Weltkriegs-Gedenken: Galakonzert der Wiener Philharmoniker, dirigiert von Franz Welser-Möst, in Sarajewos altem Rathaus.

© APA/EPA/ALMIR ZRNO/POOL

Gedenken an Attentat
06/28/2014

Friedenstöne aus Sarajewo – aber nicht alle hörten hin

Hundert Jahre nach der Ermordung von Franz Ferdinand fanden in Sarajewo und Niederösterreich Gedenkkonzerte statt.

von Ingrid Steiner-Gashi

Wenn Gebäude sprechen könnten, hätte die Vijecnica, das alte Rathaus von Sarajewo, viel zu erzählen. Hier hatte am 28. Juni vor genau hundert Jahren Österreich-Ungarns Thronfolger Franz Ferdinand am Vormittag noch den Bürgermeister besucht. Er beschwerte sich darüber, dass Bomben auf seinen Autokonvoi geworfen worden waren. Kaum eine Stunde später, nur ein paar Hundert Meter weiter, wurden Franz Ferdinand und seine Frau Sophie erschossen.

Dort stand am Samstag ein Oldtimer samt verkleidetem Thronfolgerpaar, umringt von Touristen, die Fotos machten. Viele Einheimische interessierten sich dafür aber genau so wenig wie an das offizielle Gedenken. „Mir ist das ziemlich egal“, sagte etwa ein Jugendlicher im Herzen Sarajewos dem KURIER. Dort befindet sich auch das alte Rathaus. Das prachtvollsten Gebäude Sarajewos wurde von den serbischen Belagerern im Sommer 1992 in Schutt und Asche geschossen. Zwei Millionen Bücher verbrannten in der später zur Bibliothek umgewidmeten neo-maurischen Anlage.

Kein Ort in Sarajewo schien also geeigneter als genau hier, genau hundert Jahre nach der Ermordung Franz Ferdinands, die direkt in den Ersten Weltkrieg führte, ein großes Fest der Versöhnung zu feiern. Nach 18 Jahren Wiederaufbau strahlt die Vijecnica innen und außen in neuem Glanz. Mit einem umjubelten Galakonzert der Wiener Philharmoniker und dem Opernchor des Nationaltheaters Sarajewo wurde das orange-gelb gestreifte Prachtgebäude Samstagabend offiziell eingeweiht.

„Tag des Friedens “

Unter den 330 geladenen Gästen war auch Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer. „Ich wünsche mir, dass wir diesen Tag gemeinsam als Tag des Friedens begehen können“, sagte er . „Mir war es wichtig, persönlich an der Gedenkfeier in Sarajewo teilzunehmen.“ An seiner Seite gedachten auch die Präsidenten Kroatiens, Mazedoniens und Montenegros des fatalen Ereignisses, das geradewegs in den Ersten Weltkrieg und die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts führte.

„Die Musik hier in unserer Vijecnica hat mich sehr berührt“, schildert Konzertbesucherin Ana. „Aber der Anlass des Konzerts, das Gedenken an den Ersten Weltkrieg, damit kann ich nichts anfangen. Krieg, das ist für mich das, was wir hier in Sarajewo erlebt haben. Ich war noch ein Kind, aber die ständige Angst, die Granaten, die Scharfschützen, der Hunger. Ich habe es nie ganz vergessen.“

Ein in 30 TV-Stationen der Welt übertragenes „Bekenntnis zum Frieden“ hätte das Konzert in Sarajewo werden sollen. Doch ausgerechnet diejenigen, denen der Brückenschlag besonders galt, erreichte er nicht: Bosniens Serben und die Vertreter Belgrads blieben dem Gedenkkonzert am Samstag demonstrativ fern. Offizieller Grund: die Marmorgedenktafel direkt am Eingang des Rathauses von Sarajewo. Darauf wird an die Zerstörung des Gebäudes während des Bosnien-Krieges vor 22 Jahren durch „serbische Kriminelle“ erinnert. „Ich kann nicht an einen Ort gehen, wo das serbische Volk schuldig gesprochen wird“, stellte Serbiens Präsident Tomislav Nikolic klar – einer Versöhnung sei das nicht zuträglich.

Gedenken an Princip

Stattdessen versammelte sich die serbische Staats- und Regierungsspitze sowie Bosniens Serbenführung fern von Sarajewo in der künstlich geschaffenen Fantasie-Stadt Andricgrad (nahe Visegrad). Kreiert hat sie der zum serbischen Nationalisten gewandelte bosnische Starregisseur Emir Kusturica. Dort wurde ein mosaikartiges Wandbild enthüllt, das Gavrilo Princip und seine Mitstreiter beim Attentat auf Franz Ferdinand zeigt. In der offiziellen serbischen Geschichtsschreibung gilt der 19-jährige Schüler nicht als Attentäter, sondern als Held, der Bosnien vom Joch der österreichisch-ungarischen Besatzung erlöste. „Die abgefeuerten Kugeln waren der Beginn der Befreiung der Menschen in Bosnien-Herzegowina aus der Sklaverei“, so Kusturica.

Entsprechend leidenschaftlich weist man in Belgrad und im serbischen Teil Bosniens jede Andeutung zurück, Serbien könnte Mitschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges haben. „Die Serben sollen für alle Kriege in diesem Teil der Welt beschuldigt werden“, empörte sich der serbische Vertreter in Bosniens Staatspräsidium, Nebojsa Radmanovic.

„Aufgabe erfüllt“

Bundespräsident Fischer wollte das Fernbleiben der serbischen Politiker am Samstagnicht kommentieren. „Die Wiener Philharmoniker haben ihre Aufgabe erfüllt“, sagte er nach dem Konzert. Er wünsche sich, so Fischer, dass ihre Friedensbotschaft nun auch die Herzen der Menschen in Bosnien-Herzegowina erreichen könne. Und er rief die drei zerstrittenen Volksgruppen, Serben, Kroaten und Bosniaken (Muslime) auf, ihre Differenzen zu überwinden.

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Auf die Stimme der Kunst hören

Eröffnet wurde mit der bosnischen Nationalhymne, danach gab es den zweiten Satz aus Haydns "Kaiserquartett", Schuberts Unvollendete sowie Stücke von Alban Berg, Brahms, Ravel und Beethoven. Franz Welser-Möst, Generalmusikdirektor der Staatsoper, dirigierte bei diesem Friedenskonzert die Wiener Philharmoniker.

Dazwischen richtete Orchestervorstand Clemens Hellsberg in einer kurzen Ansprache das Wort an die 330 geladenen Gäste (30 TV-Stationen übertrugen). Es sei "mehr als ein Konzert, das uns in diesem herrlichen Gebäude zusammenführt, in der Vijećnica, dem Symbol für die Stadt Sarajevo", sagte Hellsberg. Sarajewo wiederum könne als Symbol Europas gelten, verbinde es doch seit jeher Ost und West, Orient und Okzident. Das Programm bezeichnete Hellsberg als "eine symbolische Wanderung durch die Zeiten ebenso wie über Höhen und durch Abgründe der menschlichen Seele".

Mit diesem Konzert wollten die Orchestermitglieder "ein Zeichen der Hoffnung setzen, ein leidenschaftliches Plädoyer für Frieden und Versöhnung". Der Kunst sprach er ewigen Charakter zu. "Während keine Manifestation äußerer Macht dem Ansturm der Jahrhunderte standhält, bleibt wahre Kunst vom Wechsel der Zeiten unberührt: Sie ist der erfolgreiche Versuch, jene Grenzen zu überwinden, die uns die menschliche Natur setzt, sie sublimiert unsere Schwächen ebenso wie Leid, Angst und Hass."

In der Kunst, so Hellsberg, begegnen Menschen einander auf höherer Ebene. "Sie kann uns helfen, menschliche Niederungen hinter uns zu lassen, selbst wenn diese zu Katastrophen von historischer Dimension führten. Voraussetzung dafür ist, auf die Stimme der Kunst zu hören." Die Idee eines geeinten Europas bezeichnete er als "größtes und visionärstes Friedensprojektes in der Geschichte des Kontinents".

Bei Gedenkfeier war Atem der Geschichte zu spüren

"Wir gedenken zweier Menschen, deren Tod der Beginn eines sinnlosen Blutvergießens war." In der zum Bersten gefüllten Wallfahrtsbasilika Maria Taferl in Niederösterreich zelebrierte Kardinal Christoph Schönborn am Samstag ein Requiem zum 100. Jahrestags der Ermordung des Thronfolgerpaares in Sarajewo.

Viele giftige Früchte habe der Anschlag von Sarajewo dem 20. Jahrhundert Europa gebracht, erinnerte der Kardinal, an dessen Seite St. Pöltens Bischof Klaus Küng und der Altabt von Stift Heiligenkreuz, Gregor Henckel-Donnersmarck, am Altar standen. Die Festmesse war der Auftakt zu einer großen Gedenkfeier, die die Urenkelin von Franz Ferdinand, Anita Hohenberg, auf dem wenige Kilometer entfernten Schloss Artstetten organisiert hatte.

In der dortigen Schlossgruft sind Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie von Hohenberg begraben. Der dunkle Raum war gestern von Kerzen erleuchtet. Uniformierte des Infantrieregiments 42 aus Oberösterreich und Mitglieder anderer historischer Traditionsverbände aus der ehemaligen k.u.k.-Armee hielten die Ehrenwache. "Am Grab des Thronfolgers Habt Acht zu stehen, das ist eine große Ehre", sagt Alexander Schenk. Drei bis vier Mal im Monat ist der Gefreite aus Gmunden mit der Truppe in ganz Europa unterwegs.

Per Videowall wurde das Geschehen in der Gruft in den Schlossgarten übertragen, wo zur Gedenkfeier an die 500 Traditionalisten aus sieben europäischen Ländern aufmarschierten und Hunderten Gästen und Schaulustigen ein buntes Schauspiel boten.

Am Beginn des Festakts spielte die "Artillerie-Traditionskapelle von der Gröben" die Österreichische Bundeshymne. Spätestens als drei Salutschüsse durch den Schlosspark peitschten und das Soldatenlied "Ich hatte einen Kameraden" zur Kranzniederlegung in der Gruft intoniert wurde, verstanden auch die Letzten in den Versorgungszelten den Ernst der Veranstaltung.

Gemeinsam mit dem ranghöchsten anwesenden Habsburger, dem 17-jährigen "Kronprinzen" Ferdinand Zvonimir (Urenkel von Kaiser Karl I.), legten Mitglieder des Hauses Hohenberg und Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll Kränze in der Gruft nieder. Rund 100 Mitglieder der Häuser Habsburg und Hohenberg waren aus ganz Europa zum Festakt angereist.

Friedensbotschaft

"An diesem Ort ist heute der Atem der Geschichte zu spüren ", sagte Pröll. In seiner Rede mahnte er zur Aufarbeitung der Geschichte und Sicherung des Friedens und der Freiheit gegen den Nationalismus in Europa. Als Friedenssymbol gab es kleine Gedenkglocken für die Gäste. Der hohen Prominenz wurden eigens geprägte Gedenkmedaillen überreicht.

Reiterdarbietungen des Dragonerregiments 4, dessen Soldaten aus Enns im Sattel angereist waren, und ein Blasmusikkonzert beendeten ein Fest, das alles andere als ein Volksfest war.

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