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Reportage
12/20/2020

Frust in Großbritannien: "Weihnachten ist abgesagt"

Großbritannien führt neue, noch höhere Corona-Warnstufe ein. Die Polizei soll die Menschen daran hindern, Risikogebiete zu verlassen. Georg Szalai aus London.

von Georg Szalai

„Ich bin am Boden zerstört“, sagt Michelle, 37, die knapp außerhalb von London wohnt und zum ersten Mal Weihnachten ohne ihre Familie verbringen muss. Denn „Weihnachten ist abgesagt“: So fassten britische Medien die wegen der raschen Ausbreitung einer neuen Corona-Variante hastig einberufene Pressekonferenz von Premier Boris Johnson am Samstag zusammen.

Seit Sonntag fallen London und andere Teilen Südostenglands in eine neu geschaffene Warnstufe 4 mit strengsten Restriktionen. Bis auf wenige Ausnahmen dürfen die Menschen hier über Weihnachten keinen anderen Haushalt treffen, was Johnson vor wenigen Tagen noch als „unmenschlich“ abgetan hat. „Wenn das Virus seine Angriffsmethode ändert, müssen wir unsere Verteidigungsmethode ändern“, sagte er nun.

Viele Menschen reagieren frustriert auf die neueste Kehrtwende. Alex in London ärgert sich über die „katastrophalen und tödlichen Entscheidungen“, weil die strikteren Regel trotz Experten-Warnungen erst „in letzter Minute“ gekommen seien.

Nichts wie weg

Michelle und ihr Freund, die eigentlich bei ihren Eltern feiern wollten, fuhren am Samstag zum Supermarkt, um nun doch selbst Weihnachtsessen einzukaufen. Viele andere hatten die gleiche Idee. „Wegen der Menschenmenge war das Risiko dort wahrscheinlich höher als bei einem Fest bei meiner Familie, die die Corona-Regeln streng befolgt“, ärgert sich Michelle. Noch längere Schlangen als zuvor bildeten sich auch in Londons beliebter Einkaufsstraße Oxford Street, weil viele noch schnell versuchten, Weihnachtsgeschenke zu kaufen, bevor ab Sonntag nur noch „wesentliche“ Geschäfte offen bleiben durften.

Auch am Londoner Bahnhof

St. Pancras kam es zu Chaos. Da das Verlassen von Regionen in Stufe 4 ab Sonntag verboten war, drängten viele mit kurzfristig gebuchten Tickets in Züge. Sie und ihr Partner hätten in letzter Sekunde entschieden, mit dem kleinen Sohn ins Haus der Eltern an der Küste zu fahren, sagte eine Frau. „Wir konnten den Gedanken nicht ertragen, ein Kleinkind in einer kleinen Wohnung ohne frische Luft zu haben.“

Derartigen „Flucht“-Bewegungen soll nun aber der Riegel vorgeschoben werden. Verkehrsminister Grant Shapps kündigte am Sonntag an, dass die Polizei Familien daran hindern werde, Stufe 4-Gebiete per Auto oder Zug aus „nicht-essenziellen Gründen“ zu verlassen. Zusätzliche Beamte würden dafür auf den Bahnhöfen eingesetzt. Auch Londons Bürgermeister Sadiq Khan rief die Bevölkerung auf, zu Hause zu bleiben. Die Polizei kündigte an, „Maßnahmen gegen Menschen zu ergreifen, deren egoistisches Handeln andere gefährden könnte“.

Auch im Rest von England, wo fünf Festtage für Familientreffen geplant waren, sowie in Wales und Schottland, die selbst über Corona-Regeln entscheiden, sind Weihnachtsfeste jetzt auf den 25. Dezember beschränkt. Reisen zwischen Schottland, wo bisher 17 Fälle der neuen Virus-Variante identifiziert wurden, und anderen Teilen Großbritanniens sind verboten.

Einsamkeit

Vielen Menschen droht nun Einsamkeit, worauf eine Mitarbeiterin der britischen Gesundheitsbehörde NHS in einem Tweet über eine am Donnerstag entlassene Patientin hinwies: „Als ich sie am Freitag anrief, war sie so glücklich, Weihnachten mit ihrer Tochter und den Enkelkindern zu verbringen. 24 Stunden später ist sie in Stufe 4 und sieht Weihnachten allein ins Auge“.

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