Die junge Frau will anonym bleiben

© Petra Ramsauer

Politik Ausland
02/24/2019

Gestrandet im Dschihad: Eine Österreicherin in Syrien erzählt

Die 20-Jährige hat sich dem „Islamischen Staat“ angeschlossen. Nun steckt sie mit ihrem Kind im syrischen Kriegsgebiet fest.

Es ist der zweite Winter, den die 20-jährige Österreicherin mit ihrem kleinen Sohn im Vertriebenenlager „Camp Roj“ im Nordosten Syriens verbringt. Vor drei Jahren ist sie in den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) ausgereist. Damit hat sie ihr Leben in eine äußerst riskante Sackgasse manövriert.

Trotzdem sind es Alltagssorgen, die sie gerade besonders beschäftigen. „Mein Bub ist jetzt zwei Jahre alt und die ganze Zeit krank“, sagt sie. „Wenn es regnet, durchnässt es das Zelt, der Boden weicht auf und wird zu Morast. Seine Kleider werden einfach nie trocken. Er hustet oft, hatte Lungenentzündungen, dann Angina.“

Von blutenden Händen erzählte sie, die man bekomme, wenn die Kleidung bei eisigen Temperaturen in Bottichen gewaschen wird.

Angst, den Sohn zu verlieren

Beim Gespräch mit der KURIER-Reporterin Ende 2018 in Syrien wirkte die junge Österreicherin über lange Phasen von einer bemerkenswerten Naivität eingelullt. Doch es gibt Momente eisiger Klarheit über die Folgen ihrer katastrophalen Entscheidung, in den IS zu reisen.

Etwa, als sie die Panik der anderen Frauen schildert, die sie nachts durch die dünnen Zeltwände weinen hört: „Wir alle fürchten, dass man uns die Kinder nimmt.“

Unsichtbare Mauer

1400 Frauen und Kinder aus dem „Islamischen Staat“ werden im „Camp Roj“ faktisch interniert, wo sich die junge Österreicherin befindet. Es ist eines von drei Lagern in den Kurden-Gebieten des Bürgerkriegslandes, wo zwischen syrischen Zivilisten, die aus ausgebombten Dörfern geflohen sind, die Familien der IS-Kämpfer leben.

Eine unsichtbare Mauer trennt diese Frauen und Kinder aus insgesamt 48 Ländern von den „normalen“ Vertriebenen. Die Lagerleiter achten sorgsam darauf, dass sie unter sich bleiben.

Dem Freund nachgereist

Die Österreicherin will weder mit ihrem Vornamen identifiziert werden noch durch ein Foto, auf dem man sie erkennt. Gerade 16 Jahre war sie alt, als sie im Sommer 2016 heimlich und allein ihrem Freund nachreiste, der in den IS ausgewandert war. Auf Biegen und Brechen wollte sie zu ihm, obwohl damals die Militär-Offensive gegen den Terrorstaat längst voll im Gange war.

Sie lebte ein knappes Jahr im syrischen Rakka, der damaligen IS-Hauptstadt, bekam ein Baby. Im Juli 2017 floh die Familie vor den Bombenangriffen und ergab sich im November 2017 den kurdischen Milizen. Mutter und Kind kamen ins Lager, der Vater wurde in Haft genommen.

„Ich liebe meinen Mann, deshalb bin ich ihm gefolgt, nicht wegen der Ideologie“, versucht die junge Frau ihre Entscheidung zu rechtfertigen. Es sind Argumente, die freilich nicht nachprüfbar sind.

Hunderte Kinder geboren

320 – meist junge Menschen – sind ab 2013 aus Österreich in den Dschihad nach Syrien und den Irak ausgereist; der Großteil davon in den so genannten „Islamischen Staat“. Weltweit sind 42.000 Menschen aus mehr als 100 Ländern in den „Islamischen Staat“ ausgewandert. Laut aktuellen Europol-Daten waren es knapp 5000 aus ganz Europa, ein knappes Fünftel davon Frauen. Viele von ihnen leben noch in der Region und haben Hunderte Kinder bekommen.

So sind 270 Frauen und Kinder aus Deutschland derzeit in Syrien, holländische Frauen haben 175 Kinder zur Welt gebracht, eine ähnlich hohe Zahl wie Britinnen und Französinnen.

"Es war kein Leben"

Anders als die Britin Shamina Begum, die auch als Teenager in den „Islamischen Staat“ ausgewandert war und zuletzt in Interviews das Leben im Terrorstaat als „nett“ und brutale Hinrichtungen als „im Islam gerechtfertigt“ bezeichnet hatte, lässt die Österreicherin keine Sympathien für den „IS“ durchblicken. „Was diese Terroristen taten, hatte nichts mit dem Islam zu tun. Es war kein Leben in Rakka.“

Die Familie der jungen Österreicherin hofft, dass sich für sie ein Weg in die Heimat eröffnet. Dies auch, weil sich die Lage in den Vertriebenenlagern derzeit akut zuspitzt. 40.000 Zivilisten und Familien von IS-Kämpfern sind während der vergangenen Wochen zusätzlich hier auf der Flucht vor den Kämpfen gegen die letzte Bastion des Terrorstaates angekommen.

Die Camps sind heillos überfüllt. Laut der Nothilfeorganisation der Vereinten Nationen sind hier seit Ende Dezember 61 Neuankömmlinge gestorben. Der überwiegende Großteil davon sind Kinder, die unter einem Jahr alt waren: Sie starben an Entkräftung nach der 300 Kilometer langen Flucht, oder weil sie erfroren sind.

„Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Das übersteigt bei weitem unsere Kapazitäten“, sagt Abdelkarim Omar verzweifelt. Er ist de facto „Außenminister“ jener kurdischen Gruppe, die politisch und militärisch den Nordosten Syriens kontrolliert.

Und er hat die schwierige Aufgabe übernommen, die Herkunftsstaaten der Dschihadisten dazu zu bewegen, ihre Leute wieder zurück zu nehmen. Seit dem September des Vorjahres arbeitet er daran. Monate später hätten lediglich Dänemark und Kanada überhaupt eine vage Antwort geschickt.

"Gehirnwäsche und Bombentraining"

„Nur Russland, der Sudan und Indonesien waren bislang bereit, ihre Leute zurück zu holen.“ Mit Ende 2018 befanden sich laut seinen Daten 2658 IS-Angehörige aus 48 verschiedenen Ländern im Gewahrsam der syrischen Kurden: 790 Männer, 584 Frauen und 1284 Kinder. Mit dem Flüchtlingsstrom aus den jetzt umkämpften Gebieten dürfte sich die Zahl verdoppelt haben.

Die Frage, wohin mit ihnen, wird drängender denn je. „Was mich besonders sorgt, sind die Kleinsten“, sagt Abdelkarim Omar: „Die wachsen ohne Bildung, ohne jede Ahnung von Normalität auf. Die Älteren waren in den Schulen der Terrormiliz, die haben Gehirnwäsche und Bombentraining erlebt.“

Wenn diese Kinder in den Lagern noch längere Zeit ohne adäquate Betreuung blieben, drohten sie zu Zeitbomben zu werden.

Noch größer sei das Problem, die nötige Hochsicherheits-Infrastruktur für die männlichen IS-Kämpfer bereit zu stellen.

Männliche IS-Anhänger werden getrennt von Frauen in Übergangs-Gefängnissen untergebracht. „Darunter sind hoch gefährliche Anführer. Wir haben weder entsprechende Gebäude noch genügend Wachpersonal noch Richter“, so Omar.

Unsichere Situation vor US-Abzug

Und was, sagt er, „wenn wir das Gebiet nicht mehr halten können? Dann fliehen alle.“ Seine Sorge ist berechtigt. Das syrische Kurdengebiet beruht auf einem äußerst fragilen Konstrukt: Milizen der „Volksbefreiungsarmee“ stellen quasi Armee und Polizei, Behörden der Kurdenpartei PYD Verwaltung, Geheimdienst und Polizei.

Sie kontrollieren faktisch ein Drittel des Bürgerkriegslandes – ohne vom Regime in Damaskus oder international anerkannt zu sein. Ihre Macht beruht vor allem auf Unterstützung der USA. 2000 Soldaten sind hier stationiert, um den Kampf gegen den „Islamischen Staat“ zu unterstützen.

Doch bereits im Dezember hat US-Präsident Donald Trump angekündigt, sie nun nach Hause zu holen. Dies droht in einen weiteren Konflikt zu münden. Denn die Türkei hat mehrmals mit einem Einmarsch in das Gebiet gedroht.

Aus Sicht Ankaras sind die Kurdenmilizen hier Teil der PKK, sie werden als Terroristen eingestuft. So könnten just in dem Gebiet, wo derzeit IS-Anhänger festgehalten werden, weitere Kämpfe ausbrechen: gegen jene Milizen, die sie derzeit festhalten.

- Petra Ramsauer aus Qamishli, Syrien