Qualm für immer los zu werden.

von Ingrid Steiner-Gashi

Wenn Psychologiestudent Grigorij demnächst wieder vor der Universitätsbibliothek steht und raucht, könnte es sein, dass ihm jemand eine kleine, rosa Karte entgegenhält. "Können Sie bitte woanders rauchen?", steht darauf zu lesen. Und klein gedruckt: "Es fällt mir schwer zu fragen, daher zeige ich diese Karte." Das Kärtchen soll eine Hilfe sein für die etwas schüchterneren Bewohner Groningens.

Aber ob mit Zettel oder beim direkten Anreden – mit sanftem Druck sollen die Bewohner der niederländischen Stadt im Norden des Landes ihre Mitbürger dazu bringen, woanders zu rauchen. Oder es am besten gleich ganz bleiben zu lassen.

Groningen wagt einen Versuch: Die rund 300.000 Einwohner zählende Stadt möchte rauchfrei werden – und das mit wenigen Verboten, aber viel Selbsterziehungseffekt.

Vor zwei Jahren fasste der Stadtrat einen Entschluss: "Kein Kind, das in Groningen geboren wird, soll noch Rauch einatmen", schildert die Gemeindebedienstete Erin Straat. Erstmals, seit Tabak in den 1620er Jahren seinen Weg auf das Gebiet der heutigen Niederlande fand, soll eine rauchfreie Generation heranwachsen. "Rookvrije Generation" steht deshalb überall auf Plakaten in der Stadt zu lesen.

Und das bedeutet: Nicht nur in, sondern auch vor allen Schulen, Kindergärten, Spielplätzen und Parkanlagen, wo sich Kinder tummeln, ist Rauchen verboten. Eltern, die beim Warten auf ihre Sprösslinge, schnell vor der Schule eine Zigarette qualmen – dieses Bild gehört in Groningen mittlerweile der Vergangenheit an. Aber was, wenn doch wer raucht? Kommt dann die Polizei?

Samirah Schipper lächelt: In der Gesundheitsbörde leitet die junge Frau das Projekt "rauch-freies Groningen". Strafen und Bußgelder sind nicht vorgesehen. "Aber jeder ist zu jederzeit angehalten, zu einem Raucher hinzugehen und ihn zu bitten, es bleiben zu lassen."

Rauchverbot gilt ebenso in allen öffentlichen Gebäuden  - und bald auch jeweils davor - sowie im großräumigen Eingangsbereich des städtischen Krankenhauses: "rookvrij" ist in einem Umkreis von hundert Metern auf vielen Tafeln zu lesen.

Das schlechte Gewissen spielt wohl mit, als ein Patient in Hausschuhen und Jogginghosen bibbernd vor Kälte in einer schwer einsehbaren Ecke des Gebäudes trotzdem schnell eine Zigarette runterzieht. Auf die "rookvrij"-Tafel will er sich nicht ansprechen lassen, zieht die Schultern hoch und schlurft eilig wieder ins Krankenhaus.

Am Anfang der Idee, aus Groningen eine rauchfreie Pionierstadt zu machen, steht der Suchtmediziner Robert van den Graaf. Ihm geht es vor allem darum, für Kinder eine völlig rauchfreie Umgebung zu schaffen. "Jede halbe Stunde stirbt in den Niederlanden jemand an den Folgen von Tabak. Und Nikotin ist die erste Abhängigkeit, in die Kinder fallen. Kinder fangen nicht mit Cannabis an."

Seine Schlussfolgerung: "Wenn wir die Kinder beschützen wollen, müssen sich die Raucher ändern und in der Nach rauchen, oder dort, wo sie von Kindern nicht gesehen werden." Ändern müssten sich aber auch die Nicht-Raucher, fordert der Mediziner. Sie hätten die Aufgabe, ihren rauchenden Mitbürger auf dem Weg in die Freiheit von den Glimmstängeln mitzunehmen. "80 Prozent der Raucher haben den Wunsch aufzuhören", sagt Robert van den Graaf. Und "wenn man ihnen Hilfe anbietet, geht das auch leichter."

"Mit gesundem Menschenverstand"

Gerade ist in Groningen wieder eine Initiative angelaufen. Keine Stop-Kampagne, wie Kampagnen-Leiterin Marjory Simonides schildert. "Normalerweise reagieren Raucher ja abweisend, wenn man ihnen forsch entgegentritt. Aber es geht darum, in den Dialog zu kommen, Und dazu braucht man keine Regierung, sondern regelt das mit gesundem Menschenverstand."

Die Bewohner der beschaulichen Stadt nehmen es recht gelassen. "Rauchfreies Groningen? Ja, hab schon mal was davon gehört", brummt Gert, als er von seinem Sudoku-Rätsel aufblickt. Im Aschenbecher auf dem kleinen Tisch liegt ein Zigarettenstummel. Der Pensionist findet es in Ordnung, seinen Kaffee draußen, neben der Straße zu trinken – aber auch in ganzen Straßenzügen das Rauchen unmöglich machen? "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich so was durchsetzen lässt."

Seit 12 Jahren darf in niederländischen Gasthäusern oder Kaffees nicht mehr geraucht werden. In fünf Jahren werde es damit wohl auch auf den Terrassen dabei vorbei sei, vermutet zumindest Anti-Rauch-Kämpferin Samirah. Und Robert von den Graaf pflichtet bei: "Von heute auf morgen wird es nicht gehen mit der Rauchfreiheit, aber Schritt um Schritt werden wir es schaffen."

Grigorij zieht indessen weiter mit Genuss an seiner Zigarette. Die Plakate vor seiner Uni kennt er, direkt in seinem Rücken klebt ein "hier ist rookvrij" an der Wand. Der sanfte Druck der Gesellschaft, er hat den jungen Studenten nicht am Rauchen gehindert. Und andere ebenso wenig, wie man an den vielen, in den Ritzen zwischen den Pflastersteinen liegenden Stummeln sieht. Dabei sind mittlerweile alle Unis der Universitätsstadt Groningen offiziell rauchfrei. 50.000 Studenten aus aller Welt leben hier.

Und die Coffe-Shops?

Bleibt nur abzuwarten, was mit den legendären niederländischen Coffeshops geschieht. Immerhin ein gutes Dutzend davon ist in Groningen genehmigt. Hier darf man ganz legal seinen Joint kaufen und auch gleich an Ort und Stelle konsumieren.

Ist geplant, auch sie zu schließen? "Das ist nicht Teil der Anti-Raucher-Politik", ist dazu einhellig von allen in Groningen zu hören, die dafür kämpfen, dass die nächste Generation gar nicht mehr weiß, was eine Zigarette ist.

Die  rund 300.000 Einwohner zählende Stadt im Norden der Niederlande gilt als die "jüngste Stadt des Landes": Ein Sechstel von ihnen sind Studenten

22 % Raucherquote
Rund ein Fünftel der Niederländer raucht. In Groningen betrug der Anteil bisher sogar fast ein Viertel der Stadtbewohner. Tendenz sinkend.

Tabakhandel
In den 1620-er Jahren kam der Tabak erstmals in Europa an – über die Häfen der heutigen Niederlande. Studenten an der Uni Leiden waren die erste junge Generation rauchender Europäer. Damals hofft man auch, Nikotin würde die Pocken heilen.

 

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