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Politik Ausland
07/24/2020

Hagia Sophia: Die "Auferstehung" der Moschee

Der türkische Staatschef Erdoğan feiert erstes Freitagsgebet nach 85 Jahren. Die Kritik kam von vielen Seiten.

von Walter Friedl

Für die einen eine Provokation und ein Angriff auf das Symbol des Laizismus, für die anderen die Erfüllung eines lang gehegten Traumes. Dass heute, Freitag, in der Hagia Sophia in Istanbul erstmals wieder seit rund 85 Jahren ein muslimisches Gebet abgehalten wird (christliche Darstellungen sollen verhüllt werden), spaltet nicht nur die Türken, sondern hat auch international heftige Reaktionen hervorgerufen.

Das Datum wurde von Staatschef Recep Tayyip Erdoğan, der von „Auferstehung“ spricht, ganz bewusst gewählt: Am 24. Juli 1923 wurde der Vertrag von Lausanne unterzeichnet, der die bereits erfolgte Vertreibung der (christlichen) Griechen im Nachhinein gleichsam legalisierte. „Das passt gut zu der Zivilisationskampf-Rhetorik, derer sich der Präsident so gerne bedient“, sagt Cengiz Günay vom Österreichischen Institut für Internationale Politik zum KURIER.

Und mit der Umwidmung der früheren Kirche und des bisherigen Museums in eine Moschee, so der Türkei-Experte, inszeniere sich Erdoğan als „Eroberer“. Hintergrund: Als Sultan Mehmet II. Fatih, der den Beinamen „Eroberer“ erhielt, 1453 Konstantinopel (heute Istanbul) einnahm, machte er aus der byzantinischen Kirche ein muslimisches Gebetshaus.

„Dass der Präsident nun einen ähnlichen Schritt setzt, zeigt, dass er eben aus dem islamistischen Lager türkischen Typs stammt. Und er fühlt sich offenbar stark genug, das Erbe von Republikgründer Atatürk, die strikte Trennung von Staat und Religion, anzugreifen“, analysiert Günay. Doch zugleich sei Erdoğan ein „Opportunist und Machtmensch, der sich von Umfragen leiten lässt“.

Und diese seien zuletzt nicht berauschend gewesen. „Die Wirtschaftskrise, die durch Corona noch verschärft wurde, ist jetzt für die breite Masse spürbar. Vor allem die Jugend kann der Staatschef und seine regierende AKP nicht mehr erreichen“, betont der Politologe. Also versuche er, die Reihen unter den konservativen und religiösen Stammwählern zu schließen. Die Hagia Sophia, deren Umwandlung in eine Moschee bestimmte Kreise seit Jahrzehnten forderten, sei ein gutes Vehikel dafür.

Kritik vom Großmufti

International gab es nach der Entscheidung teils heftige Proteste – vor allem aus den christlich-orthodoxen Ländern Griechenland und Russland. Selbst der ägyptische Großmufti, Scheich Shawki Ibrahim Allam, kritisierte den Schritt: Eine Kirche in eine Moschee umzuwandeln, sei illegal. Papst Franziskus meinte nur kurz und bündig: „Ich denke an die Heilige Sophia, und es schmerzt mich sehr.“ Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg wurde da eindeutiger und sprach von einer „Provokation“.

Diese negativen Reaktionen habe Erdoğan gleichsam eingepreist, streicht Cengiz Günay hervor, mehr noch, er nutze sie, um auf einer nationalistisch-religiösen Welle zu reiten. Motto: Seht her, der Westen mag uns ohnehin nicht, also tun wir, was wir wollen. Tatsächlich wurden viele Appelle, die Umwandlung der Hagia Sophia, die zugleich auch eine der Top-Touristen-Attraktionen in der Türkei darstellt, in eine Moschee nochmals zu überdenken, in den Wind geschlagen.

Imam war zuvor in Österreich

Als erster Imam in der nun zur Moschee umgewandelten Hagia Sophia (türkisch Ayasofya) fungiert Ferruh Mustuer. Der in der Türkei geborene muslimische Geistliche hat bosnische Wurzeln. Und laut dem Online-Portal Havadis.at war Mustuer zwischen 2006 und 2010 auch in Österreich tätig.

Eine Spur in die Alpenrepublik glaubt auch der in Wien lebende türkisch-stämmige Software-Berater Bilal Baltaci gefunden zu haben. Auf Twitter behauptete er, der neue Hagia-Sophia-Imam sei zwischen 2010 und 2013 im oberösterreichischen Grieskirchen für ATIB tätig gewesen – der Tweed wurde allerdings später gelöscht.
Die „Türkisch-Islamische Union in Österreich“ gilt als streng konservativ. Viele sehen in ihr einen verlängerten Arm des türkischen Präsidenten Erdoğan.

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