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Analyse
07/26/2020

Erdoğan sieht sich als "historischer Führer" mit Mission

Wie der Präsident der Türkei tickt, und warum er intern wie extern für eine derart starke Polarisierung sorgt, analysiert Experte Cengiz Günay.

von Walter Friedl

Vom kleinen Sesamkringel-Verkäufer aus ärmlichen Istanbuler Verhältnissen zum nahezu uneingeschränkten Herrscher eines 85-Millionen-Volkes – der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan legte eine beeindruckende Karriere hin. Seit knapp 20 Jahren ist er der starke Mann am Bosporus und spielt somit in einer Liga mit dem Übervater des Landes, Staatsgründer Kemal Atatürk.

Wie dieser „sieht er sich bereits als historische Führungspersönlichkeit, die er nach all den Jahren tatsächlich auch ist“, analysiert Cengiz Günay vom Österreichischen Institut für Internationale Politik. Der mittlerweile 66-Jährige habe „eine Mission, die da lautet, die Türkei prägend zu verändern“. In Bereichen sei ihm das auch gelungen: Der Wohlstand sei in den vergangenen beiden Jahrzehnten gestiegen, das Land nun Teil im erlauchten Zirkel der 20 wichtigsten Industrienationen (G 20), und der Einfluss des Militärs sei zurückgedrängt worden.

„Absoluter Autokrat“

Das kann einem schon zu Kopf steigen. „Denn Erdoğan agiert seit geraumer Zeit als absoluter Autokrat. Speziell nach dem Putschversuch 2016 sieht er sich als – alleiniger – Retter der Nation“, sagt Günay zum KURIER.

Politische Gegner wurden und werden mundtot gemacht, oppositionsfreundliche Medien geschlossen. Und wenn es dann dennoch Umfragen-technisch nicht rund läuft – wie soeben wegen der auch, aber nicht nur Corona-bedingten Talfahrt der Wirtschaft –, spielt der Präsident die nationalistische Karte. Meist und mit Vorliebe mittels Auslands-Bashing. „Er ist ein gnadenloser Populist, für seinen Machterhalt und missionarischen Impetus heiligt der Zweck fast alle Mittel“, betont Günay.

Dabei zeige sich Erdoğan äußerst flexibel: Mild und konziliant, wenn es ihm opportun erscheint – wie zu Beginn des EU-Beitrittsprozesses; polternd und schroff, wenn er die eigene Klientel bei der Stange halten will – wie bei der soeben erfolgten Rückumwandlung der Istanbuler Hagia Sophia in eine Moschee.

„Eigene Militärpolitik“

Dass der strenggläubige Staatschef auf regionaler, ja globaler Ebene ebenfalls eine dominante Rolle spielen will, daran ließ er ebenfalls nie Zweifel aufkommen. Wobei das, erläutert Politologe Cengiz Günay, nicht nur seiner Eitelkeit geschuldet sei, sondern auch den Umbrüchen in der bisherigen Weltordnung: „Der Multilateralismus ist mehr oder weniger zu Ende. Alte Allianzen bröckeln, das gilt auch für die NATO. Und so richtet sich auch die Türkei neu aus.“

Der erste Anlauf im Zuge des Arabischen Frühlings sei zwar spektakulär gescheitert – die Muslimbruderschaften, auf die Ankara etwa in Ägypten oder Syrien gesetzt hatte, sind zumindest dort als politische Kräfte inexistent. Jetzt, so Günay, verfolge die türkische Regierung eine offensivere Strategie und praktiziere unter impliziter Bezugnahme auf eine „große Nation mit großer Geschichte eine eigenständige Militärpolitik“. Interventionen in Syrien, Libyen oder dem Irak zeugen davon.

Flugzeugträger

Und zu diesem Zweck werde der industrielle-militärische Komplex gerade massiv auf- und ausgebaut. „In bestimmten Kreisen“, schildert Günay, „wird sogar der Traum eines türkischen Flugzeugträgers ventiliert.“ Hochfliegende Pläne, wohl ganz nach dem Geschmack des Führers mit Mission.

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