© APA/AFP/ERIC FEFERBERG

Interview
04/02/2022

Erste ukrainische Olympiasiegerin: "Wir werden auf keinen Fall aufgeben"

Die ehemalige Eiskunstläuferin Oksana Baiul im Interview über den Krieg in ihrem Geburtsland und ihre Kindheit in der Sowjetunion.

von Elisabeth Sereda

Die Wurzeln gehen tief. Der Schmerz auch. Die Stimme bricht oft. Obwohl Oksana Baiul seit 29 Jahren in den USA lebt, hat sie ihre Verbindung zu ihrem Heimatland, zu Verwandten und Freunden nie abgebrochen. 1994 schrieb die damals 16-jährige in Lillehammer Geschichte, als sie mit einer bis heute viel bewunderten Kür die Goldmedaille im Eiskunstlauf für die Ukraine gewann.

Die Halbwaise, die keine Verbindung zu ihrem Vater hatte, zog mit ihrer Trainerin gleich danach nach New Jersey, um ihre professionelle Karriere mit Tourneen wie „Broadway on Ice“ zu starten. Derzeit lebt sie mit ihrem Mann Carlo Farina und der siebenjährigen Tochter Sophia in Las Vegas. Ein Umzug nach Shreveport, Louisiana steht unmittelbar bevor: die dortige Eislauf-Arena eignet sich bestens für eine von ihr geplante Charity-Veranstaltung zugunsten Ukrainischer Flüchtlinge.

Was ist Ihr Plan für die Flüchtlingshilfe?
Okasana Baiul: Mein Mann und ich werden Flüchtlingen aus der Ukraine Arbeit verschaffen. Wie wir das genau tun werden und was wir dafür geplant haben, darf ich noch nicht sagen, aber es ist mein Traum, das zu realisieren. Ich muss nur vorsichtig sein, denn wir haben es hier mit Sicherheitsbedenken zu tun. Ich habe mich sehr deutlich gegen Putin ausgesprochen.

Bis zu dem Tag, an dem er in die Ukraine vordrang, konnte ich mir nicht vorstellen, dass er es wirklich tun würde. Es war undenkbar. Wenn ich mit den Menschen im Land rede, dann höre ich immer wieder den Ausdruck „unsere russischen Brüder und Schwestern“ und den Unglauben in ihren Stimmen, dass so etwas möglich ist. Was die russischen Soldaten den Ukrainern antun, kann ich nicht einmal beschreiben, es ist unvorstellbar. Der Krieg herrscht seit einem Monat. Der Schmerz ist groß.

Haben Sie Kontakt zu Ihren Freunden, Ihren Verwandten in der Ukraine?
Ja, jeden Tag. Ich habe einen Onkel, dessen Sohn Ugainy – mein Cousin – an der Front kämpft. Seine Frau näht Fahnen für die Soldaten… Es tut so weh zu wissen, was sie durchmachen. Und ich weiß, dass die westliche Welt uns unterstützt, so gut es geht, aber ich möchte klarstellen, dass ich keiner bestimmten Partei angehöre und nicht mit der ukrainischen Regierung in Kontakt bin.

Ich spreche mit den Menschen, die das alles erleiden. Sie schicken Fotos und Videos, wenn sie können, die ich dann auch auf Social Media verbreite. Wir, die wir nicht dort leben, sind die Batterien für diese Menschen. Ich will auch nicht meine Zeit mit Weinen verschwenden, obwohl sich das nicht vermeiden lässt. Ich fühle mich der ukrainischen Erde verbunden.
 
Sprechen Sie auch mit Russen? Wissen und verstehen sie, was wirklich vorgeht?
90 Prozent von ihnen, ja. Aber ich inkludiere hier auch die Russen, die ich aus meiner Zeit in New Jersey kenne. Die, die nicht auf unserer Seite sind, erinnere ich dann an ihre eigene Vergangenheit. Einige ihrer Großväter wurden von den Bolschewiken umgebracht, oder mussten fliehen. Das gilt besonders für die, die in Amerika leben. Ich frage sie, warum lebst du hier, wenn du nicht an Demokratie glaubst?

Haben Sie jüdische Wurzeln?
Meine Großmutter hat meinen Großvater während des Zweiten Weltkriegs kennengelernt, und weil sie eine rumänische Jüdin war, wurden beide nach Sibirien geschickt, wo meine Mutter zur Welt kam. Später kamen sie alle zurück nach Dnipro, wo mein Großvater Familie hatte und wo ich geboren bin. Ich wusste nichts von meinen jüdischen Wurzeln, das wurde verheimlicht.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?
Als Kind wuchs ich ja noch in der Sowjetunion auf. Ich erinnere mich an lange, lange Schlangen vor den Geschäften, wo ich gewartet habe, damit wir Butter bekamen. Wir kannten die ganze Nachbarschaft. Wenn wir kein Geld für Nahrungsmittel hatten, borgten wir sie von den Nachbarn. Jeder half jedem.

Ich hatte kein Problem damit, jeden Morgen um halb fünf Uhr aufzustehen und zum Eislaufverein zu fahren, in einem elektrischen Bus, der manchmal so überfüllt war, dass ich nicht mitgenommen wurde. Dann musste ich laufen. Die Regierung zahlte mein Training und für die Sommercamps auf der Krim, wo alle ukrainischen EiskunstläuferInnen, aus Kiew, Dnipro, Donetsk hinfuhren. Für mich war die Krim immer ukrainisches Land.

In Europa gibt es Stimmen, die sagen, dass die Kämpfe aufgrund der humanitären Notlage um jeden Preis enden müssen, auch wenn das bedeutet, dass die Ukraine kapitulieren muss. Was halten Sie davon?
Ich habe Putins am zweiten Tag der Invasion gehört, in der er das Gefühl vermittelte, dass wir ihn besser alle fürchten sollen, dass die Ukraine aufgeben soll. Meine Reaktion war dieselbe wie die der Menschen Vorort: wir werden auf keinen Fall aufgeben. Diese Entschlossenheit hat sich seither nicht geändert, im Gegenteil, sie ist stärker geworden. Familien schicken ihre Kinder nach Rumänien und Polen, aber in vielen Fällen bleiben nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen und die älteren Leute im Land, weil sie alle kämpfen wollen.

Ich geben Ihnen ein Beispiel: Tanja Szewczenko, die berühmte deutsche Eiskunstläuferin, zog kürzlich von Obersdorf nach Holland und rief mich an, um anzubieten, eine Familie aufzunehmen. Ich gab ihr einen Kontakt, aber die Mutter sagte, ich schicke die Kinder, aber ich verlasse nicht meinen Mann, der hier für unser Land kämpft. Diese Menschen werden nie aufgeben.

Wenn Sie sich zurückerinnern an den Tag, an dem Sie die Goldmedaille gewannen, wie wichtig war es, damals Ukrainerin zu sein?
Ich war die erste Goldmedaillengewinnerin. Die konnten nach meinem Sieg die ukrainische Flagge nicht finden. Der Teamführer musste ins Olympische Dorf zurücklaufen, um die eine Aufnahme der Hymne zu holen. Das war das erste Vorstellen meines Landes gegenüber der Welt. Wenn ich mir heute die Aufnahmen der Siegerehrung anschaue, als ich auf dem Podium stand, kann ich nur sagen, was für eine perfekte Arbeit von CBS geleistet wurde. Sie haben die Fahne über mein Gesicht projiziert.

Als ich dann in die USA kam, wusste keiner, wo mein Land ist, aber alle kannten die Sowjetunion. Heute, aufgrund des Krieges, weiß es jeder. Und dass wir unsere eigene Nation sind mit unserer eigenen Flagge und Hymne.

Ihre Kür damals, im schwarzen Trikot zur Musik von „Schwanensee“ hatte mehr als nur den künstlerischen und athletischen Aspekt. Da drang ein tiefer Schmerz durch. Man sagt, dass Osteuropäer kulturell und historisch eine Melancholie in sich tragen. Spürten Sie das?
Ich habe mir erst gestern Nacht dieselbe Frage gestellt. Sie haben recht, das spielte eine Rolle. Aber es war auch ein persönlicher Schmerz dabei. Meine Mutter starb, als ich 13 war. Sie hat mich nie im Wettbewerb gesehen. Ich lief diese Kür aus dem Herzen heraus. Und das ist gleichzeitig so typisch für das Land und die Kultur, aus der ich stamme.

Ich sage meiner Tochter, die mein Talent geerbt hat, immer: „Es muss nicht 100 Prozent perfekt sein. Höre der Musik zu und eislaufe aus deiner Seele heraus. Teile dein Talent, schenke es den Menschen. Sie verstehen nicht den dreifachen Axel, aber sie spüren deine Seele.“ Und das ist die ukrainische Seele.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare