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Politik Ausland
11/04/2021

Geisterstadt Kiew: Wenn Corona-Regeln eine Stadt leer fegen

Im öffentlichen Leben gilt 2,5-G. Doch PCR-Tests sind teuer und die Skepsis gegenüber der Impfung groß. Die Folge: leere Öffis und Lokale.

von Caroline Ferstl

In den ersten Tagen glich Kiew einer Geisterstadt – zumindest im öffentlichen Leben: Kiews Metro, die normalerweise täglich Hunderttausende Passagiere befördert, war plötzlich leer.

Freie Platzwahl gab es aber nicht nur in den Öffis, sondern auch in Lokalen und Restaurants. Und im Kino, im Fitnesscenter und im Theater. Dafür staute es sich woanders: nämlich auf den Straßen der ukrainischen Hauptstadt. Individualverkehr lag plötzlich wieder im Trend.

Der Grund für die leer gefegte Drei-Millionen-Einwohner-Metropole: Seit Montag sind alle Ungeimpften, Ungenesenen und Ungetestete vom öffentlichen Leben ausgeschlossen.

Sie dürfen nicht mehr zur Arbeit kommen, auch Öffis darf man nur mehr mit einem 2,5-G-Nachweis nutzen. Wer kann, steigt aufs eigene Auto um. Oder geht zur Fuß. Nur Supermärkte, Apotheken, Banken und die Post sind von der 2,5-G-Regel ausgenommen.

 

Kiews Lockdown werde mindestens einen Monat dauern, sagte Bürgermeister, in Österreich besser bekannt als Ex-Profiboxer, Vitali Klitschko. Und soll die Ukrainer zur Impfung drängen: Nur 17,5 Prozent der Bevölkerung gelten als vollständig geimpft.

Kostenpflichtige PCR-Tests

Der Lockdown wäre ja gar kein Problem, gäbe es ein ähnliches Testangebot wie bei uns. Doch dem ist nicht so, wie eine Mitarbeiterin des AußenwirtschaftsCenter Kiew erzählt: "PCR Tests sind nicht gratis, sondern ziemlich teuer. Sie kosten zwischen 27 Euro und 50 Euro pro Test. Das ist unbezahlbar, wenn man sich alle 72 Stunden testen muss." Zum Vergleich: Das monatliche Durchschnittsgehalt in der ukrainischen Hauptstadt beträgt etwa 550 Euro. Übrigens genauso viel wie das Bußgeld, mit dem man rechnen muss, wenn man ohne Impf- oder Test-Zertifikat angetroffen wird.

Mittlerweile füllt sich die Stadt wieder – und zwar mit Protestierenden, die gegen den Lockdown auf die Straße gehen.

In den vergangenen Wochen wurden in der Ukraine tagtäglich neue Höchstwerte bei den Neuinfektionen verzeichnet. Mittlerweile sind 65 Prozent der Klinikbetten, die mit Sauerstoffmasken ausgestattet sind, ausgelastet. Am Donnerstag wurde dem Gesundheitsministerium zufolge mit 26.071 Neuinfektionen ein neuer Höchstwert verzeichnet. 576 Tote wurden registriert.

Verschwörungstheorien und Falschinformationen

Der Grund für die geringe Impfquote: sicher kein Impfstoffmangel. Westliche Impfstoffe sind in Mengen verfügbar: Deutschland schickt bis Jahresende nochmals 1,5 Millionen Dosen Astra Zeneca, aus Österreich sollen bis Jänner 2023 250.000 Impfdosen geliefert werden.

Schuld sind Falschinformationen und Verschwörungstheorien, die in den sozialen Netzwerken kursieren. Zur Misere tragen einem Bericht der Welt zufolge auch staatliche russische Fernsehsender bei, deren Programme viele russischsprachige Ukrainer noch immer konsumieren. Das Staatsfernsehen des Kremls schürt immer wieder Ängste vor westlichen Vakzinen. Manche Ukrainer würden den russischen Impfstoff  Sputnik-V bevorziehen. Dieser ist in der Ukraine aber (noch) nicht zugelassen. 

So oder so: Der strenge Lockdown für Ungeimpfte scheint zu wirken: Die Zahl der täglichen Impfungen steigt langsam, aber doch.

Nur die Mitarbeiterin des AußenwirtschaftsCenter Kiews ist noch nicht überzeugt. Sie kam heute – gezwungenermaßen – zur Fuß zur Arbeit.

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